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"Explosion ist die Folge der Detonation"

Nur scheinbar herrscht Frieden auf dem ehemaligen Kolb & Schüle-Areal in Kirchheim. Während einige Frauen sich für Gardinenstoffe im Fabrikverkauf in einem Teilgebäude interessieren, sind in direkter Nachbarschaft Mitglieder des Technischen Hilfswerks damit beschäftigt, Sprengungen in einer ausgeräumten Halle vorzubereiten.

IRIS HÄFNER

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KIRCHHEIM Eine sympathische Truppe in blau ist zwischen den alten Farbrikgebäuden geschäftig unterwegs. Presslufthämmer machen einen Höllenlärm, feiner Steinstaub bewegt sich gemächlich Richtung Dach und mit Stemmeisen bewaffnete Männer machen sich an die schwierige Aufgabe, einen schweren Schachtdeckel aus seiner Verankerung zu lösen. Dieses Unterfangen erweist sich schwerer als gedacht, Improvisationstalent und unkonventionelle Lösungsmethoden sind in diesem Fall gefragt: Kurzerhand kommen ein Wagenheber mitsamt einer Eisenstange im Technikkeller zum Einsatz, den ein markantes Schildchen mit der Aufschrift "Vorsicht Rattengift" schmückt. Dank dieser Hebegewalt von unten löst sich schließlich der Betondeckel und die THW-ler können die exakte Tiefe des Fabrikbodens abmessen.

"In diesem Fall wäre eine Bohrung schneller gewesen. Wir gingen aber davon aus, dass sich der Deckel weitaus einfacher bewegen lässt", sagt Hagen Vollrath von der THW-Bundesschule in Neuhausen. Er ist dort Ausbilder im Bereich Sprengen/Bergung. Am Sonntag sind THW-Spezialisten aus dem gesamten Bundesgebiet auf den Fildern eingetroffen. Alle fünf Jahre müssen sie ihr Wissen in einem einwöchigen Sprengstoff-Lehrgang in Theorie und Praxis auffrischen. Gestern war nach zwei Tagen Schulbankdrücken explosiver Tatendrang gefragt.

"Für uns ist solch ein Übungsgelände ein richtiger Glücksfall", freut sich Hagen Vollrath. Hier haben er und seine Truppe, darunter auch zwei Bundeswehrsoldaten, mit typischen Widrigkeiten zu kämpfen. "Das macht es für uns so interessant, weil es absolut realitätsnah ist", so der THW-Ausbilder. Aus Sicherheitsgründen und dank seiner jahrelangen Erfahrung ist auch Dozent Manfred Scrabei vor Ort mit dabei. Da Objekte wie in Kirchheim Mangelware sind, finden die Sprengübungen meist auf Truppenübungsplätzen oder in Steinbrüchen statt.

Vor allem Ruhe und bedachtes Arbeiten ist bei derartig explosiver Tätigkeit wichtig, ebenso bei den Vorbereitungen. Es gibt verschiedene Sprengmethoden, um ein Loch in eine Decke zu bekommen. Gestern ging es darum, eine mehr oder weniger runde Lücke zu schaffen, die ein Mensch passieren kann. Im Ernstfall, beispielsweise bei Gasexplosionen oder nach Erdbeben, können die Rettungskräfte so schneller zu Verschütteten vordringen, als wenn mühsam das Material mit Hammer und Meißel abgetragen werden muss. Da sich der Druck nach oben ausbreitet und die Retter ohnehin versuchen, den unteren Teil einer Decke bestehen zu lassen, besteht keine Gefahr für die Verschütteten, dass ihnen bei der Detonation das Trommelfell platzt.

Drei Sprengstoffarten hatte das Team in Kirchheim dabei. Mit Dynamit haben diese wenig zu tun, sie sind weitaus sicherer zu handhaben. "Wir wissen nicht, was wir am Einsatzort bekommen, deshalb müssen wir mit allen umgehen können", erklärt Hagen Vollrath. Auch bei Hochwasser sind die Spezialisten gefragt, um Hindernisse unter Wasser wie beispielsweise verkeilte Baumstämme wegzusprengen. Flüsse von Eis zu befreien oder Schneefelder vom Hubschrauber aus Lawinenschutzgründen ins Tal stürzen zu lassen, zählt auch zu den Aufgaben des THW.

Wer sprengen will, muss vor allem gut rechnen können, aber auch gewisse physikalische und chemische Grundkenntnis beachten. Um ein Loch in den Fußboden zu bekommen, braucht es nur wenig Sprengmaterial, das entsprechend angebracht ist. Auch die Zeit der Detonation ist entscheidend die bewegt sich allerdings im tausendstel Sekundenbereich.

Als die Starkstromkabel gelegt sind, die das vierfache eines Waschmaschinenkabels aushalten müssen, kommt doch noch etwas Geschäftigkeit bei den THW-lern auf. Das Warnhorn liegt griffbereit, die "Ordner" mit Sprechfunk verbunden stehen auf ihrem Posten und ein letzter Rundgang bringt Sicherheit, dass sich niemand mehr in der alten Fabrik aufhält. Die Spannung im Kabel wird geprüft und steigt auch stetig bei den Männern. Als dann mithilfe einer Kurbel schließlich die Zündung erfolgt, halten sich alle trotz Sicherheitsabstand nicht unbegründet die Ohren zu. Ein dumpfes Wumm zeugt von der erfolgten Detonation und nachdem sich die Staubwolke ein wenig verzogen hat, können sich die Lehrgangsteilnehmer vom erfolgreichen und nahezu perfekten Abschluss ihrer ersten Sprengung an diesem Tag überzeugen. Dabei kann der Laie lernen: "Die Explosion ist die Folge der Detonation."