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Familienschutz "pragmatisch angehen"

Angesichts des steigenden Interesses an Kinder- und Familienpolitik initiierte die Frauenliste Kirchheim einen Vortrag zum Thema "Aktive Familienpolitik und die Möglichkeiten einer Kommune". Manfred Thumm, Schulleiter einer Freiburger Förderschule und Mitglied des deutschen Familienverbandes (DFV) referierte eindrücklich über Gründe und Folgen der Vergreisung Deutschlands sowie mögliche Gegenmaßnahmen.

ANNA ROSS

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KIRCHHEIM Zu Beginn seines Vortrags betonte Thumm das bedenkliche Ausmaß des Kindermangels in der Bundesrepublik. "Demografen", so Thumm, "sprechen von einem finalen Zustand". Besonders dramatisch sei die Verteilung dieses Kindermangels auf die Gesellschaftsschichten.

Das Bruttosozialprodukt sinkt von Jahr zu Jahr, die Versorgung einer zunehmenden Anzahl von Rentnern durch eine immer geringere Zahl Erwerbstätiger ist nur noch unter großen Abstrichen möglich im Zeitalter der Hartz-Reformen keine Neuigkeit. Doch wie kann man diese fatale Entwicklung stoppen, vielleicht sogar umkehren?

Manfred Thumm sieht Ansatzpunkte vor allem in der Kommune. Die Nahtstelle zwischen Bürger und Regierung sei nicht der Reichstag in Berlin, sondern eben die lokale Verwaltung. Folgerichtig müsse dort mit dem Umdenken begonnen werden. In diesem Zusammenhang stellte Thumm das von ihm ausgearbeitete Konzept der "Familienverträglichkeitsprüfung" für Kommunen vor, das unter anderem in Emmendingen und Teningen bereits bei Projekten herangezogen wurde. Im Grunde genommen handelt es sich dabei um eine Checkliste für Mandatsträger und Verwaltungsleitungen, anhand derer eine familienfreundlichere Gestaltung der Kommune erleichtert werden soll.

Von aktiver Familienpolitik über Verkehrsplanung bis hin zu Kultur und Sozialpolitik gibt Thumm in neun "Prüffeldern" Anregungen. Dabei handelt es sich um teilweise banal erscheinende Dinge, wie die Frage, ob Trauungen in der jeweiligen Gemeinde auch samstags möglich seien. Aber auch komplexe Sachverhalte, wie die Vernetzung der Bereiche Wirtschafts- und Strukturförderung mit der Familienpolitik werden angesprochen.

Die Vorschläge zeichnen sich vielfach durch Praxisnähe aus. Durch die Absenkung von Bordsteinen könnte man den Alltag für Mütter mit Kinderwägen erleichtern, mit der Einführung von Familientarifen in Leihbüchereien das Ausleihverhalten anregen. Einfache, und doch wirksame Maßnahmen. Der Rat des vierfachen Familienvaters lautet demnach auch, "die Sache pragmatisch anzugehen".

Seit 24 Jahren ist Manfred Thumm für den Deutschen Familienverband tätig. Dabei beschränkt er sich nicht auf Vorträge, sondern berät auch Firmen über die Möglichkeiten einer familienfreundlichen Betriebsgestaltung. Nach eigenen Angaben habe diese Aktivität vor allem in der Schweiz bereits Früchte getragen. Allein letztes Jahr seien dort 3400 Time-Sharing-Arbeitsplätze für Mütter geschaffen worden.

Die Bedeutung der Familie für die Volkswirtschaft werde gerade in Deutschland aber häufig noch unterschätzt. Ein Umstand, den auch Eva Frohnmeyer-Carey, Mit-Initiatorin der Frauenliste Kirchheim, sehr beklagte. Den "Standortfaktor Familie" veranschaulichte Thumm am Beispiel der Gemeinde Garching bei München. Früher, so Thumm, hätten sich Firmen in erster Linie für die Infrastruktur zu Wasser, Land und Luft sowie billiges Bauland interessiert. Heute dagegen spiele auch die Anzahl der Familien und das Angebot für Familien in einer Gemeinde eine große Rolle bei der Entscheidung für einen Standort. Vor allem Großunternehmen wie die in Garching angesiedelten amerikanischen Konzerne General Electric oder Hewlett Pa-ckard benötigten hochqualifizierte Mitarbeiter, die wiederum ein entsprechend gutes und ausgeglichenes Familienangebot in ihrer Gemeinde voraussetzten.

Das Umdenken in der Wirtschaft kommt laut Thumm nicht von ungefähr. Studien wie die der Universität Konstanz zeigen, dass sich Investitionen in familienfreundliche Firmengestaltung beispielsweise durch firmeninterne Kinderbetreuung, durch ausgeglichenere und besser motivierte Mitarbeiter auszahlen.

Darüber hinaus merkte Thumm an, dass durch mehr Kinder auch eine breitere Käuferschicht und somit eine größere Binnennachfrage gewährleistet sei. "80-Jährige", so der Referent salopp, "brauchen eben nicht mehr ganz so viel". Nicht zuletzt auf Grund dieser volkswirtschaftlichen Bedeutung fordert Thumm eine Stärkung der Familie in der Politik, angefangen im Kleinen, in der Kommune. Die Familienverträglichkeitsprüfung sei da nur eine Richtlinie. Um Erfolg zu gewährleisten, müsse Familienschutz vor allen Dingen "formalisiert und verpflichtend" sein.

Zur Veranschaulichung führte Manfred Thumm die aus seiner Sicht durchaus nachahmenswerte Entwicklung des Umweltschutzes in Deutschland an. Früher noch mit Stirnrunzeln betrachtet, sei Umweltschutz heute unter anderem fester Bestandteil jeglicher Bauleitplanung. Eine ähnliche Entwicklung wünscht sich der Referent auch für die Familienpolitik, beispielsweise durch eine frühzeitige Bürgerbeteiligung in der Bauplanungsphase oder Hilfestellung für bauwillige Familien, wie er es auch in der Familienverträglichkeitsprüfung vorschlägt.

Die ausgesprochen brenzlige Frage nach der Finanzierung familienfreundlicher Projekte in den Kommunen, beanwortete der Referent mit dem Aufruf, "Prioritäten zu setzen". Finanzmittel könnten etwa durch geringere Ausgaben für Prestigeprojekte, wie das als Beispiel angeführte Konzerthaus in Freiburg, freigemacht werden. Schließlich sei das "Humankapital das wesentliche und eigentliche Kapital". Investitionen seien somit sinnvoll, selbst wenn sie eine weitere Lücke im Haushalt bedeuteten.