Lokales

"Fantastische Verbindung von Alt und Neu"

Er wolle einmal sehen, "wo das Geld verbuddelt" sei, meinte Wirtschaftsminister Pfister salopp und nahm Kirchheims neues Schmuckkästchen, das sanierte Vogthausviertel, unter die Lupe. Was er da zwischen Stiftsscheuer und Wehrgang zu sehen bekam, überzeugte den Vertreter der Landesregierung sofort davon, dass die Mittel wahrlich gut angelegt wurden. Mit der Wiedereröffnung des Vogthauses gilt nun die Sanierung der Kirchheimer Altstadt als abgeschlossen.

IRENE STRIFLER

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KIRCHHEIM Mit Stolz demonstrierte Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker dem Minister, was 30 Jahre Stadtsanierung bewirken können. So lange nämlich, seit dem Jahr 1978 und somit fast von Anfang an, ist Kirchheim beim Landessanierungsprogramm dabei. Fast 25 Millionen Euro wurden bislang an Landesmitteln für ein Dutzend Projekte in der Teckstadt bereitgestellt. Für das jüngste Vorhaben, das Vogthausviertel, belief sich der Finanzbedarf insgesamt auf über neun Millionen Euro. Davon kamen etwa 2,7 Millionen aus der Landeskasse.

Ernst Pfister sprach von einem "guten Tag für die Stadt Kirchheim", die in Stuttgart als verlässlicher Partner bekannt sei. Immerhin erfordert jede Maßnahme auch eine gehörige Komplementärfinanzierung seitens der Kommunen selbst. Deshalb sei es auch ausgesprochen wichtig, dass der Gemeinderat und die Bevölkerung hinter den Projekten stünden, so wie dies in Kirchheim der Fall sei. "Maßnahmen dieser Art schaffen eine ganz besondere Identität", machte der Minister die Vorteile für die Bürgerschaft klar.

Ganz besonders erfreut ist die Landesregierung über die konjunkturelle Wirkung des Programms: "Jeder Euro des Landes löst ein bis zu achtfaches Investitionsvolumen auf öffentlicher und privater Seite aus", betonte Pfister. Für zukünftige Vorhaben habe die Stadt zwar gute Karten, angesichts einer Flut von Anträgen riskierte der Minister allerdings noch keine Zusage. Bekanntlich liebäugelt die Stadt mit der Idee, die "Herrschaftsgärten" westlich des Schlosses herauszuputzen.

Oberbürgermeisterin Matt-Heidecker lobte den "Dreiklang aus Arbeiten, Wohnen und Natur", der im Bereich der renaturierten Lauter noch in Fußnähe zur Innenstadt bestens gelungen sei. Sie ließ auch die positive Entwicklung der inneren Altstadt anhand von Bildern kurz Revue passieren. Vielerorts, speziell aber im Vogthausviertel, sei "die Verbindung von Alt und Neu fantastisch gelungen". So manche Stadt holt sich Rat am Fuße der Teck. Die Sanierung gilt hier nicht zuletzt deshalb als beispielhaft, weil keine schmucke, aber leblose "Puppenstube" entstanden sei. Ein derzeitiger Ladenleerstand von drei Prozent in der Altstadt spricht für die Attraktivität der Stadt.

Der Minister zeigte sich von der Vielfalt der Kirchheimer Sanierungsgebiete beeindruckt. Über den Sanierungszeitraum konnte der Trossinger quasi aus eigener Anschauung mitreden: 1964 weilte er nämlich zu einem längeren Aufenthalt in Kirchheim. Damals allerdings nicht als oberster Stadtsanierer, sondern in sportlicher Mission. Bei Leichtathletik-Jugendmeisterschaften maß er sich beim 80-Meter-Hürdenlauf mit dem württembergischen Sportlernachwuchs. Einem gestern hinter vorgehaltener Hand kolportierten Gerücht zufolge soll der 17-Jährige damals sogar beinahe sein Herz in Kirchheim verloren haben. . .

Hürden musste der Politiker heuer zwar nicht meistern, doch der Weg führte ihn und sein Gefolge unter anderem durch den neu restaurierten Wehrgang sozusagen durch den Hintereingang ins Vogthaus. Die Begegnungsstätte von Alt und Jung wurde am gestrigen Abend als "Haus der Bildung" mit einem großen Festakt feierlich wiedereröffnet. Über die neuen Perspektiven für die Familienbildungsstätte (FBS) freute sich nicht nur deren Leiter Christoph Tangl, sondern auch Frieder Leube, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Familienbildungsstätten. Neben der FBS beherbergt das Vogthaus nun auch das städtische Amt für Bildung, Kultur und Sport. In dieser Kombination spiegelt sich ein ganzheitlicher Ansatz, geht es doch um Belange der Bildung von der frühkindlichen Phase bis ins Erwachsenenalter.

Das ehrwürdige Gebäude aus dem Jahr 1720 ist nun technisch auf dem neuesten Stand. Architekt Siegfried Meissner informierte über die speziellen Herausforderungen bei der Restaurierung des denkmalgeschützten Gebäudes, das selbstverständlich auch eine hochmoderne Heiztechnik aufweist, die mittels PC regelbar ist. Erfreulich für Hausherr Christoph Tangl und sein Team ist die Tatsache, dass der aufwendige Umbau in einer relativ kurzen Bauzeit von 15 Monaten über die Bühne ging. Positiv für alle an der Finanzierung Beteiligten: Die kalkulierten Baukosten von 1,7 Millionen Euro konnten sogar unterschritten werden auch ein Grund zum Feiern.

Offene Türen im Vogthaus Am heutigen Samstag steht das Vogthaus für jedermann von 10 bis 16 Uhr offen. Mit Informationen, Workshops, Kinderaktivitäten sowie Essen und Trinken wird die Einweihung der renovierten Räume gefeiert.