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Exklusiver Blick von oben aus Sicherheitsgründen versagt

So dicke, wie von Deutschlands Piloten befürchtet, kommt's nun doch nicht: Die Einschränkungen für die allgemeine Luftfahrt während der Fußball-WM halten sich in Grenzen. Dies freut auch die Kirchheimer Motor-, Segel- und Modellflugpiloten, deren fliegerische Heimat nur rund 25 Kilometer vom Gottlieb-Daimler-Stadion entfernt liegt.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM

O:902F603.EP_Seit dem 11. September 2001 wird von Politikern alles, was Flügel hat, kritisch beäugt. Kommt dann noch ein bundesweites Großereignis von internationalem Rang wie die Fußball-WM hinzu, liegen die Nerven blank. Den drei großen "S" Sport, Spiel, Spaß wird ein weiteres vorangesetzt, das da lautet "S" wie Sicherheit. Und dafür, scheint es, wird werbewirksam alles getan. So dachten im Vorfeld der Weltmeisterschaft Behördenvertreter und Politiker laut über Flugverbotszonen um die WM-Austragungsorte mit einem Radius von 50 nautischen Meilen (90 Kilometer) nach. Innerhalb dieser Zonen sollten sämtliche Fluggeräte, inklusive Modellflugzeuge, am Boden bleiben. Von der Regelung ausgenommen werden sollten Flugzeuge, die für die Sponsoren der WM Werbung fliegen sowie Polizei- und Rettungshubschrauber und Bundeswehrmaschinen.

Damit war das Maß für die Piloten der Luftsportvereine voll, denen bereits neue Gesetze und Bestimmungen in den vergangenen Jahren wie die verschärfte fliegerärztliche Überprüfung der Lufttauglichkeit und die Zuverlässigkeitsüberprüfung tiefe Zornesfalten auf die Stirne zeichneten. Jetzt sollten im Zuge der Weltmeisterschaft auch noch 96 Prozent der fliegenden Bevölkerung vom Luftverkehr ausgeschlossen werden. Das rief den Deutschen Aero Club, dessen Mitgliedsverbände und Sportfachgruppen auf den Plan. Sie protestierten massiv gegen die angekündigten Einschränkungen.

Mit dem in Kirchheim in der Firma Graupner hergestellten Demo-Fliegerchen "Twenny" warben die Sport- und Privatpiloten um Sympathie bei den Abgeordneten und machten auf "unsinnige Bürokratie, nachteilige Gesetzgebungen und auf das Verordnungschaos für die allgemeine Luftfahrt aufmerksam", wie der Kirchheimer Siegmund Maier, Vize-Präsident des Baden-Württembergischen Luftfahrtverbandes BWLV, im Verbandsorgan der Flugsportler, dem "Adler", schrieb. Maier persönlich übergab gemeinsam mit BWLV-Präsident Gerd Weinelt und Geschäftsführer Klaus Michael Hallmayer den Sympathieflieger im Stuttgarter Landtag an den Landtagspräsidenten Peter Straub, Vizepräsidentin Beate Fauser und Vertreter der Fraktionen.

Die Gespräche und Proteste zahlten sich, was die Weltmeisterschaft betrifft, aus. Anfang April einigten sich Vertreter der Sicherheitsbehörden und der Innenminister darauf, Flugbeschränkungsgebiete mit einem Radius von nur noch drei nautischen Meilen (rund 5,6 Kilometer) rund um die Spielstätten zu errichten. Das bedeutet für Sport- und Privatpiloten, sie dürfen drei Stunden vor Spielbeginn bis drei Stunden nach geplantem Spielende nicht in die Drei-Meilen-Zone um das jeweilige Stadion einfliegen. Diese Einschränkungen gelten aber nur für Sichtflüge. Davon nicht betroffen sind die Airliner, die zum Beispiel während des Spiels im Gottlieb-Daimler-Stadion den Stuttgarter Flughafen anfliegen. Aber auch alle anderen Piloten, die einen Flugplan nach Stuttgart aufgeben oder die nach Instrumentenflugregeln fliegen sowie die bereits genannten Rettungsflüge sind von der Regelung ausgenommen.

Durch das Drei-Meilen-Flugbeschränkungsgebiet soll ein "Mords-Flugbetrieb" während der Spiele über den Stadien verhindert werden. VIP-, Fotoflüge und Ähnliches könnten über den Austragungsorten doch zu einem erheblichen Gefahrenpotenzial für die Zuschauer werden.

Zusätzlich wird es "im besonderen Bedarfsfall" Flugbeschränkungsgebiete von 30 nautischen Meilen (56 Kilometer) rund um die Stadien geben. Diese Zonen sind aber zunächst "grundsätzlich nicht aktiv". Laut Deutsche Flugsicherung DFS kann die 30-Meilen-Zone kurzfristig "zirka 24 Stunden vorher" aktiviert und per so genanntem Notam (Nachricht für Luftfahrer) bekannt gegeben werden. Im Großraum Stuttgart könnten die Luftsportler bei "einer erhöhten Gefährdungslage" während des Achtel-Finalspiels am 25. Juni sowie des Spiels um den dritten Platz am 8. Juli davon betroffen sein. "Das heißt, wenn es Erkenntnisse für einen Anschlag gibt, beantragt das Innenministerium beim Luftfahrtbundesamt die Aktivierung der 30-Meilenzone", sagte Günter Loos, ein Sprecher des Stuttgarter Innenministeriums.

Von den Beschränkungen ausgenommen sind unter anderem Verkehrs- und Charterflugzeuge der Luftverkehrsgesellschaften, die auch während der Spiele Flughäfen wie Stuttgart und Frankfurt anfliegen. Beide Orte haben eines gemeinsam: Sowohl das Daimlerstadion als auch das Waldstadion, jetzt die Commerzbank-Arena, liegen in unmittelbarer Nähe der Einflugschneise. "Linienmaschinen werden bei entsprechenden Erkenntnissen auf eine bestimmte Höhe gesetzt," erklärte Günter Loos.

Die Flugplatzbetreiber sind verpflichtet, die Einhaltung der Beschränkungen für Sichtflieger zu überwachen. Verantwortlich dafür ist auf der Hahnweide der Baden-Württembergische Luftfahrtverband, beziehungsweise dessen hauptamtlicher Flugleiter Hayo Poetzsch. Sollte die 30-Meilen-Zone aktiviert werden, so wären im Kirchheimer Raum etwa 2 000 Flugsportler betroffen, schätzte Siegmund Maier. In der Praxis würden die Segelflieger jedoch nur am Boden bleiben müssen, wenn Spiele im Gottlieb-Daimler-Stadion am Nachmittag oder frühen Abend angepfiffen werden, wie etwa beim Achtelfinalspiel, das am Sonntag, 25. Juni, um 17 Uhr beginnt. Die Vorrundenspiele Spanien Tunesien sowie Kroatien Australien beginnen beide erst um 21 Uhr. Dann können auch die sportbegeisterten Piloten vor dem Fernseher sitzen.