Lokales

Fast aus dem Leim gegangen

Mit dem ersten Bauabschnitt ist die Orgel der Kirchheimer Martinskirche erst einmal gesichert

Nach drei Monaten Ruhepause erstrahlt die Orgel an der Martinskirche seit kurzem wieder in neuem musikalischem Glanz: Der erste Bauabschnitt zur Sanierung ist abgeschlossen. Am heutigen Dienstag steht die Abnahme durch den Orgelsachverständigen an.

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Andreas Volz

Kirchheim. „Man sieht von außen nichts“, stellt Bezirkskantor Ralf Sach nüchtern fest. Für den „normalen“ Gottesdienstbesucher dürfte es deshalb auch nur schwer nachzuvollziehen sein, dass der erste Teil der Sanierung etwas über 80 000 Euro gekostet hat beziehungsweise noch kosten wird. Zur endgültigen Finanzierung fehlen noch rund 12 000 Euro. Das ist aber längst nicht alles, denn eigentlich sind noch zwei weitere, ähnlich kostenintensive Bauabschnitte nötig – unter streng musikalischen Gesichtspunkten betrachtet. Ralf Sach schätzt die Lage folgendermaßen ein: „Dieser erste Bauabschnitt hatte nur die Aufgabe, zu verhindern, dass die Orgel nicht in sich zusammenfällt. Aber es ist noch nicht viel dafür getan worden, die Orgel zu verbessern.“

Der erste Bauabschnitt war teurer als zunächst gedacht: Die ursprüngliche Kostenschätzung hatte sich auf 74 000 Euro belaufen. Um den Grund für die Steigerung zu erklären, wählt Bezirkskantor Sach einen sportlichen Vergleich: „Das war wie ein Hürdenlauf. Allerdings haben sich die Hürden erst in dem Moment aufgebaut, wo man hätte springen müssen.“ Als Beispiel nennt er die Pedalregister, deren Verstimmung bislang auf den falschen Luftdruck zurückgeführt worden war. Bei der Sanierung habe sich dann aber herausgestellt, dass die Stimmschieber in den Holzpfeifen verkeilt waren. Die Erneuerung von Pfeifen sei im ersten Bauabschnitt gar nicht vorgesehen gewesen. Weil aber das Schwellwerk bereits ausgebaut war, wäre es nicht sinnvoll gewesen, mit der notwendigen Arbeit auf eine spätere Sanierungsphase zu warten, bei der das Schwellwerk erneut auszubauen gewesen wäre.

Was sich ebenfalls als problematisch herausstellte, das waren die Materialien, die beim Bau der Martinskirchenorgel seit den 1960er-Jahren verwendet wurden. „Viele dieser Materialien waren gar nicht auf ihre Langzeitwirkung hin überprüft worden“, erzählt Ralf Sach und bringt als Beispiel den Leim: „Die Barockbaumeister haben ihren Leim noch selbst angerührt.“ Die Rezepturen seien nicht überliefert worden, und im 20. Jahrhundert habe eben handelsüblicher Leim aus Massenproduktion zur Verfügung gestanden. Ergebnis: Vielfach waren zwar die Ventile und die Beläge noch intakt, „aber der Kleber hatte sich in Wohlgefallen aufgelöst“. Bei der jetzigen Sanierung seien natürlich andere Materialien verwendet worden, „von denen man hofft, dass sie Ruhe geben“. Ob sie das aber wirklich tun, das werde sich erst im Lauf der Jahre zeigen.

Was sich allerdings jetzt schon zeigt – sichtbar und hörbar –, das ist eine neue Spielfreude des Organisten. „Es macht einfach wieder Spaß zu spielen“, sagt Ralf Sach und lobt insbesondere den gleichmäßigen Tastendruck, den es so in der Vergangenheit nicht mehr gegeben hatte. Gleiches gelte für die Pedale: „Sie sind schwer zu drücken, aber es macht mehr Spaß. Man fühlt jetzt, was man tut.“ Was an den Tasten deutlich ins Auge sticht, das sind die neuen Beläge. Sie waren dringend nötig gewesen, denn vor allem an den unteren beiden Manualen hatten die alten Beläge bereits begonnen, sich von den Tasten zu lösen.

Um die Martinskirchenorgel weiter voranzubringen, wären wie gesagt noch zwei Bauabschnitte nötig. Beispielsweise müsste die Orgel mit einer elektronischen Setzeranlage ausgestattet sein. Eine solche Anlage erlaubt es, bestimmte Klangfarben, für die mehrere unterschiedliche Register nötig sind, voreinzustellen. Auf Knopfdruck lässt sich diese Einstellung abrufen, ohne dass der Organist die Register einzeln umstellen muss. „Ab 30 Registern kommt eine Orgel heute nicht mehr ohne Setzeranlage aus. An der Martinskirche habe ich aber rund 80 Register. Eine solche Registerfülle ist ohne Setzeranlage kaum zu nützen.“

Die Vorbereitungen für eine spätere elektronische Setzeranlage wurden bereits getroffen, die Knöpfe sind installiert. Die alte mechanische Setzeranlage, die nie richtig funktioniert hat, ist außerdem komplett entfernt worden. „Vieles von dem, was im ersten Bauabschnitt gemacht wurde, wäre sinnlos, wenn es jetzt nicht mehr weitergeht“, resümiert Bezirkskantor Sach. Wie und vor allem wann es weitergeht, hängt wesentlich davon ab, wie schnell die fehlenden 12 000 Euro für den ersten Abschnitt zusammenkommen.

Die Kirchengemeinde ist in diesem Fall auf Spenden angewiesen. Ralf Sach ist sich durchaus bewusst, dass auch bei der Kirche selbst dringender Sanierungsbedarf besteht: „Das muss man im Gesamtzusammenhang betrachten. Wenn die Kirche einstürzt, nützt es nichts, eine tolle Orgel zu haben.“ Trotzdem ist der Kantor überzeugt, dass es einen bestimmten Personenkreis gibt, der bereit ist, speziell den Orgelbau an der Martinskirche durch Spendengelder zu unterstützen: „Das zeigt sich regelmäßig bei der Orgelmusik zur Marktzeit. Da kommen die Leute von weither in die Martinskirche.“

Ein weiteres langfristiges Ziel Ralf Sachs ist es, ein Forum ins Leben zu rufen, bei dem es um die Rolle der Musik im Gottesdienst gehen soll. Seine Position dabei ist eindeutig: „Bach-Kantaten gehören nicht in die Stadthalle oder in die Liederhalle. Das ist liturgische Musik, die zum Gottesdienst gehört.“

Spenden nimmt die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Kirchheim unter dem Stichwort „Orgelsanierung“ entgegen: Kontonummer 48  300  645 bei der Kreissparkasse Esslingen-Nürtingen, BLZ 611  500  20, oder Kontonummer 302  533  001 bei der Volksbank Kirchheim-Nürtingen, BLZ 612  901  20.