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Fehlendes Unrechtsbewusstsein: Korruption greift um sich

ESSLINGEN Respekt, Jörg Ziercke. Der Präsident des Bundeskriminalamtes ist vorbildlich informiert. Schnörkellos, souverän, unideologisch und fern von Effekthascherei

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MICHAEL PAPROTH

erweist sich Deutschlands oberster Sicherheitsbeamter im Kaisersaal des Esslinger Amtsgerichts als erstklassiger Referent. Von Wiesbaden nach Esslingen geholt hat ihn die Sektion Esslingen-Göppingen des Wirtschaftsrates der CDU. Der Verein bildet ein Netzwerk von bundesweit mehr als 10 000 Firmen und Führungskräften, die die Interessen der Unternehmer für eine freiheitliche und soziale Wirtschaftsordnung vertreten. Damit die Geschäfte regelkonform abgewickelt werden, dafür soll auch Ziercke sorgen. So räumt der BKA-Präsident dem Kampf gegen die Wirtschaftskriminalität einen hohen Stellenwert ein, wohl wissend, dass gerade auf diesem Feld wenige Kriminelle viele Menschen schädigen können und sehr hohe Schäden verursachen.

Die Zahlen sprechen für sich: Insgesamt 6,3 Millionen Straftaten vom Ladendiebstahl bis zum Mord wurden 2005 in Deutschland registriert. Davon entfallen auf die Wirtschaftskriminalität lediglich 1,4 Prozent. Zugleich macht aber deren Schadenssumme beispielsweise durch Wettbewerbsverstöße, Kapitalanlagebetrügereien oder Insolvenzstraftaten mit 4,2 Milliarden Euro 50 Prozent des Gesamtschadens aus. 40 000 Tatverdächtige ermittelten die Behörden, den meisten fehlt es am Unrechtsbewusstsein. "Das ist auffallend", sagt Ziercke und lässt erkennen, dass er auch über psychologische Kenntnisse verfügt. Von Rationalisierungsstrategien spricht der BKA-Präsident, also von vermeintlich rational abgesicherten Erklärungsversuchen, die in diesem Fall eine Straftat nötig machen und sie zugleich nicht als solche ins Bewusstsein rücken. Zu Felde geführt werden als vermeintliche Argumente für die Straftat etwa betriebliche Interessen, Verantwortung für Arbeitsplätze, branchenübliches Verhalten oder der nötige Überlebenskampf.

Ziercke, dem nachgesagt wird, ungewöhnlich leistungsstark, aber auch einen Tick zu beamtenhaft zu sein, legt Wert auf Sachlichkeit. Er zählt die Sachverhalte auf, belegt sie mit Zahlen und besticht mit umfangreichen Detailkenntnissen. Die Spannung seines Referats entsteht durch die Sache selbst, nicht durch eine spannende Vortragsweise. Ziercke streift die organisierte Wirtschaftskriminalität und bleibt bei der Internetkriminalität hängen: "IT-gestütze Wirtschaftsspionage ist ein Thema der Zukunft", sagt der BKA-Präsident. Trojaner, die Geschäfts- und Kundendaten von Computern ausspionieren, hätten die Viren und Würmer abgelöst. Auch viele Bürger sind den Internet-Betrügern schon auf den Leim gegangen. Unter dem Schlagwort Phishing abfischen versuchen Kriminelle per E-Mail die Empfänger irrezuführen, und zur Herausgabe von Zugangsdaten und Passwörtern zu bewegen. In den meisten Fällen bezieht sich dies auf Online-Banking und andere Bezahlsysteme. "Weltweit sind bereits 1,2 Millionen Bankkunden Opfer von Phishing geworden", sagt Ziercke und räumt eine enorm hohe Dunkelziffer ein. So setzt das BKA auf Aufklärung. Ziercke weiß von Hotelgästen, die mit ihrer Kreditkarte an einem zuvor manipulierten Lesegerät bezahlt haben. So wurden die Kartendaten an Betrüger übertragen, die sich sofort über das betreffende Konto hermachen konnten.

