Lokales

Farben, die das Lebensgefühl der Menschen ansprechen

Für die erste Ausfahrt im neuen Jahr hatte sich die Kirchheimer Regionalgruppe des Schwäbischen Heimatbundes die Chagall-Fenster in der Kirche Sankt Stephan in Mainz als Ziel gesetzt.

KIRCHHEIM Nach der Ankunft in Mainz war bald zu erkennen, dass diese Stadt eine Hochburg des Karnevals ist. Die Gruppe begegnete nicht nur Kostümträgern des rheinischen Karnevals, sondern auch vielen Hästrägern der schwäbisch-alemannischen Fastnacht, die an diesem Tag mit ihren heimischen Kapellen zum internationalen Guggenmusiktreffen nach Mainz gekommen waren.

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Da bis zur Führung in Sankt Stephan noch etwas Zeit zur Verfügung stand, ging es vom Bahnhof über den Schillerplatz mit seinem Narrenbrunnen an dem eine Guggenmusik eine stattliche Zuhörerschaft anlockte weiter zum Dom, der Krone der romanischen Baukunst am Mittelrhein. Über zum Teil verwinkelte Gassen, die den Bombenhagel des Zweiten Weltkrieges überstanden hatten, führte der Weg dann hinauf zum Stephansberg mit der ehemaligen Stifts- und heutigen Pfarrkirche Sankt Stephan.

Hier wurde die Gruppe von Monsignore Klaus Mayer begrüßt, der in den siebziger Jahren als Pfarrer von Sankt Stephan die Initiative ergriff und sich an Marc Chagall mit der Bitte wandte, im Ostchor der im Kriege zerstörten Stephanskirche mit von ihm gestaltenen Bildern ein Zeichen zu setzen. Nach weiteren Briefen und persönlichen Begegnungen mit dem Künstler begann Chagall Ende 1976 mit dem Entwurf für das Mittelfenster des Ostchores. Im Herbst 1978 wurde dann das Fenster der Kirchengemeinde übergeben. Wenige Tage danach begann der inzwischen 91-jährige Künstler mit dem Entwurf für die beiden flankierenden Fenster, die dann im September 1979 eingeweiht wurden.

Das erste, was den eintretenden Besucher fasziniert, sind die Farben in ihrer intensiven Leuchtkraft, die das Lebensgefühl des Betrachters unmittelbar ansprechen. Chagall, mit seiner Lebensbejahung aus dem Weltbild der Bibel hat die Gabe, etwas davon auf den Betrachter überspringen zu lassen. Klaus Mayer lenkte nach den einleitenden Worten die Gruppe zunächst auf das Mittelfenster, zur Vision Chagalls vom "Gott der Väter", dem "Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs" der auch der "Gott unseres Herrn Jesus Christus" ist. Damit wollte der jüdische Künstler in einer christlichen Kirche ein Zeichen setzen für die jüdisch-christliche Verbundenheit. Die Themen des Mittelfensters sind Abraham und die drei Engel, darüber seine Fürsprache für Sodom und Gomarrha, das Opfer Isaaks, der Traum des Jakob und Mose bringt dem Volk die Gesetzestafeln. Im Dreipass des Maßwerkfensters schwebt der Engel Gottes mit einem siebenarmigen Leuchter in die Kirche.

In den beiden das Ostfenster flankierenden Fenstern hat Marc Chagall seine Vision vom Gott der Väter zur Vision von der Heilsgeschichte erweitert. Dabei stellt Chagall nicht nur die Rolle des Mannes in der Heilsgeschichte dar, sondern auch die der Frau, beide Geschlechter erscheinen einander ebenbürtig und gleichgewichtig. So wird das nordöstliche "Fenster der Frau" und das südöstliche "Fenster des Mannes" genannt. Dennoch sind im südöstlichen Fenster des Mannes auch Frauen und im nordöstlichen Fenster der Frau auch Männer zu sehen, denn es geht in der Heilsgeschichte nicht um ein Nebeneinander, sondern um ein Miteinander. So finden sich in den beiden Darstellungen biblische Ehepaare, Retter und Retterin, Prophetin und Prophet, König und Königin, Christus und Maria. Dabei stehen die beiden Fenster im Dialog miteinander. Entsprechend springt das Konzept des Künstlers ständig vom Fenster der Frau in das des Mannes und umgekehrt.

