Lokales

"Ess-Eckle" avanciert zum Schul-Mittelpunkt

Das "Ess-Eckle" ist innerhalb kürzester Zeit zum Selbstläufer geworden. Mit einem solchen Ansturm auf die Mensa im Schulzentrum in Oberlenningen hat keiner gerechnet. An einigen Tagen muss sogar in Schichten gegessen werden, weil alle Plätze belegt sind.

IRIS HÄFNER

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LENNINGEN Morgens um 10 Uhr riecht es in dem Neubau schon deftig-lecker nach angedämpften Zwiebeln und angebratenem Fleisch. "Heute gibt es Gulasch mit Reis und Kässpätzle als vegetarisches Gericht", sagt Margret Schade. Die Hauswirtschaftsmeisterin ist Herrin der neuen Küche im Schulzentrum in Oberlenningen und souveräne Leiterin eines dynamischen Arbeitsplatzes. "Hallo Frau Schade!", tönt es fröhlich kurz nach 12 Uhr aus sämtlichen Kehlen. Das zeigt, welchen Stellenwert die Frau aus Hengen innerhalb kürzester Zeit im Schulalltag erreicht hat. Die Namen der 82 Ganztagsschüler kennt Margret Schade, die ihrer zahlreichen Laufkundschaft noch nicht. Donnerstags ist dank des Mittagsunterrichts der Haupttag. Als es da auch noch Pizza gab, wollten 230 Schüler in der Mensa essen.

Neben der Chefin sind aber auch die vielen Mütter Garant für den Erfolg der Mensa. Morgens um 8.30 Uhr geht es los. "Bei so einer netten Gruppe macht es richtig Spaß, einmal im Monat zu kochen", sagt Angelika Raichle. Die vier anderen Frauen kennt sie seit den Kindergarten-Tagen ihrer Kinder. Gemeinsam haben sich die erfahrenen Hausfrauen dazu entschlossen, in der Mensa mitzuhelfen. Um 10 Uhr ist schon der Nachtisch fertig und die letzten Schälchen Salat werden befüllt mit frischem, kleingeschnittenem Gemüse. Weil es keinen deutschen Eissalat mehr gibt, hat die Chefin kurzerhand auf regionalen Chinakohl umgestellt. "Herr Sigel vom Edeka-Laden in Oberlenningen fährt regelmäßig nach Stuttgart auf den Großmarkt. Mit ihm habe ich ausgemacht, dass er vor Ort entscheiden kann, was er mitbringt. Mir ist frische, regionale Ware wichtig", sagt Margret Schade, die auf zehn Jahre Mensa-Erfahrung im Graf-Eberhard-Gymnasium in Bad Urach zurückblicken kann.

Regional ist nicht nur das Gemüse, auch Nudeln und Eier kommen aus Lenningen, ebenso das Fleisch. "Ich hab' einen spitzenmäßigen Metzger, der selber schlachtet", lobt die Hauswirtschaftsmeisterin. Von sämtlichen Metzgern hat sie sich Angebote kommen lassen, Metzger Ehni hat den Zuschlag bekommen. Keine Frage, dass die 25 Kilogramm Gulasch geschnitten geliefert werden. Den Sack Zwiebeln dazu hat allerdings Alfred Giermann allein schälen und schnippeln dürfen. Der Hobbykoch kommt aus Eckernförde und ist im August von der Ostsee auf die Schwäbische Alb nach Schopfloch gezogen. Dem Aufruf im Mitteilungsblatt ist er gefolgt und seit dem Nikolaustag ist er der einzige Mann in der ständig wechselnden Frauenriege.

Als gegen halb elf die gröbste Arbeit getan ist, gönnt sich die Gruppe eine Pause mit Brezeln und selbst gebackenen Gutsle. Währenddessen brodelt im großen Thermokochtopf der Früchtetee vor sich hin. Später wird er noch mit Apfelsaft aufgefüllt. "Die Kinder trinken zu wenig. Der Punsch ist umsonst", sagt Margret Schade. Dabei können sich die Preise in der Lenninger Mensa sehen lassen: Das Tagesessen kostet beispielsweise 1,80 Euro, ein kleiner Salat 50 Cent, der Nachtisch 40 Cent und das Glas Mineralwasser 10 Cent.

