Lokales

Fakten statt „Gefühlsdiskussionen“

Die Unterrichtsversorgung an Kirchheimer Schulen scheint zufriedenstellend zu sein

Wo unterrichtet wird, fallen immer wieder auch Stunden aus. Je nach Intensität des Ausfalls erhitzen sich bei diesem Thema die Gemüter. Eine telefonische Umfrage des Teckboten – auch wenn sie keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben kann – scheint für Kirchheimer Schulen den Volksmund zu bestätigen: „Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.“

Andreas Volz

Kirchheim. Bei Thomas Auerbach, dem Vorsitzenden des Gesamtelternbeirats der Kirchheimer Schulen, sind bislang keine Klagen über schlechte Unterrichtsversorgung oder eklatante Fehlzeiten an Kirchheimer Schulen eingegangen. Die Gründe für Unterrichtsausfall seien sehr unterschiedlich. Nur ungefähr 50 Prozent seien Stichproben zufolge auf Krankheiten zurückzuführen. Ansonsten handle es sich um Fälle, in denen sich Lehrer im Schullandheim, beim Schüleraustausch, bei Ausflügen, Fortbildungen oder Konferenzen aufhalten. Die einzelnen Gründe lassen sich für Thomas Auerbach aber nur schwer zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

Zu vergleichen sei die Situation an den einzelnen Schulen ohnehin nicht: „Was uns fehlt, ist eine vernünftige Fehlzeitenstatistik. Die braucht man aber, wenn man der Sache auf den Grund gehen will.“ So aber hat der Gesamtelternbeiratsvorsitzende den Eindruck, dass es sich beim Thema Unterrichtsausfall in der Regel um eine „reine Gefühlsdiskussion“ handelt. Das Kultusministerium überprüfe den Stundenausfall nach wie vor nur stichprobenartig. Dies zu ändern, ist eine Empfehlung, die Thomas Auerbach dem Kultusminister gerne mit auf den Weg geben würde: „Alle Schulen müssten zu einer einheitlichen Statistik verpflichtet werden. Dann hätte man wenigstens Fakten.“

Solange kein vergleichbarer Nachweis geführt werden kann, ist es nach Thomas Auerbachs Ansicht schwierig, eine sinnvolle Diskussion zum Thema zu führen. Extreme Einzelfälle, die es sicherlich auch gibt, könnten den „gefühlten“ Unterrichtsausfall größer erscheinen lassen, als er tatsächlich ist. An den Grundschulen beispielsweise sei der Stundenausfall kein Problem. Die Betreuung müsse in der Verlässlichen Grundschule gewährleistet sein. Die Hauptschwierigkeit werde allgemein mit den Gymnasien in Verbindung gebracht.

Dort wiederum sehen die Kirchheimer Schulleiter derzeit wenig Grund zum Klagen. Dr. Andreas Jetter, Rektor des Ludwig-Uhland-Gymnasiums, meint: „Wir haben im Moment eine gute Lehrerversorgung.“ Auch krankheitsbedingte Ausfälle im Kollegium seien gerade nicht zu beklagen. Allerdings verweist Andreas Jetter auf ein generelles Problem in Baden-Württemberg: den Mangel an naturwissenschaftlichen Fachkräften. Der Markt sei ziemlich abgegrast, es gebe kaum mehr eine Lehrerreserve. In Fächern wie Physik, Chemie oder Mathematik seien die Schulen zunehmend auf Quereinsteiger angewiesen. Wenn für diese Fächer kein Ersatz zu bekommen ist, dann brauche nur eine Grippewelle zu kommen, und schon könnte die Unterrichtsversorgung ins Wanken geraten, sagt Dr. Jetter.

Siegfried Hepe, kommissarischer Leiter des Schlossgymnasiums, stellt fest, dass es dieses Jahr eine große Bereitschaft bei Regierungspräsidium und Kultusministerium gebe, Geld für Vertretungslehrer zur Verfügung zu stellen. Auch er verweist auf die Schwierigkeit, überhaupt Lehrkräfte zu bekommen. Für kurzfristige Ausfälle gebe es aber keine Vertretungen. Wenn sich die Krankheitsdauer im Einzelfall von Woche zu Woche verlängert und das so nicht vorherzusehen war, könne es auch zu längeren Ausfallzeiten kommen, ohne dass für Ersatz gesorgt ist.

Dass wiederum manche Fächer in einzelnen Klassenstufen gar nicht unterrichtet werden, sei ausdrücklich in den neuen Bildungsplänen als Möglichkeit vorgesehen. Die Fachkollegen an jeder einzelnen Schule können somit entscheiden, ob beispielsweise das Fach Musik in der siebten Klasse gar nicht und in der achten Klasse dafür zweistündig stattfinden soll, oder ob sie in beiden Klassenstufen jeweils eine Wochenstunde unterrichten wollen. Beide Alternativen haben natürlich ihre Vorteile und ihre Nachteile.

Dass langfristige Vertretungen derzeit problemlos bewilligt werden – sofern sich überhaupt noch Personal finden lasse –, bestätigt auch Wolfgang Wörner, Rektor der Teck-Realschule. Für kurzfristige Vertretungen könne ohnehin jeder Lehrer in die Pflicht genommen werden, und zwar für bis zu drei Stunden im Monat, ohne Ausgleich oder Entschädigung. Was Wolfgang Wörner sehr bedauert, ist die Tatsache, dass AG- und Förderangebote fast nicht mehr möglich sind, weil den Schulen dafür kaum Lehrerstunden zur Verfügung stehen. Ein spezifisches Problem der Teck-Realschule sei die Reduzierung der wöchentlichen Sportstunden von drei auf zwei. Das liege aber an den Kapazitäten der Sporthalle und nicht an den Lehrkräften.

Letzteres ist für Hans Dörr, den Kreisvorsitzenden der GEW, Wasser auf den Mühlen. Er plädiert nämlich

Bildung funktioniert nicht nach dem System „Nürnberger Trichter“

grundsätzlich dafür, konkrete Beispiele zu benennen und nicht in „allgemeines Gejammer“ über Stundenausfall auszubrechen. Hans Dörr rechnet vor, dass bei einer Schule mit rund 50 Lehrkräften im Durchschnitt jeden Tag ein bis zwei Personen fehlen – aus welchen Gründen auch immer. Dass da die eine oder andere Stunde ausfällt, lasse sich nicht vermeiden. Die Verlässliche Grundschule müsse in diesen Fällen trotzdem für Betreuung sorgen, sagt Hans Dörr, der als Rektor der Plochinger Burgschule regelmäßig mit solchen Problemen konfrontiert ist. Ansonsten sei es mit den Eltern abzuklären, ob ein Grundschulkind im Einzelfall auch mal eine Stunde früher nach Hause geschickt werden könne. An den weiterführenden Schulen dagegen würden sich die Schüler bei Ausfällen in aller Regel nicht beklagen, wenn sie eine Stunde früher aus haben.

Den Bildungserwerb bezeichnet Hans Dörr als „einen komplizierten Prozess, der gar nicht so sehr von der Gesamtzahl erhaltener Unterrichtsstunden abhängt“. Das Ziel der Schule und der Eltern müsse es natürlich sein, sich stets um die beste Bildung zu bemühen. Aber gerade diese bestmögliche Bildung folge nicht unbedingt dem System des Nürnberger Trichters: „Es ist völlig falsch zu glauben, dass jemand hinterher desto mehr Bildung hat, je mehr ich ihm vorher eingeflößt habe.“

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