Lokales

Fachwerkhäuser als Kulissen

Mord und Totschlag in der Kirchheimer Stadtbücherei

Kirchheim. Wenn Literatur Realität wäre, dann müssten jetzt aus der Stadtbücherei ein ganzer Haufen Leichen abtransportiert werden. Hier wurden Menschen zerhackt, aufgehängt, ertränkt oder erschlagen. Und das alles vor zahlreichen

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Ulrich Staehle

Augen- beziehungsweise Ohrenzeugen. Diese Zuhörer waren nicht empört, sondern fühlten sich trefflich unterhalten und spendeten sogar Zwischenbeifall. Das lag an den in Kirchheim wohlbekannten Künstlern Madeleine Giese und Rainer Furch, die diesmal Balladen und Moritaten mitgebracht hatten. Kirchheim hatten sie ausersehen, um ihr neues Programm „Wenn Wasser mit Feuer sich mengt“ vorzustellen. Zu dieser Welturaufführung hatten sie den Hamburger Konzertpianisten Thomas Rahlfs mitgebracht.

Mord- und Todgeschichten – darin kennt sich die erfolgreiche Krimiautorin Giese aus. Dass man die Gruseleien in den folgenden Balladen nicht allzu ernst nehmen muss, stellten die beiden Künstler gleich klar.

Als „Vorspeise“ gab es eine Art Balladensalat, wie er sich im Kopf eines „verwirrten Schülers“ nach reichlicher Fütterung durch Balladen vorfinden könnte. Danach ging es in der Balladentradition dem historischen Faden entlang. Auf Volksballaden folgen Kunstballaden, wie sie seit dem 18. Jahrhundert präsentiert wurden. Unversehens spielten als mittelalterliche Kulisse die Fachwerkhäuser mit, die durch die Glasscheiben der Stadtbücherei im Hintergrund sichtbar sind.

Für die Darbietung nutzte das Trio die Form der Ballade in ihrer Verbindung von lyrischen, epischen, dramatischen und musikalischen Elementen. Rainer Furch übernahm die erzählenden Passagen, Madeleine Giese die eingestreuten wörtlichen Reden oder umgekehrt. Schlusspointen wurden oft gemeinsam gesprochen. Der Pianist serviertte höchst anspruchsvolle musikalische Einsprengsel jeweils passend zur Epoche des gehörten Textes. Diese Aufteilung war logisch und effizient. Der Berichterstatter genoss aber auch oder noch mehr, wenn ein Künstler für seine Nummer allein „verantwortlich“ ist und alle Aufmerksamkeit auf sich zieht.

Das war zunehmend nach der Pause der Fall, als moderne Nachfahren der Ballade in Form von Moritaten, Satiren oder politischen Liedern geboten wurden. Hier konnten Giese und Furch beweisen, dass sie auch singen können und Pianist Rahlfs, dass er nicht nur temperamentvolle Solos bieten, sondern auch einfühlsam begleiten kann.

Das Publikum in der Bücherei war über die Schlächterei hell entzückt. Erinnerungen an die Schulzeit wurden etwa bei Meyers „Die Füße im Feuer“ oder bei Heines „Belsazar“ wach. Daneben gibt es Entdeckungen zu machen: Hochaktuell Theodor Fontanes „Trauerspiel von Afghanistan“, amüsant moderne Balladen wie die „Ballade vom Ostergeier“ von Robert Gebhardt oder „Das Leben soll mit dem Tod beginnen“ des Liedermachers Götz Widmann. Das Angebot des Abends war so reichlich, dass man ohne Substanzverlust etwas hätte streichen können.

Die Stadtbücherei mit ihrer Leiterin Ingrid Gaus war zu diesem Abschluss des Sommerprogramms und zum gesamten Programm zu gratulieren. Es ist der rührigen Büchermannschaft gelungen, in kontinuierlicher Arbeit eine interessierte, treue Zuhörerschaft aufzubauen, sodass sich die Veranstaltungen gegen so starke Konkurrenz wie das Weinfest und das Freilichtkino behaupten können.