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Feuerbock, Eselsrücken und Mann-Figur

"Fachwerkbauten sprechen die Menschen emotional an", wusste Kurt-Christian Ehinger, Architekt, Stadtplaner und Diplom-Ingenieur aus Burgstetten, auf Grund seiner langjährigen Beschäftigung mit Fachwerkbauten zu berichten. Doch beim Fachwerk-Seminar waren nicht Gefühle, sondern Aufmerksamkeit und Konzentration gefragt.

UTE FREIER

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KIRCHHEIM Ehinger, der bei der Sanierung von mehr als 50 Fachwerkgebäuden praktische Erfahrung gesammelt hat, gab sein geballtes Wissen weiter an die Seminar-Teilnehmer Kirsten Bopp, die Leiterin der Kirchheim-Info, und die Stadtführer und -führerinnen Helmut Billig, Bernd Budde, Günther Erb, Ruth Mößner, Rotraud Schönleber. Nach dem 90-minütigen Vortrag vertieften die Teilnehmer die neu erworbenen Kenntnisse bei einem Rundgang durch die Stadt.

"Wir wollen in Zukunft eine spezielle Fachwerk-Führung in der Stadt anbieten", gab Kirsten Bopp ihr Vorhaben bekannt. Denn Kirchheim ist seit drei Jahren Mitglied in der Arbeitsgruppe Deutsche Fachwerkstraße, die Fachwerkstädte einer breiten Bevölkerungsschicht zugänglich machen und den Tourismus durch Angebote zum Thema Fachwerk fördern will. Zusammen mit 16 weiteren Städten, unter anderem Esslingen und Schorndorf, liegt Kirchheim an der Regionalstrecke "Vom Neckar zum Schwarzwald".

"Vergessen Sie die üblichen Bezeichnungen alemannisches und fränkisches Fachwerk", riet Ehinger seinen Zuhörern gleich zu Beginn, "teilen Sie die Fachwerkbauten stattdessen ein in Fachwerk der Gotik, der Renaissance und des Barock. Das ist korrekter." Als Gotik bezeichnete Ehinger den Zeitraum zwischen dem 14. Jahrhundert und etwa 1550, als Renaissance die folgenden hundert Jahre bis 1650 und als Barock die Zeit bis Mitte des 18. Jahrhunderts. Das Fachwerk dieser Epochen unterscheidet sich nicht nur durch die Art der Konstruktion, sondern auch durch die verwendeten Schmuckelemente. Denn die in einer Fachwerk-Fassade sichtbaren Balken halten nicht nur das Haus zusammen, sondern dienen gleichermaßen der Verschönerung.

Charakteristisch für die Gotik ist die Bohlenstube, einst das einzige beheizbare Zimmer, das dementsprechend gut durch Bohlenwände und eine gewölbte Decke isoliert wurde und von außen häufig an den über Eck angebrachten Fenstern zu erkennen ist. In der Renaissance tauchten im Fachwerk die Mann-Figur auf sowie verschiedene Schmuckformen wie das Andreaskreuz und das geschweifte Andreaskreuz, der so genannte Feuerbock.

"Ein schönes Beispiel für das Fachwerk der Renaissance ist das Alte Haus", nahm Ehinger Bezug auf die Kirchheimer Gegebenheiten. Da beim Stadtbrand im Jahr 1690 die meisten Häuser innerhalb der Stadtmauern zerstört wurden, sind Bauten dieses Alters in Kirchheim überwiegend außerhalb des Mauerrings erhalten, zum Beispiel das Finanzamt und das Haus Nummer 134 in der Alleenstraße, das typische Merkmale des Renaissance-Fachwerks aufweist wie die Betonung der Horizontalen durch Profilschwellen.

In der Altstadt überwiegen Bauten aus dem Barock. Typisch für diese Epoche sind Wandverstrebungen in K-Form, einfache Schmuckelemente und größere Fenster. Die horizontalen Schwellhölzer wurden mehrfach eingekerbt, eine als Eselsrücken bezeichnete Ausschmückung, die an vielen Häusern zu sehen ist. Eine Besonderheit in Kirchheim sind die Ecksäulen, zum Beispiel am Rathaus und in der Max-Eyth-Straße an den Häusern mit den Nummern 29, 31, 33 und 35.

In den verschiedenen Epochen gab es auch, was die Farben der Balken anbetrifft, große Unterschiede. Beim gotischen Fachwerkbau wurden die Sichtbalken vorwiegend rot, in der Renaissance in Ockertönen und im Barock grau gestrichen. Farben, die heute bei der Restaurierung von Fachwerkbauten wieder verwendet werden, was jedoch nicht von Anfang an auf Zustimmung der Bauherren und Behörden stieß. Ehinger erinnerte sich an die Widerstände und Schwierigkeiten, als er vor einigen Jahren Balken eines sanierten Gebäudes in ockergelb statt im bis dahin üblichen dunkelbraun streichen wollte. Nur mit Mühe konnte er die Zuständigen von der historischen Korrektheit dieser Bemalung überzeugen.

Ab Mitte des 18. Jahrhunderts verschwanden die Fachwerkbauten aus dem Stadtbild. "Eine württembergische Bauordnung verbot damals den Bau weiterer Sicht-Fachwerkbauten und schrieb vor, bereits existierende Fachwerkgebäude aus Brandschutzgründen zu verputzen", berichtete Ehinger. Wie sich diese Bauordnung auf die Fachwerkfassaden auswirkte, zeigte Ehinger beim Rundgang durch die Stadt. Deutlich sind auf den Balken Einkerbungen zu sehen, die von Beilhieben herrühren. Alle vorstehenden Holzteile wie profilierte Schwellenbalken und Fenstereinfassungen, so genannte Erker, wurden abgebeilt. Auf die Balken wurde Drahtgeflecht aufgenagelt, sodass Putz aufgetragen werden konnte. Erst seit den 1960er-Jahren werden Fachwerk-Fassaden wieder freigelegt.