Außer den Fenstern der Apsis besitzt der Ostchor noch drei weitere Fenster, zwei an der Nord- und eines an der Südwand. Um die künstlerische Gestaltung des Chorraums abzurunden, machte sich der Künstler in seinem 93. Lebensjahr an die Arbeit, auch diese seitlichen Fenster zu gestalten und damit ikonografisch abzuschließen. Damit der Chorraum aber nicht von Bildern überladen wird, brauchte Chagall eine leichtere, beschwingtere und großzügiger angelegte Ikonografie. Diese fand er in den poetischen Büchern der Bibel, vor allem in den Psalmen. Auf wesentlich zarter angelegten Blautönen bringt der Künstler das Lob der Schöpfung in den Psalmen zum Ausdruck: Himmel und Erde, Land und Meer, Bäume und Tiere, Menschen und Engel. In der Maßwerkskrone des dreibahnigen nördlichen Fensters bringt er mit dem himmlischen Jerusalem das Lob der Schöpfung zum Abschluss.

Da zwischen dem Chor und dem Langhaus von Sankt Stephans noch ein stark akzentuiertes Querhaus steht, beschäftigte den hoch betagten Künstler auch noch die Gestaltung dieser Fenster. Völlig überraschend legte er, in seinem 96. Lebensjahr stehend, die Entwürfe für die drei großen, dreibahnigen Querhausfenster vor. Er verzichtete dabei gänzlich auf figürliche Ikonografie und arbeitete nur mit Farben. In seiner Bescheidenheit sagte er lediglich, er wolle mit den Querhausfenstern eine "Vorhalle" auf die biblische Botschaft des Ostchores schaffen. Dabei legte er 18 verschiedene Blautöne fest, von denen acht in der Glashütte neu entwickelt werden mussten. In seinem 98. Lebensjahr stehend, wenige Monate vor seinem Tod, vollendete Chagall diese Fenster. Neben den Blautönen kommen andere Farben nur in den Kreisformen der Maßwerkfenster vor, wo es mit 45 verschiedenen Farben zu einer wahren Farbensymphonie kommt. Er ließ sich dabei wieder von der Bibel, dem aus Edelsteinen erbauten himmlischen Jerusalem, inspirieren.

Nun waren noch die Anschlussfenster in den beiden Seitenschiffen und im Westchor zu schaffen. Da Marc Chagall wusste, dass er dieses Werk nicht mehr vollenden kann, war es sein Wunsch, dass ein besonders qualifizierter Künstler diese Arbeiten übernehmen sollte: Charles Marq, Seniorchef des Reimser Glasateliers, mit dem er 28 Jahre vertrauensvoll zusammengearbeitet hat. So bekam die Kirche in den Folgejahren noch weitere Glasfenster aus der Reimser Glashütte, die aber bewusst zurückhaltend gestaltet sind und auf die Chagall-Fenster im Chor- und Altarraum hinführen sollen.

Mit der Gestaltung der neun Glasfenster in Ostchor und Querschiff von Sankt Stephan, für die er übrigens kein Honorar in Anspruch nahm, hat Chagall dieser Kirche nicht nur einen hohen künstlerischen Rang verliehen, sondern wollte auch ein Zeichen setzen für die deutsch-französische Freundschaft, für die christlich-jüdische Verbundenheit, für Völkerverständigung und den so lebensnotwendigen Frieden. Um den Frieden ging es auch in dem abschließenden Gebet, in dem Klaus Mayer darum bat, dass die Botschaft der Kirchenfenster die Augen und Herzen der Besucher öffnen möge und so das Kunstwerk ein Symbol des Friedens werde.

tr