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Exotischeshinterm Scheunentor

NOTZINGEN Zwei Welten treffen aufeinander: Afrika meets Notzingen oder ist es umgekehrt? Ein altes Bauernhaus in der Bodenbachgemeinde, leicht versteckte Hinterhofbebauung noch dazu, birgt geradezu

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IRIS HÄFNER

exotische Schätze hinter einem großen Scheunentor. Traditionelle Musikinstrumente wie Balaphon oder Trommeln, beeindruckende Holzskulpturen in sämtlichen Größen, bunt bemalte Glasperlen, Masken, Weihnachtssterne aus Recyclingglas, Schmuck oder Elefanten-Schlüsselanhänger all das findet sich auf verschiedenen Etagen der typisch schwäbisch zugeschnittenen Scheune samt integriertem, ehemaligen Kuhstall.

Vor allem die originalen Bastkörbe türmen sich in sämtlichen Formen und farbigen Mustern auf den Zwischenböden. "Die billigen Körbe, die in Fernost kopiert und in den Discountern angeboten werden, sind ein großes Problem. Der Markt in Afrika ist dadurch mehr oder weniger zusammengebrochen", beschreibt Elli Mettang nur eines der vielen Probleme des schwarzen Kontinents. Gemeinsam mit ihrem Mann Dr. Victor Mainoo gestaltete sie im evangelischen Gemeindehaus in Notzingen einen Afrika-Abend, bei dem neben afrikanischen Rhythmen, genialer Fischsuppe und beeindruckenden Schnitzfiguren ein Stück Ghana präsent wurde. Vom großen Qualitätsunterschied der beiden Korbarten konnte sich jeder Besucher überzeugen ein Griff genügte.

"An einem Korb arbeitet eine Frau ohne Vorarbeit zwischen zwei und drei Tagen. Die Ledergriffe herzustellen und anzubringen ist Männerarbeit", schildert die Notzingerin die Arbeitsteilung. Das Rohmaterial für dieses echte Kunsthandwerk kommt direkt von den Savannen. Mühselig werden die ausgedörrten und "sterrigen" Grashalme abgeschnitten, ins Dorf getragen und dann so präpariert, dass sie geflochten werden können. "Wasser und Gras holen die Frauen oft kilometerweit her", sagt Elli Mettang. Mit der Korbherstellung verdienen sich die Frauen Geld für ihre Familien dazu. "Die Landwirtschaft ist die Existenzgrundlage. Wenn es zu heiß ist, um auf den Feldern zu arbeiten, flechten die Frauen", sagt Victor Mainoo. Sein afrikanischer Name ist Kosi der am Sonntag geborene. Als er ins katholische Internat kam, musste er sich einen christlichen Namen zulegen.

Das Ehepaar, das seit 35 Jahren gemeinsam durchs Leben geht, gründete die Firma adepa, um das Kunsthandwerk in Victor Mainoos Heimat zu fördern und damit die Abwanderung der Landbevölkerung in die Stadt etwas einzudämmen. Bislang ist ihnen das geglückt, doch die Zeichen stehen wegen der Globalisierung und der damit verbundenen Plagiate auch hier auf Sturm. Elli Mettang nennt die Größenordnung: bei verkauften 100 Körben vor fünf Jahren sind es jetzt gerade einmal drei. "Die afrikanischen Frauen sind stolz, sie lassen nicht alles mit sich machen. Deshalb sind Unternehmer, auch deutsche, mit den Afrika-Körben nach Indonesien und Vietnam gegangen und lassen sie dort nun nachmachen", prangert Elli Mettang an. Die Körbe scheinen nur der Anfang zu sein, denn mittlerweile wird auch anderes Kunsthandwerk kopiert, nachgemacht und billig verkauft.

Kennen gelernt hat sich das Paar in Stuttgart und zwar dort, "wo sich die Weltverbesserer getroffen haben", erzählen beide lachend. Erstmals kam Victor Mainoo 1966 über Rumänien in die Bundesrepublik. Nach Studium und Promotion hat er beschlossen, zurück nach Ghana zu gehen, um dort den Menschen helfen zu können. "Nach Hause zu gehen, das war fast Idealismus. Die Welt ändert man aber nur in einem selbst", ist er überzeugt. Das Nord-Süd-Gefälle fand und findet er ungerecht, weshalb er in Europa keine Zukunft für sich sah. "So bin ich reingewachsen in meine Lebensgeschichte", erzählt er weiter mit seinem für ihn so typischen, herzlichen Lachen, das von innen heraus zu strahlen scheint. Ständig pendelt er zwischen den zwei Welten hin und her. "Es teilt sich etwa halb und halb auf, mit leichter Tendenz Ghana. Dort ist die Hauptarbeit", sagt er. Der derzeitigen Form der Entwicklungshilfe steht er kritisch gegenüber. "Man muss die Leute da abholen, wo sie sind", ist seine Erfahrung.

