Lokales

Fasziniert vom jahreszeitlichen Wechselspiel der Farben

LENNINGEN Seit seiner Kindheit zeichnet und malt er. Sein Talent weckte schon bald das Interesse des Großvaters und des Lehrers. In so mancher guten Stube in Lenningen

Anzeige

ERIKA HILLEGAART

und anderswo hängen seine Aquarelle und Ölgemälde. Am gestrigen Sankt Martinstag feierte der Oberlenninger Maler Helmut Bächle seinen 70. Geburtstag.

Sein Atelier ist im Dachgeschoss seines Wohnhauses; auf den Staffeleien stehen derzeit spätsommerliche Impressionen von der Au dem Oberlenninger Wiesental Richtung Schlattstall. Das mittägliche Sonnenflirren in der Pappelallee an der Lauter zieht die Blicke des Betrachters an. Dieses Motiv hat Helmut Bächle mehrfach variiert. An den Wänden lehnen Ölgemälde mit den unterschiedlichsten Motiven: Stilleben, Blumenbilder, Portraitstudien, Gebäudearrangements und immer wieder Baumgruppen, Gärten, Landschaften.

Helmut Bächle, der Stille, der Augenmensch, der Maler, der das Vernissage-Getümmel meidet, er braucht Ruhe beim Betrachten, beim Malen. Ruhig sei er schon als Kind gewesen. In der zweiten Grundschulklasse schrieb der Lehrer ins Zeugnisheft: "In Zeichnen ein Sonderlob!" Dieser Lehrer Bahnmüller habe selbst gut gezeichnet.

Der Umgang mit dem genauen Strich, vor allem mit der Farbe spielt in der über hundertjährigen Familiengeschichte eine große Rolle. Das Malergeschäft Bächle hat am Ort einen guten Ruf. Aber schon der Großvater Martin hatte neben dem Broterwerb mit Tapezieren, Lackieren und Anstreichen den feineren Pinselstrich auf der Leinwand entdeckt. In dunklen warmen Temperafarben habe er Rosen, Stilleben und Ornamente gemalt. Seinem Enkel, dessen Begabung er wohl erkannte, riet er: "Kunst geht betteln, geh lieber aufs Gymnasium."

Am Kriegsende jedoch war die Eisenbahnverbindung nach Kirchheim noch ungeklärt. So hat Helmut Bächle das fünfte Schuljahr 1945/46 noch in Oberlenningen verbracht, und er hat in jenem Jahr mit seinem Freund auf dem Speicher des ehemaligen Schulhauses in der Marktstraße uralte Schulbücher entdeckt, darunter eines mit Vogelabbildungen. Welch ein Schatz in jener fernsehlosen, spielzeug- und bücherarmen, kargen Zeit. "Papier und Farben machten mich hochglücklich", erinnert sich Helmut Bächle. Der Elfjährige schneidet sich Papierbogen zurecht, klebt und näht sich ein Heft und zeichnet darin akkurat sechzig Vögel nach der Vorlage von der Amsel, der Bachstelze, der Haubenlerche bis zur Spechtmeise, dem Zaunkönig und er aquarelliert das typische Umfeld der Vögel dazu er katalogisiert sie sogar in einem Inhaltsverzeichnis. Bis auf den heutigen Tag kennt er die Vögel, ihre Stimme, ihr typisches Verhalten. Die Biologiebücher weckten sein Interesse an der Natur. Die Noten in Naturkunde sind stets gut. "Er ist ruhig und aufmerksam", notierten die Gymnasiallehrer ins Zeugnisheft.

Doch der Vater starb im Alter von nur 48 Jahren. Das war in jener Zeit, als man noch Schulgeld zahlen musste, das Ende seiner Gymnasialzeit mit 14 Jahren. Es begann die Lehre und die Arbeit im Familienbetrieb, später bei der Firma Scheufelen. Das Interessenspektrum weitete sich: Der junge Mann spielte Handball, machte Leichtathletik, fuhr Ski. In der Werkskapelle spielte er Flügelhorn und wurde von Professor Willy Schneider gefördert. Pinsel und Palette nahm er nur hin und wieder zur Hand. Doch er bleibt ein Naturliebhaber, wandert viel mit der gegründeten Familie, weiß, wo die Küchenschellen wachsen, die Märzenbecher, das Knabenkraut. Er kennt die Pflanzen der Magerböden genau beim Namen und gestaltet, pflegt seinen Garten.

Vor rund zwanzig Jahren rief der Förderkreis Schlössle die Lenninger auf, ihre schöpferischen Talente in einer Ausstellung zu zeigen. Dies gab Helmut Bächle einen neuen Impuls. Sein Gemälde mit der Sulzburg in gedeckt herbstlichen Farben galt als "Spitzenreiter der Ausstellung". Seitdem zeichnet und malt der Oberlenninger kontinuierlich, besucht seit 1991 einmal wöchentlich die Freie Malschule Hergeth in Wernau und fährt mit seiner Malklasse zu Studienfahrten. Mit seiner Frau Gertrud unternimmt er Kunstreisen, insbesondere nach einer schweren Krankheit beflügeln die genauen Studien großer Meister seine Lust zum Malen. In diesem Jahr besuchte das Paar die Pariser Museen mit dem Schwerpunkt Musee Marmottan, wo die künstlerische Entwicklung Monets eindrucksvoll dokumentiert ist.

Entwicklung ist in jeder Biografie ein Schlüsselwort. Grundkenntnisse der Farbenlehre, der Raumaufteilung, der Perspektive, der Vergleich mit anderen Sichtweisen, Reduktion auf Wesentliches all dies nimmt Helmut Bächle lernfreudig auf. Doch frei ist die Kunst. Der Oberlenninger lässt sich nicht manipulieren. Er widersteht dem Anspruch, die Malerei müsse abstrakt sein, die Farben verfremdet und die Formen zerschlagen. "Noi dann bin ich kein Künstler ", wehrt er bescheiden ab.

Er malt, was er sieht und vor allem, wie er etwas sieht, erlebt, empfindet. Seine Stillleben mit Äpfeln, Blumen, seine Landschaften und Hinterhofwinkel bringt er im richtigen Format, im angemessenen Ausschnitt auf die Leinwand. Er geht bei jeder Tages- und Jahreszeit, bei jedem Wetter auf die Alb oder durchs Tal, ins Gebirge oder an einen See. Sein fotografisches Gedächtnis speichert Formen, vor allem Farben.

Er trifft den Ton, malt ohne überschwängliches Pathos mit zunehmender Freude. Die Eindrücke, die Impressionen sind stark genug, das jahreszeitliche Wechselspiel der Farben fasziniert. Darin liegt der Reiz, dass es Helmut Bächle gelingt, dem jeweiligen Motiv eine bildstarke Präsenz zu geben. Immer wieder malt er dasselbe Motiv, etwa die Krautgärten vor Gutenberg, die Bauerngärten von Krebstein, die letzten geduckten Häuser im Dorf, die frischen Wasserwellen in Rinnsalen und Bächen und in der Wiederholung liegt ein Geheimnis der Schönheit. Seine Bilder sind eine Einladung für den Betrachter, eine Beziehung zu vertrauten Objekten zu vertiefen oder sich in einen unbekannten Blickwinkel entführen zu lassen.