Lokales

Finnen übernehmen Papierfabrik Scheufelen

Geschäftsbetrieb geht zum 1. Januar an Powerflute über – 500 Arbeitsplätze bleiben erhalten

Die Papierfabrik Scheufelen ist endgültig gerettet. Gestern verkündete Insolvenzverwalter Dr. Jobst Wellensiek den erfolgreichen Abschluss der Verkaufsverhandlungen: Zum 1. Januar 2009 übernimmt der finnische Investor Powerflute das renommierte Unternehmen im Lenninger Tal.

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F. Hoffmann / I. häfner

Lenningen. „Wir freuen uns, mit Powerflute einen Investor gefunden zu haben, der die Firmenphilosophie und die Werte der traditionsreichen Papierfabrik erhalten will“, zeigte sich Wellensiek gestern erleichtert. Damit habe man das Ziel der Standortsicherung und den Erhalt von 500 Arbeitsplätzen erreicht.

Steigende Rohstoffkosten und stag­nierende Absatzpreise hatten die Papierfabrik Scheufelen in den vergangenen Jahren zunehmend in Bedrängnis gebracht. Trotz umfangreicher Restrukturierungsmaßnahmen und Personalabbau gelang es nicht, das 1855 gegründete Unternehmen aus den roten Zahlen zu führen. Mitte Juli 2008 musste die Geschäftsleitung Insolvenz beantragen.

Durch die gute Auftragslage und das Entgegenkommen der Banken gelang es, die Produktion während des gesamten Insolvenzverfahrens aufrecht zu erhalten, und Anfang Oktober konnte Insolvenzverwalter Dr. Jobst Wellensiek mit der Powerflute AG einen Kaufinteressenten präsentieren. Powerflute ist eine an den Börsen von London und Stockholm notierte Aktiengesellschaft, die im Werk Savon Sellu in Finnland hochwertige Wellpappenrohpapiere aus Birkenzellstoff herstellt.

Die Verhandlungen mit dem neuen Eigentümer zogen sich länger als geplant hin, sodass der ursprünglich für Ende November vorgesehene Übernahmetermin auf 1. Januar 2009 verschoben werden musste. Mit dem Verkauf verlieren 120 der derzeit 620 Scheufelen-Mitarbeiter ihren Job. 24 der Betroffenen haben bereits gekündigt, weil sie eine neue Arbeitsstelle gefunden haben, den restlichen 96 wird ein Platz in einer Auffang- und Qualifizierungsgesellschaft angeboten.

Für den Scheufelen-Betriebsratsvorsitzenden Karl-Heinz Wellmann ist dieser Verlust an Arbeitsplätzen natürlich überaus bedauerlich. Gleichzeitig ist er aber erleichtert, „dass es in Lenningen weitergeht und der Standort wieder eine Perspektive hat“. Der neue Eigentümer habe bereits eine Reihe von Investitionen in Aussicht gestellt, um die Papierfabrik in Oberlenningen langfristig zu sichern. Zu den 500 geretteten Arbeitsplätzen bei Scheufelen, so Wellmann, kämen noch rund 80 beim ebenfalls insolventen Technik-Dienstleister IPL. „Auch die IPL-Mitarbeiter haben nun gute Chancen, dass es weitergeht.“

Für die Scheufelen-Beschäftigten ist die Übernahme mit einer Reihe von Einschnitten verbunden: Unter anderem wurde in dem Sanierungsvertrag festgelegt, dass die Mitarbeiter zwei Jahre lang auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten und die Wochenarbeitszeit ebenfalls für zwei Jahre von 38 auf 40 Stunden erhöht wird, wobei eine dieser zusätzlichen Stunden nicht bezahlt wird. Auch bei der tariflichen Lohnerhöhung gibt es Abstriche: Statt der in der Branche vereinbarten 2,1 Prozent erhalten die Scheufelen-Mitarbeiter 2009 nur 2,0 Prozent mehr Lohn, 2010 dann statt 2,4 ebenfalls 2,0 Prozent.

Der Investor wird das Unternehmen unter dem Namen Papierfabrik Scheufelen weiterführen. Vorsitzender der Geschäftsleitung bleibt Kim Jokipii, Dr. Ulrich Scheufelen wird Mitglied im Aufsichtsrat von Powerflute.

Der neue Eigentümer will vor allem den Bereich der Premiumpapiere bei Scheufelen weiter ausbauen und weltweit vermarkten. In diesem Jahr konnte die Oberlenninger Papierfabrik in diesem Segment bereits eine Steigerung von über 20 Prozent erzielen. Die anderen gestrichenen Papiere sollen künftig nur noch im Umkreis von bis zu 500 Kilometern um Lenningen angeboten werden.

„Das ist eine gute Mitteilung vor Weihnachten. 500 Arbeitsplätze bleiben dem Ort erhalten“, sagt Lenningens Bürgermeister Michael Schlecht. Ungetrübt ist seine Freude allerdings nicht. „Bei 620 Beschäftigten und 500 geretteten Arbeitsplätzen bleibt eine Differenz von 120“, bedauert er. Mit der Übernahme der Papierfabrik durch Powerflute hofft er jedoch auf einen Neustart. „Vielerorts ist zu hören, dass es auch weiterhin kleine Papierfabriken geben soll, damit nicht die wenigen großen den Markt diktieren“, zeigt er sich optimistisch.