In nicht allzu ferner Zukunft dürfte zudem das Thema Spam-Anrufe an Bedeutung zunehmen wenn Voice over IP, also das Telefonieren über das Internet, die Festnetztelefonie abgelöst hat. Als Spam werden unerwünschte Nachrichten bezeichnet, die massenhaft versandt werden und schon mal eine Firma lahm legen können. Auch bei einem Klassiker der Wirtschaftskriminalität, der Korruption, ist das BKA zunehmend wachsam. Deutschland nimmt in einer Art Korruptionsrangliste immerhin Rang 16 von 163 Ländern ein. "Kein Ruhmensblatt", bemerkt Ziercke: "Die Zeit, in der wir sagen konnten, das sind einige schwarze Schafe, ist vorbei." 2160 Fälle von Korruption wurden 2005 registriert, auch hier ist die Dunkelziffer um ein Vielfaches höher. 91 Prozent der Korruptionsfälle betreffen die öffentliche Verwaltung, etwa bei der Vergabe von Aufträgen.

Der BKA-Chef, der sein Augenmerk auch auf die internationale Korruption richtet, sieht Handlungsbedarf. So beginnt er einen Dialog mit der Wirtschaft und wendet sich an große Konzerne und deren Sicherheitsexperten. Ziercke will kriminellen Netzwerken ein Netzwerk an Informationen entgegensetzen. Dazu braucht er die Erfahrungen und Erkenntnisse von Global Playern. Siemens beispielsweise verfügt im Irak oder in Indonesien über Sicherheitsexperten und Informationsnetze. Netzwerke aufbauen lautet also das Credo des BKA-Präsidenten. "Dann kann sich kaum jemand verstecken. Außer auf einer einsamen Insel, wo er sein Geld nicht ausgegeben kann."

Und dann, es sei ihm zugestanden, lobt Ziercke die eigene Behörde mit ihren 5600 Mitarbeitern. Das BKA sei erfolgreich in der Zielfahndung, sagt er zum Schluss seines Vortrags über Entwicklungen der Wirtschaftskriminalität in Deutschland. Wer jetzt den Abend gemütlich ausklingen lassen wollte, der sah sich getäuscht. Ziercke nahm prompt den Terrorismus ins Visier, sprach über Drohkulissen, Online-Durchsuchungen oder eine Anti-Terror-Datei. "Er hat sich warm geredet", sagt hinterher Helmut Schrade vom gleichnamigen Esslinger Wohnbauunternehmen. Der Unternehmer meint das anerkennend. Seine Anerkennung bringt auch der Sektionssprecher des CDU Wirtschaftsrates, Otto Hauser, zum Ausdruck. Der frühere Regierungssprecher von Helmut Kohl lobt: "Sie machen einen guten Job für Deutschland."

ZUR PERSONJörg Ziercke, geboren am 18. Juli 1947 in Lübeck, ist seit dem 26. Februar 2004 Präsident des deutschen Bundeskriminalamts, kurz BKA. Nach seinem Abitur ging Ziercke 1967 als Polizeianwärter zur Bereitschaftspolizei; 1968 begann er eine Ausbildung für den gehobenen Dienst der Kriminalpolizei, die er 1970 beendete. Bis 1975 war Ziercke im operativen Bereich bei der Schutz- und Kriminalpolizei sowie beim LKA Kiel tätig. Er stieg in den höheren Dienst auf. Nach dem Studium der Kriminalgeografie und Kriminalsoziologie an der Polizeiführungsakademie in Münster, wurde er 1979 Leiter der Kriminalpolizei Neumünster. 1981 wurde Ziercke an die Kriminalpolizeidirektion Itzehoe abgeordnet. 1985 wechselte er ins Kieler Innenministerium, wo er zunächst als Personal-, Aus- und Fortbildungsreferent der Landespolizei Schleswig-Holstein tätig war. Von 1990 bis 1992 war Ziercke Leiter der Landespolizeischule Schleswig-Holstein und unterstützte den Aufbau der Landespolizeischule Mecklenburg-Vorpommern. Von 1992 an war er bis zu seiner Berufung zum Präsidenten des Bundeskriminalamtes im Jahr 2004 in der Abteilung Polizei im Innenministerium Schleswig-Holstein tätig, ab dem Jahr 1995 als Abteilungsleiter. Ziercke ist verheiratet und hat zwei Kinder.