Victor Mainoo ist in Kontakt mit der realen Welt in Afrika. Das war nicht immer so. Bis zum Abitur war er im Internat, danach zum Studium in Europa. "Ich kannte mein Land nicht", gibt er offen zu. Als er in Deutschland lebte, herrschte in Ghana eine Militärdiktatur. Da er in Europa für die Opposition aktiv war, war er namentlich auf einer "speziellen Liste" in seinem Heimatland notiert. Ein Exot ist Victor Mainoo auch in seiner Familie. Er ist nicht der einzige Akademiker, ein Bruder lebt in Amerika, einer war Gynäkologe. "Ich bin Ingenieur. Wenn dann die Frage kommt, was ich eigentlich mache, wird dieses ,Zigeunerleben' von vielen als unter meiner Würde empfunden", erzählt er.

Ein Jahr hat Elli Mettang in Ghana gelebt. "Ich habe wenig Geduld gehabt und als das zweite Kind da war, bin ich zurück nach Deutschland gegangen. Ich hatte gedacht, dass ich Arbeit bekomme", sagt sie. Seit fünf Jahren kümmert sie sich nun in Deutschland um die Firma, während ihr Mann in Afrika den Kontakt zu den Schnitzern, Webern, Flechterinnen und Trommelmachern hält. Einkauf und Auftragsvergabe gehört ebenfalls in sein Resort. Kundenwünsche, beispielsweise nach besonderen Farben oder bestimmten Formen, können so recht zügig umgesetzt werden. "In Afrika wird auf Märkten gehandelt, man braucht viel Zeit dazu und man muss sich auskennen", erzählt der Ghanaer. Der Firmenname adepa ist afrikanisch und bedeutet: eine gute Sache spricht für sich selbst.

"Hungersnöte hängen oft mit Politik zusammen. Sie sind nicht naturgegeben", ist Victor Mainoo überzeugt. Die politische Lage ist in Ghana seiner Ansicht nach relativ stabil, es gab auch schon lange keinen Krieg. "Es gibt zum Glück kein Erdöl", sieht er dabei einen Zusammenhang. Vom großen Volta-Stausee bezieht das westafrikanische Land den Großteil seiner Energie. Zu heizen braucht wegen des Klimas niemand, auf dem Land wird auf Holzfeuern gekocht, in der Stadt entweder elektrisch oder mit Gas. "Für die Ghanaer ist es schwierig, ihr Leben zu gestalten", sagt Victor Mainoo. Geld ist rar und Schul- oder Arztbesuch kostet. Nicht selten springt die Sippe bei und der Onkel bezahlt beispielsweise Schulgeld oder Medikamente. Auf internationaler Ebene hat Ghana ein Gesicht bekommen. Seit Januar 1997 ist mit Kofi Annan der erste Schwarzafrikaner Generalsekretär der Vereinten Nationen.

Victor Mainoo ist dem kalten deutschen Winter entflohen. Dicke Wollpullover und Felljacken wärmen ihn nur bedingt. An seinem Land liebt er die Musik, die Farben und die Wärme. Dort treffe er auf alle Schattierungen des Lebens. "In Afrika bin ich freier", sagt er in Anspielung auf manche Diskriminierung in Deutschland. Ihn fasziniert die Lebenslust selbst in Schwierigkeiten , die Fröhlichkeit aber auch die Traurigkeit seiner Landsleute. "Lebensfreude hängt nicht vom Geld ab, die Herzlichkeit ist einfach da", beschreibt er.

Abgesehen vom Klima sieht er keine großen Unterschiede zwischen Ghana und Deutschland: "Unsere Wünsche sind nicht so verschieden. Jeder will glücklich sein, sehnt sich nach Liebe, Sicherheit, Anerkennung, Zufriedenheit und jeder Mensch will Frieden."