Lokales

Exotischer Stundenplan

Orienttag an der Konrad-Widerholt-Förderschule

Ganz im Zeichen des Nahen Ostens stand der Orienttag an der Konrad-Widerholt-Förderschule mit allem was dazu gehört: Bauchtanz und Hamam, süßes Gebäck und schwarzer Tee, Musik und Märchen.

Anzeige

Iris Häfner

Kirchheim. Ausnahmezustand in der Schule: Statt Rechnen oder Lesen steht in der ersten Stunde die Oper „Scheherezade“ auf dem Stundenplan und die Lehrerinnen sind in buntbestickte, lange Gewänder gehüllt, tragen exotische Kopfbedeckungen und rufen ihren Schützlinge ein freundliches „Salaam“ entgegen. „So begrüßt man sich in orientalischen Ländern – Friede sei mit Dir“, steht in der liebevoll gestalteten Einladung des Fördervereins der Konrad-Widerholt-Förderschule, auf dessen Initiative der Orienttag veranstaltet wird.

Drei Wochen lang haben die Lehrer ihre Schüler auf diesen besonderen Tag vorbereitet. Vieles haben die Kinder und Jugendlichen dabei über den Nahen Osten erfahren, beispielsweise über Landschaft, Klima, Bäderkultur, Teezeremonie oder Bräuche. „Natürlich geht es uns auch um die interkulturelle Verständigung. Wir haben viele Kinder, die aus dieser Region stammen“, sagt Susanne Schöllkopf, Lehrerin an der Förderschule. Insgesamt besuchen 134 Schüler die Schule von Klasse eins bis neun, dazu kommt noch die Vorklasse für die Jüngsten.

Musikalisch starten die Schüler in den (Orient-)Tag. Zu Gast ist die ­Piccolino Kinderoper aus Wien und führt die Oper „Scheherazade“ auf. Die Geschichte basiert auf Motiven aus 1001 Nacht, die Musik stammt aus der Feder von Carl Maria von Weber. Mit dem Inhalt sind die jungen Zuhörer schon ein bisschen vertraut, doch um das wahrhaftige Ereignis besser nachvollziehen zu können, befasst sich nochmals jede Klasse für sich mit dem Kunstgenuss. „Die Kinder sind dankbar für jede Aufmerksamkeit und Aktion – unsere Schüler sind im Normalfall nicht überfrachtet von besonderen Eindrücken“, sagt Susanne Schöllkopf.

Gestärkt durch Fladenbrot und Lammwürste geht es nun zum „Basar­ der Möglichkeiten“. Hier ist vieles geboten. Bei Tee aus dem Samowar und Kerzenlicht lauscht eine Gruppe der Geschichte von „Aladin und die Wunderlampe“. Nebenan lassen sich Mädchen nach dem Vorbild von Kleopatra schminken und in der Wohlfühloase ist Wellness à la Orient angesagt: Hamam. Überall brennen Räucherstäbchen, Tee in den typischen Gläschen wird gereicht und auf Papierblättern entstehen orientalische Städte mit Minaretten, Moscheen und prächtigen Palästen aus Wasserfarben. Ohne Bauchtanz läuft an einem solchen Tag natürlich nichts, und so schwingen viele Mädchen unter professioneller Anleitung der Turnlehrerin die Hüften.

Auch die Lautstärke und das quirlige Durcheinander erinnern stark an einen orientalischen Basar, das Hämmern auf Kupferblättchen und Blechdosen tut sein übriges. In die Kupferblättchen werden Motive punziert und aus alten Tomaten- und Ananasdosen werden in erstaunlich kurzer Zeit bunte, perlengeschmückte Leuchten.

Den Alltag können die Lehrerinnen jedoch auch an einem solchen Tag nicht ganz verdrängen. „Ob die Förderschulen im Land abgeschafft werden – das kann man überdenken. Allerdings braucht es dazu ein sinnvolles, integratives Konzept und das fehlt“, kritisiert Beate Bügel, kommissarische Leiterin der Konrad-Widerholt-Förderschule, den Vorschlag von Kultusminister Helmut Rau. Dabei geht es nicht um Kinder mit isolierten Lernstörungen, beispielsweise mit einer Rechtschreibschwäche. Diese Kinder besuchen nicht die Förderschule, sondern die wohnortnahe Grundschule. „Unsere Schüler haben einen umfassenden sonderpädagogischen Förderbedarf, der nicht nebenher an der Grundschule geleistet werden kann“, verdeutlicht Beate Bügel. Da die Grundschulen nicht mehr Stunden für solche Schüler zuerkannt bekommen, ist für Susanne Schöllkopf klar: „Das ist ein Politikum. Hier wird Geld gespart.“

Weit entfernt von solchen Gedanken genießen die Schüler ihren Orienttag. Mit von der Partie ist auch das Ganztagspersonal. Alle „Betreuer“ ziehen an einem Strang, um den Schülern einen unvergesslichen Schultag zu bieten, sie kommen teilweise sogar an ihrem freien Tag.

Die Stimmung ist gut, da passt es, dass die Lehrerinnen den Begriff Orient weit gefasst haben. Statt auf Kamelen reiten die Kinder auf Ponys der Familie Bitterer und weil zwei „Knights“ ihr Kommen zugesagt haben, gibt es für die Jungs Basketballtraining in der Turnhalle. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Schüler nach dem gemeinsamen orientalischen Abschlusstanz langanhaltend nach einer Zugabe verlangen.