Kaum sind die Kaffeetassen leer, mahnt Margret Schade nach einem Blick auf die Uhr zur Eile. Das Wasser für die Spätzle kocht in der High-Tech-Küche innerhalb kürzester Zeit. Weitaus arbeitsintensiver ist dagegen das Kleinschneiden der Weckle für die Semmelknödel. Nordlicht Alfred Giermann hat an diesem Tag eine Premiere: Der erste Knödel seines Lebens schmeckt ihm hervorragend. Die Kinder haben an diesem Tag die Qual der Wahl. Zum Gulasch können sie zwischen Reis, Knödel, Spätzle und Kässpätzle wählen. Einige nehmen von allem etwas, die Schleckermäuler nur Nachtisch und Kuchen, den eine Mutter ofenfrisch geliefert hat. "Wir fragen jedes Kind, was es will", erzählt Karin Schott. "Mancher will wenig Fleisch, dafür mehr Beilage, oder umgekehrt", ergänzt Heidi Löw.

Die Schüler sind zufrieden mit Service und Essen. "Für das warme Essen sind einige echt dankbar", sagt Heide Attinger. Die Hitliste der Gerichte führen eindeutig Pizza und Spaghetti an. Derart "verpackt" schmeckt den Kindern und Jugendlichen auch Spinat, so die Erfahrung der Hauswirtschaftsmeisterin.

"Ein Montagmorgen ohne den Wochen-Speiseplan ist sehr schlecht", so die Erfahrung von Christoph Gruner, Schulleiter an der Förderschule. Als der Mensa-PC streikte, seien seine Schüler recht nervös geworden. Vergangene Woche ist dieses Malheur nicht passiert, und so wussten seine Schützlinge frühzeitig, auf was sie sich freuen können. Am Montag Spinat-Spaghetti, am Dienstag verschiedene Lasagne, am Mittwoch Nudelsuppe und Ofenschlupfer und am Donnerstag Gulasch mit Reis und Kässpätzle. Christoph Gruner ist wie viele seiner Schüler Dauergast in der Mensa. Bei dem Platzmangel, der im Speisesaal zu den Stoßzeiten herrscht, sitzen die Schüler kreuz und quer, unabhängig von Schulart und Klassenstufe. "So bekommt man untereinander viel mehr mit. Seit es die Ganztagsschule gibt, habe ich in all den Jahren zum ersten Mal den Eindruck gewonnen, dass wir von der Förderschule nicht abseits sind", findet Christoph Gruner lobende Worte.

Auf gute Ernährung legt Margret Schade Wert. Die Kinder und Jugendlichen sollen merken, dass auch gesundes Gemüse schmackhaft zubereitet werden kann. "Ich bin aber keine Fanatikerin. Zu Pommes steht die Ketchup-Flasche auf dem Tisch", meint sie lachend. Wohl auch deshalb hat sie die Herzen der Kinder erobert. Außerdem ist Margret Schade eine angenehme Atmosphäre wichtig. Die herrscht in der Küche im Team und ist auch im Speisesaal zu sehen. "Ich mag es gerne heimelig", verrät die Mensa-Chefin. Es liegen rote Läufer auf den Tischen und auf ihren Wunsch haben die Schüler der Ganztagsschule schönen Kerzenschmuck für den Advent gebastelt und weil die Fenster gar so kahl waren, gab's auch noch das eine oder andere bunte Bild für die Scheiben.

Schon lange vor dem Klingeln stehen die ersten Schüler an der Tür und warten auf Einlass. Die Schlange bei der Essensausgabe wächst schlagartig an, die Disziplin ist umso erstaunlicher. Jeder wartet geduldig, bis er an der Reihe ist und das dauert bei der Beilagenauswahl mitunter etwas länger. Den Name "Ess-Eckle", haben die Schüler des Oberlenninger Schulzentrums selbst gegeben. Der Schriftzug ziert jeden Schurz der Mütter und ist somit in vielen Lenninger Haushalten präsent. Bis die Köche jedoch zu Hause sind, dauert es noch eine ganze Weile, denn die Küche wird erst verlassen, wenn sie blitzblank ist.