Lokales

Feste Tagesstrukturen für Kranke

Chefarzt Dr. Martin Roser referierte über Demenz

Zum Thema Demenz referierte Chefarzt Dr. Martin Roser im Rahmen einer Vortragsreihe, die das Kreisklinikum und die Stadt mit Kooperationspartnern initiiert haben. Mehr als 80 Personen kamen in den Vortragssaal der Stadtbücherei und informierten sich anhand der Ausführungen des Leiters der psychiatrischen Abteilung vom Kreisklinikum über die medizinischen Aspekte der Krankheit.

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Peter Schuster

Kirchheim. „Da die Bevölkerung immer älter wird und die Demenz als Krankheit mit zunehmendem Alter zunimmt, wird sich die Gesellschaft verstärkt mit dieser Krankheit auseinandersetzen müssen,“ begann der Chefarzt der psychiatrischen Abteilung im Kreisklinikum Kirchheim-Nürtingen seinen Vortrag. Zu Beginn zeigte er verschiedene Formen des Gedächtnisses auf. Es wird unterschieden zwischen dem prozeduralen Gedächtnis, das für die sinnvolle Koordination des Handlungsablaufs verantwortlich ist und dem episodischen Gedächtnis, das wichtige Ereignisse in der Biografie erinnert. Das perzeptuelle Gedächtnis dient dazu, Gesichter wiederzuerkennen. Während das fluide Gedächtnis im Alltag neue Erkenntnisse speichert, speichert der Mensch über das kristalline Gedächtnis Alltagserfahrungen.

Erst bei vielfältigen Defiziten im Gedächtnis und Störungen, die dazu führen, dass der Alltag nicht mehr bewältigt werden kann, geht die Medizin von einer Demenz aus. Aus den Gedächtnisdefiziten folgen Persönlichkeitsveränderungen, eine verminderte Urteilsfähigkeit und eine starke Einbuße bei den Fähigkeiten, die eigenen sozialen und beruflichen Belange zu regeln. Diese Merkmale belegen, dass der Patient eine Demenz habe. Davon zu unterscheiden seien Defizite, Verwirrtheit und Persönlichkeitsveränderungen, die infolge anderer Krankheiten wie Depressionen oder Durchgangssyndromen nach Operationen auftreten. Der Hauptunterschied zwischen einer Depression und einer Demenz liege darin, dass bei einer Depression der Patient Fähigkeiten verleugne, während der Demenzkranke seine tatsächlich vorhandenen Defizite in der Regel nicht einsehe.

Bei der am häufigsten diagnostizierten Alzheimer Demenz führe der laufend andauernde Zerfall der Gehirnsubstanz zu einem schleichenden Verlauf der Krankheit. Eiweißablagerungen an den Nervenzellen des Gehirns, die sogenannten Plaques, führen zum Absterben der Nervenzellen. Dagegen zerstören bei der vaskulären Demenz immer wieder auftretende Hirninfarkte die Gehirnsubstanz.

Anhand eines Diagnoseschemas, können laut Roser leichte, mäßige, mittelschwere oder schwere Defizite festgestellt werden. Neben der Alzheimer Demenz und der vaskulären Demenz nannte Dr. Martin Roser weitere Krankheitsbilder und Ursachen, die eine Demenz verursachen können. „Vor allem als Folge der Parkinsonkrankheit entstehen zahlreiche Demenzen,“ sagte Dr. Martin Roser. Nicht zu unterschätzen sei die steigende Zahl von Demenzen aufgrund von schwerem Alkoholkonsum, die sogenannte Korsakow­erkrankung.

Nachdem der Chefarzt die verschiedenen diagnostischen Verfahren dargestellt hatte, ging er auf die Behandlungsmöglichkeiten ein. Roser plädierte für ein Zusammenwirken von medikamentöser und nichtmedikamentöser Therapie. Durch Medikamente, die Cholinesterasehemmer, können das Fortschreiten der Demenz verlangsamt werden. „Die geistigen Fähigkeiten und Fertigkeiten und die Lebensqualität des Patienten bleiben durch die Medikamente im alltäglichen Leben eine Zeit lang auf dem bisherigen Niveau erhalten,“ erklärte Dr. Martin Roser. Bei der nichtmedikamentösen Therapie nannte der Arzt als Ziel, eine feste Tagesstruktur, Orientierungshilfen und eine sichere Umgebung für den Betroffenen zu schaffen. Zudem sollten bei den Dementen die Eigenständigkeit erhalten werden, indem Handlungsabläufe vereinfacht werden. Auch gelte es, den Demenzkranken immer wieder auf der emotionalen Ebene zu stärken, indem er bei Unruhe mit einer einfachen Aufgabe betraut wird und Zuwendung erhält. Mit zunehmendem Abbau geistiger und körperlicher Funktionen gehe die Eigenständigkeit allerdings mehr und mehr verloren. Der Schutz des Patienten vor körperlicher Verwahrlosung und Verletzungen verlange eine immer stärkere Einschränkung der Autonomie. Um der Krankheit vorzubeugen, sei es wichtig, sich geistig zu betätigen. Auch Tanzen und Ausdauersport vermindern das Risiko einer Demenzerkrankung. Diät und Kalorienreduktion verhinderten ebenfalls die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken.

Im Anschluss beantwortete Dr. Martin Roser zahlreiche Fragen.