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"Es würde mich freuen, wenn es Ihnen richtig gruselig zumute würde"

KIRCHHEIM Mantel- und Degenszenen und Bergunfälle kämen in dem Buch "Damenopfer" ebenso vor, wie Liebesszenen und Hexenbesuche. Dinge eben, die, wie die Autorin Ulrike Zubal am Sonntag im Kirchheimer Literaturmuseum zugab, ihr an Trivialromanen schon immer gefallen hätten. Mit der Lesung

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HEINZ BÖHLER

einiger dieser und anderer Szenen aus ihrem dritten Roman begeisterte die in Kirchheim nicht ganz unbekannte Historikerin ein aufnahmebereites Publikum, das sich in dem kleinen Lesesaal des der Stadtbücherei gegenübergelegenen Max-Eyth-Hauses mit nur wenig Platz und mit der Zeit immer weniger Sauerstoff begnügen musste.

"Es würde mich freuen, wenn es Ihnen dabei richtig gruselig zumute würde", bereitete Ulrike Zubal ihre überwiegend weibliche Zuhörerschaft auf den Besuch einer der Protagonistinnen ihres neuen Romans "Damenopfer" bei einer Hexe vor, bei dem sie dann tatsächlich nicht an einer detaillierten Schilderung ziemlich unappetitlicher Geschehnisse sparte, beim wachsbleichen Anblick eines frisch vom Rumpf getrennten Männerkopfes angefangen, unter dessen blutunterlaufenen Augen die Halspartie noch in Fetzen nach unten weghing, bis zur Enthauptung einer Ratte am Ende der merkwürdigen Séance. Dabei blickt sie meist vor sich hin oder ins Publikum, über die runden Gläser einer fast auf der Nasenspitze sitzenden Brille weg, als könnte sie kein Wässerchen trüben. Was sich aber im Laufe der Lesung als (arglistige?) Täuschung herausstellen sollte, denn mit Trivialliteratur hat der Roman, den sie vorstellte, nur so viel zu tun, dass einzelne Teile des Plots auch in einem solchen eine, allerdings erheblich einfachere Wirkung erzielten.

Ulrike Zubal schildert die Erlebnisse zweier Liebespaare, von denen das eine im 15. Jahrhundert, das andere in unserer Zeit angesiedelt ist. Ein Sonettdichter, auf dessen Werk eine Studentin bei der Sichtung des Nachlasses von Eduard Mörike aufmerksam geworden war, lebte (oder lebte nicht, was nicht so wichtig wäre, weil die Welt, wie sich herausstellen sollte, sowieso nur ein Gedankenkonstrukt darstellt) im mediceischen Florenz, wo er sich in eine uneheliche Tochter des Condottiere Sigismondo Malatesta verliebte. Die Studentin erzählt ihrem geliebten Professor davon. Der wittert eine literarische Sensation und schickt die Studentin mit dem Auftrag nach Florenz. Die findet einige aufschlussreiche Informationen über das Liebesleben in einer spätmittelalterlichen italienischen Metropole, darunter jene Schilderung des bereits erwähnten Hexenbesuchs.

Ulrike Zubal liest so akzentuiert, dass ihre Zuhörerinnen ihr mit meist geschlossenen Augen überall dahin folgen, wohin ihre Geschichte sie führt. Das lässt natürlich auch wenig Zweifel daran aufkommen, welcher ihrer Figuren die Sympathie der Autorin gehört, wobei das für die Zeichnung derselben keineswegs von entscheidender Bedeutung ist, hatte sie sich doch für die Erfüllung ihres Planes eine ihrer Figuren, so genau und differenziert zu zeichnen und in die historische Wirklichkeit seiner Zeit einzufügen, dass sie, wiewohl Fiktion, dort gelebt haben könnte. Und genau dazu hatte sich die Autorin keine der beiden Frauen, sondern den florentinischen Sonettdichter Filippo Gattoni ausgesucht, dem sie dann höchstselbst auch gleich einige dieser Gedichte auf den nie Fleisch gewordenen Leib geschrieben hatte. Drei Wochen habe sie für ein einziges davon gebraucht, teilte sie nach der Lesung ihren erstaunten Zuhörern mit und wies auf die hohen formalen Anforderungen hin, die ein Sonett an dessen Autor stellt. Entsprechend wurde ihre Lesung und die Spannung, die über die Bekanntmachung des Publikums mit den handelnden Personen der so unterschiedlichen Zeitebenen entstanden war, mit einem abschließenden Applaus belohnt. Übrigens hatte Ulrike Zubal schon im Prolog, in dem die Ausstattung eines französischen Heimatmuseums beschrieben wird, deutlich gemacht, dass sie, was den Satzbau betrifft, es eher mit Thomas Mann oder Kleist als mit Hemingway zu halten pflegt. Allein deshalb ist das "Damenopfer", wie schon während der Begrüßung zur Sprache gekommen war, keine Lektüre für die S-Bahn-Fahrt, sondern es bedarf einer gewissen Konzentration, sich in den Sprüngen zwischen den beiden Erzählsträngen nicht in den Jahrhunderten zu verheddern.