Lokales

Fische sollen ungehindert wandern können

Einen Verkehrswegeplan der besonderen Art hat das Regierungspräsidium Stuttgart in seiner Funktion als Fischereibehörde vorgelegt.

STUTTGART Die Machbarkeitsstudie stellt eine umsetzbare Rahmenplanung für Maßnahmen vor, die notwendig sind, um die ökologische Durchgängigkeit der Bundeswasserstraße Neckar wiederherzustellen. Gegenstand der Studie ist der als Bundeswasserstraße ausgebaute Teil des Neckars zwischen der Mündung in den Rhein bis nach Plochingen mit der Länge von rund 203 Kilometern. "Bei der Studie steht nicht der Schiffsverkehr, sondern die Verkehrslenkung unter Wasser im Zent-rum der Betrachtung. Derzeit werden Fische an den Staustufen und Wehren des Neckars regelmäßig auf ihren Wanderungen zwischen Nah-rungsgründen und Laichplätzen gestoppt. Mit der Studie wird aufgezeigt, wie dem 'Verkehrsinfarkt' unter Wasser begegnet werden kann. Durch diese Biotopvernetzung wird der ökologische Zustand des Neckars und seiner Nebengewässer deutlich verbessert", ist Regierungspräsident Dr. Udo Andriof überzeugt.

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Die Studie weist den Neckar als morphologisch verändertes und vom Menschen stark geprägtes Fließgewässer aus. Der ausgebaute Neckar dient vor allem der Schifffahrt und der Wasserkraftnutzung. Mit dem Bau der Staustufen im vergangenen Jahrhundert wurde die ökologische Durchgängigkeit für die Gewässerfauna erheblich eingeschränkt und ging abschnittsweise gänzlich verloren. Allein im genannten Streckenabschnitt befinden sich 27 Staustufen mit 48 Querbauwerken. Eine Untersuchung im Jahr 2003 bestätigte die langjährige Annahme, dass selbst die 17 vorhandenen Fischpässe Mängel aufweisen und teilweise nicht funktionsfähig sind. Der Bau funktionsfähiger Fischaufstiege ist jedoch erforderlich, um die vorhandene Neckarfischfauna zu erhalten, die Bestände zu stützen und Langdistanzwanderer, wie beispielsweise Meerforelle, Lachs und Aal, nachhaltig anzusiedeln.

Für 35 der 48 Querbauwerke schlägt die Machbarkeitsstudie konkrete Maßnahmen zur Wiederherstellung oder Optimierung der Längsdurchgängigkeit des Neckars vor. Von zentraler Bedeutung für die Funktionsfähigkeit eines Fischauf-stiegs ist, dass die strömungsorientiert wandernden Fische die Aufstiegshilfe im Gewässer auch finden.

Insgesamt werden die Kosten für die Neubau- und Optimierungsmaßnahmen auf rund 46 Millionen Euro geschätzt. Zunächst sollten Maßnahmen, die fischökologisch bedeutende Bereiche wie Altarme und Zuflüsse miteinander verbinden und mit knapp 4 Millionen Euro vergleichsweise kostengünstig sind, realisiert werden. Anschließend sollte der Neckar wieder bis zur Enz hinauf durchgängig gemacht werden, was rund 18,49 Millionen Euro kostet. Als dritte Stufe schließlich sollten die Maßnahmen ab Besigheim neckaraufwärts, die technisch aufwändig und mit erheblichen Kosten von rund 23,5 Millionen Euro verbunden sind, realisiert werden.

Folgt man in der Umsetzung der Maßnahmen dem Konzept, dürfte sich die Verbesserung der Durchgängigkeit im Neckar zunächst positiv auf typische Flussfischarten wie Nase und Barbe auswirken. Von ihnen sind ausgeprägte Wanderungen innerhalb des jeweiligen Flusssystems bekannt. Langfristig soll die mit der Machbarkeitsstudie vorgelegte Rahmenplanung auch den Langdistanz-wanderfischen, die einen wesentlichen Teil ihres Lebenszyklus im Meer verbringen, zugute kommen. Neben dem Aal kann aus dieser Gruppe derzeit nur die Meerforelle im Unterlauf des Neckars nachgewiesen werden. Die regelmäßigen Funde von Lachs, Meerneunauge, Flussneunauge und Maifisch im Rhein lassen jedoch erwarten, dass mit Wiederherstellen der Durchgängigkeit weitere Langdistanzwanderer auch ins Flusssystem Neckar zurückkehren werden.

Über die Wiederherstellung der Durchgängigkeit des Neckars wird auch ein reger Austausch an Fischen aus den Nebengewässern erfolgen können. Fischexperten versprechen sich davon eine Stabilisierung der Fischbestände.

Die Umsetzung der in der Machbarkeitsstudie empfohlenen Maßnahmen entspricht den Vorgaben der EG-Wasserrahmenrichtlinie sowie der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Bis zum Jahr 2015 soll ein guter ökologischer Zustand der Fließgewässer erreicht werden, wobei die Durchgängigkeit der Gewässersysteme als eine wesentliche Voraussetzung für weitgehend intakte Lebensgemeinschaften im Gewässer angesehen wird.

Die Studie ist im Internet unter www.rp-stuttgart.de einsehbar und wird an die betroffenen Behörden verteilt, sodass sie bei künftigen Vorhaben berücksichtigt werden kann.

pm