Lokales

Essen, trinken und sich freuen

"Kein größeres Glück gibt's für den Menschen, als dass er isst und trinkt und sich freut". Wohl deshalb gibt es Feste, seit es Menschen gibt, wohl deshalb feiert der Mensch Feste von der Geburt bis zur Bahre. Nicht von ungefähr schreibt der amerikanische Theologe Harvey Cox in seinem Buch ,Das Fest der Narren': "Seinem innersten Wesen nach ist der Mensch ein Geschöpf, das nicht nur arbeitet und denkt, sondern das auch singt, tanzt, betet, Geschichten erzählt und feiert. Der Mensch ist ,homo festivo'. Man beachte den universalen Charakter der Festlichkeit im Dasein der Menschen! Keine Kultur ist ohne sie . . . Wo aus einer Kultur die Festlichkeit verschwindet, ist etwas allgemein Menschliches in Gefahr."

Wie recht Harvey Cox hat, bestätigen uns jetzt auch all die verschiedensten Feste, die in diesen Tagen und Wochen gefeiert werden. Wenn auch die Feste kurz vor den Sommerferien geballt auf uns zukommen und uns fast in Feststress bringen, müssen wir doch zugeben, wie arm wir wären ohne Feste. Feste ermöglichen uns wichtige Begegnungen, sie verhelfen uns zur Kommunikation und Gemeinschaft. Sie geben unserem Leben Kontur und Rhythmus. Im Fest sind wir herausgehoben aus dem Alltäglichen. Es ist deshalb mehr als angebracht, dem Sprichwort zu folgen: "Man soll die Feste feiern wie sie fallen" und auch manches Mal wenigstens der nicht gerade schwäbischen Devise Gehör zu schenken: "Lieber Feste feiern als feste arbeiten."

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Auch Jesus war kein Kind von Traurigkeiten, auch Jesus feierte gern und besuchte so manches Fest, war ein Einladender und ließ sich auch gern einladen. So wie er so manches Mahl als Vorgeschmack des himmlischen Hochzeitsmahles charakterisierte, so sind auch wir eingeladen, das Stadtfest an diesem Wochenende mit all den kulinarischen Köstlichkeiten ganz ähnlich zu beurteilen, auch wenn sich die Einstellung zum Essen auf Festen und den damit verbundenen Folgen von Grund auf gewandelt hat. Hatte der beleibte Konsul Lukullus noch einen Ehrenplatz in den Annalen, so müssen wir uns heute mit der Erfindung des Kalorienzählens auseinandersetzen und uns die digitale Waage als einen integralen Bestandteil unserer täglichen Ess- und Trinkgewohnheiten gefallen lassen. Hin und wieder sollte aber selbst der konsequenteste Asket dem Ruf der heiligen Teresa von Avila folgen: "Wenn Fasten dann Fasten, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn."

Was mich betrifft ich bin ein problemloser Esser, der gern und gut isst und so eben Probleme mit dem Übergewicht hat. Am Stadtfest werde ich der guten Teresa folgen. Und schon jetzt läuft mir das Wasser im Mund zusammen, wenn ich an die internationale Küche denke, an die spanische Paella, an Kotlowina aus Kroatien, an die italienische Pizza, den türkischen Döner und nicht zuletzt an die schwäbischen Schupfnudeln. Auch eine weitere Feststellung der mir sympathischen Kirchenlehrerin Teresa von Avila, die da sagt: "Bedenke, dass der Herr auch in der Küche inmitten der Töpfe euch nahe ist", motiviert mich beim Stadtfest, Gott zu suchen und zu finden in den Köstlichkeiten der internationalen Küche.

Damit das Stadtfest für uns alle aber auch tatsächlich zum Fest wird, muss uns klar sein, dass ein tolles Fest mehr als die Summe seiner materiellen Zutaten ist, mehr als Essen und Trinken. Weder der Konsument nach der distanzierte Beobachter lassen ein Fest zum Fest werden. Die beste Organisation und unterhaltsame Angebote sind für das Gelingen eines Festes wohl sehr wichtig, machen aber letztlich das Fest auch nicht zum Fest. Wichtig erscheint mir, dass jeder sich selbst einbringt, teilt und teilhaben lässt an seiner Originalität und mit seiner Person Gemeinschaft stiftend wirkt. Ohne Gemeinschaft gibt es keine festliche Freude.

Wo zwischen Menschen Begegnungen entstehen, dort kann mit Freude gefeiert werden. Wo Vertrauen herrscht und jeder sich angenommen fühlt, dort gelingt ein Fest. Da schwindet alle Zurückhaltung, da lösen sich Spannungen, da wird Freude möglich. Wie recht Kohelet im Alten Testament hat. Zusammenfassend gleich fünf Mal im gleichnamigen Buch in der Bibel sagt er dies mit den Worten: "Kein größeres Glück gibt's für den Menschen, als dass er isst und trinkt und sich freut." Ein schönes Stadtfest! Pfarrer Franz Keil Sankt Ulrich, Kirchheim