Lokales

"Exzessiver Notwehr-Zustand"

Ein 29-jähriger Mann, der an einer Bushaltestelle in Kirchheim-Nabern einen anderen Mann mit mehreren Messerstichen schwer verletzte, hat diese Tat in einem "exzessiven Notwehr-Zustand" begangen und ist jetzt vom Landgericht Stuttgart deswegen nur wegen Körperverletzung zu einem Jahr Haft mit Bewährung verurteilt worden.

BERND S. WINCKLER

Anzeige

KIRCHHEIM Notwehr nehmen die Richter der Stuttgarter Schwurgerichtskammern immer dann an, wenn ein Täter sich gegen massive Angriffe anderer wehrt oder einen anderen Menschen, der angegriffen wird, attackiert. Viele Beschuldigte beteuern, in Notwehr gehandelt zu haben. Meist sind dies Schutzbehauptungen. Nicht aber bei dem jetzt nur noch wegen fahrlässiger Körperverletzung abgeurteilten körperlich und geistig behinderten 29-jährigen Bürohelfer aus Kirchheim. Er hatte tatsächlich in Notwehr gehandelt.

Er hatte vor der Schwurgerichtskammer angegeben, dass an jenem 1. Juni dieses Jahres sein Zwillingsbruder von einem anderen Mann an der Bushaltestelle in Nabern misshandelt worden war und er selbst helfend und auch schlichtend eingreifen wollte. Daraus aber wurde nichts, denn der andere Mann habe auch ihn angegriffen. Erst jetzt habe er mit seinem Messer zugestochen aus Notwehr. Die verabreichten vier Stiche mit dem Messer mit acht Zentimeter langer Klinge verursachten bei dem Opfer tiefe Verletzungen in der Brust, dem Schlüsselbein und dem Rücken.

Für den Staatsanwalt war der Fall bei Anklageerhebung klar: "Versuchter Totschlag!" Nach Ende der Beweisaufnahme vor der Schwurgerichtskammer des Stuttgarter Landgerichts aber hatte auch der Ankläger einsehen müssen, dass hier von dem Angeklagten weder ein Tötungswille, noch ein Angriff aus nichtigem Anlass gegeben war. Die Notwehr/ Nothilfe-Situation war zwar etwas überschritten, aber auch dadurch erklärlich, weil der Angeklagte geistig leicht behindert war er ist Epileptiker. Zudem ist er seit Geburt stark gehbehindert. Dass er zur Tatzeit das mögliche Unrecht seines Tuns einsehen konnte, bezweifelten die Richter und setzten die verhängten zwölf Monate Haft wegen Körperverletzung zur Bewährung aus.

Allerdings muss der 29-Jährige als Bewährungsauflage 150 gemeinnützige Arbeitsstunden ableisten. Eine frühere zweijährige Haftstrafe wegen Drogenhandels, die ebenfalls zur Bewährung ausgesetzt war, steht allerdings noch gegen ihn offen. Möglicherweise wird diese Bewährung jetzt wiederrufen, sodass der Verurteilte als Bewährungsbrecher letztlich doch noch hinter Gitter muss.