Lokales

"Extrasystolen" im "roten Rathaus"

KIRCHHEIM "Es ist erkennbar, dass der Mensch schon immer an der Zeit gedreht hat, um nicht dem Zahn der Zeit ausgesetzt zu sein". Diese

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IRENE STRIFLER

Erkenntnis gab Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker just bei einem Anlass preis, der letztlich die Mechanismen der Zeit ein klein wenig außer Kraft setzte und zum Innehalten verleitete: der traditionelle Jahresausklang des Kirchheimer Gemeinderates. Erstmals war es nun die neue Stadtchefin, die alte und neue Gemeinderatsmitglieder, Bürgermeister, Ortsvorsteher und Verwaltungsvertreter samt Partnern dazu einlud, das Zusammensein "in Distanz zur eingebrachten, verbrachten und verbrauchten Zeit" zu genießen selbstredend in der heutigen Zeit gegen einen Obolus.

Der gesellige Treff gehöre zu jenen Errungenschaften ihres Amtsvorgängers, die sie weiterpflegen wolle, bekannte Matt-Heidecker, und wen wundert's, dass sich unter den spontan Applaudierenden eben dieser Amtsvorgänger, Peter Jakob, befand. Die Tradition des geselligen Gemeinderatsfinales hat also die vielfältigen personellen Umbrüche in Kirchheims Politik überdauert. OB-Wechsel, Vakanz und Neubesetzung der Bürgermeisterstelle, großes Stühlerücken im Ratsrund, Nachrücken . . . kein Wunder angesichts so vieler neuer Gesichter, dass manche Hände zur Begrüßung unversehens doppelt geschüttelt wurden.

Die personellen Wechsel des zurückliegenden Jahres diagnostizierte die "OBin" zwar als "Extrasystolen", also Herzstolpern", stellte jedoch eine zuversichtliche Prognose: Derlei Symptome seien zwar unangenehm, aber nicht schädlich. "Sicher bin ich mir, dass trotz des Personalkarussells der Motor des Gemeinderats nicht ins Stolpern geriet".

Der Motor läuft und läuft, wie die Rednerin mit Zahlenspielen bewies, mit denen sie sich ebenfalls in die Tradition ihres Amtsvorgängers einreihte. Zu neun "normalen Arbeitssitzungen" traf sich das Gesamtgremium, dazu kamen Sondersitzungen. 5,16 Stunden betrug die durchschnittliche Verweildauer pro Sitzung. Während die Sitzungen des Technischen Ausschusses um fünf Stunden pendelten, errechnete die Verwaltungschefin für den Verwaltungsausschuss einen Durchschnittswert von 3,93 Stunden.

Intensives Arbeiten war somit statistisch belegt. Ein Zahlenrahmen, der noch mit einer Auflistung der brennenden Themen von Sauberkeit in der Stadt bis zur Hallenbadentscheidung gefüllt wurde. In einem Punkt beruhigte die Oberbürgermeisterin mit dem SPD-Parteibuch all jene, die einst unbedingt ein "rotes Rathaus" verhindern wollten: Zwar wurde der Verwaltungssitz jüngst von einer Invasion rot gekleideter Genossen heimgesucht. Ihnen den Garaus zu machen, erklärte die leidenschaftliche Schokoladenliebhaberin jedoch umgehend zur Chefsache "wenn sie aus dem Hause Lindt kommen".

Um der "Schreckensvision" vom "roten Rathaus" nicht neue Nahrung durch "Absprachen unter Genossen" zu geben, hatte der zum Redner aus den Reihen des Gemeinderats auserkorene SPD-Fraktionsvorsitzende Walter Auegle im Vorfeld auf Recherchen verzichtet, die den Inhalt der Matt-Heidecker-Rede betrafen, und setzte eigene Akzente. Den immer mehr Zeit verschlingenden Sitzungsterminen wusste er Positives abzugewinnen: Sei man endlich mal daheim, habe man keine Lust mehr auf Konflikte jeder Art, weswegen die Mitgliedschaft im Ratsrund durchaus "als Weg zur Harmonie in der Partnerschaft" betrachtet werden dürfe.

Harmonisch gestaltete sich denn auch der Verlauf des Abends zwischen wohlschmeckenden Speisen und nur sehr selten politikdominierten Tischgesprächen. Dafür sorgte schon das übrigens ebenfalls lang bewährte Losverfahren, das zufällige Gesprächspartner an den Tischen zusammenbrachte. Musikalisch über den Tellerrand hinausblicken ließ der Sing-Out-Chor die Feiernden.

Mögliche Vorteile der personellen Wechsel an der Stadtspitze nahmen SPD-Stadtrat Dr. Klaus-Peter Herzberg und Ex-SPD-Stadträtin Janine Eick in einem Sketch auf die Schippe. In einer fiktiven Telefonleitung zwischen Alaska und dem Kirchheimer Rathaus ging's nicht nur um Hallenbad-Gigantomanie, sondern auch um das Durcheinander im Wechsel der Ansprechpartner: Kaum hatte der Anrufer die Erklärung verdaut, dass der Kirchheimer Bürgermeister nicht mehr Riegger, sondern Riemer heiße, da brach für ihn nicht nur der Handy-Akku, sondern auch eine Welt zusammen: "Wie, der Herr Jakob heißt jetzt Matt-Heidecker?"