Lokales

Fledermäuse im Haus: Kostenloser Insektenvertilger und Pflanzendünger

DETTINGEN "Fledermäuse haben ein schlechtes Image", sagt Heinz Schöttner von der Ortsgruppe Dettingen des Naturschutzbunds Deutschland (NABU). Das liege daran, dass die nachtaktiven Tiere lange

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ANDREAS VOLZ

Zeit als besonders geheimnisvolle Wesen gegolten haben. Dass Fledermäuse Säugetiere sind, lernt heute jedes Kind im Biologieunterricht. Die Forschung habe dies allerdings erst relativ spät festgestellt. Dass sich Fledermäuse auf ihren nächtlichen Beuteflügen mittels Ultraschall orientieren, wisse die Menschheit auch erst seit rund 70 Jahren. "Aber Teufelsdarstellungen erinnern häufig an Fledermäuse, und mittelalterliche Drachen tragen fast immer fledermausähnliche Flügel", bringt Heinz Schöttner die jahrhundertealte Dämonisierung der possierlichen Tiere ins Spiel. Geschichten und Filme rund um Graf Dracula haben ein übriges dazu beigetragen.

Heinz Schöttner und sein Vereinskamerad Gerhard Bauer bilden innerhalb der Dettinger NABU-Ortsgruppe die "Fledermaus AG". In ganz Baden-Württemberg haben sie etwa 200 Mitstreiter. In der Akademie für Natur- und Umweltschutz Baden-Württemberg oder an Universitäten kommen sie zu Fortbildungen zusammen. "Da trifft man seinesgleichen und wird besonders geschult", erklärt Heinz Schöttner, der es in aller Bescheidenheit weit von sich weist, ein ausgewiesener Fledermausexperte zu sein. "Wir würden uns nicht als gute Kenner bezeichnen", meint er in Übereinstimmung mit Gerhard Bauer.

Was die beiden dann aber über die verschiedenen Fledermausarten, ihre Unterscheidungsmerkmale, Lebensweisen und Verbreitungsgebiete auf heimischer Gemarkung zu erzählen haben, zeugt davon, dass sie ihrem Hobby mit großem Eifer und viel Fachwissen nachgehen. Von den rund 26 Fledermausarten, die es in Deutschland gibt, hat Gerhard Bauer bei seinen Kontrollgängen in Dettingen über die Jahre hinweg sieben bis acht Arten ausfindig gemacht. Am häufigsten ist die Zwergfledermaus anzutreffen. Sie ist nicht größer als ein Daumen und bringt es mit ausgebreiteten Flügeln auf eine Spannweite von 20 Zentimetern. Ganze Kolonien von Zwergfledermäusen suchen sich Hohlräume in Fassadenspalten. "Es genügt, wenn in die Öffnung ein Finger reinpasst", stellt Heinz Schöttner fest, "je enger es reingeht, desto sicherer fühlen sie sich."

Manchmal komme es vor, dass sich ein Jungtier, das gerade flügge geworden ist, verirrt und in ein offenes Fenster fliegt. "Die Leute kriegen dann Panik", schildert Schöttner das Problem seiner kleinen fliegenden Schützlinge. "Dabei muss man nur das Fenster offen lassen und das Licht ausmachen, dann gehen sie von allein." Die Angst, dass die Fledermäuse etwas anstoßen könnten, was dann herunterfällt und zerbricht, zerstreut der Dettinger sofort unter Hinweis auf das Navigationssystem der Fledermäuse: "Die fliegen im Zimmer herum, ohne gegen irgendwas zu stoßen."

Die wichtigste Aufgabe der Fledermaus AG besteht darin, die Bevölkerung über die nachtaktiven Flugtiere aufzuklären, Beratung und Hilfe anzubieten. Dazu gehört der Appell an Hausbesitzer und Bauherren, den Fledermäusen Platz einzuräumen. "Ihre Quartiere in den Häusern werden zunehmend verbaut", klagt Heinz Schöttner. "Bei älteren Häusern war das kein Problem, da hat jede Fledermaus ihren Platz gefunden. Heute verschwinden immer mehr Quartiere, weil die Leute beim Renovieren jedes Loch zumachen."

Viel Überzeugungsarbeit wenden die beiden Dettinger Naturschützer auf, damit Bauherren spezielle Steine einbauen, in denen Fledermäuse Unterschlupf finden können. Die Fledermaussteine, die im Fachhandel erhältlich sind, haben vorne kleine Öffnungen, die zu einem Hohlraum führen. Zur Hausseite hin sind die Steine vollkommen dicht. Gefahr für ein Gebäude geht von den kleinen Mitbewohnern nicht aus: Als Insektenfresser stehen ihnen weder Beißwerkzeuge noch Krallen in der notwendigen Form zur Verfügung, um ihre Unterschlupfhöhlen erweitern zu können.

Heinz Schöttner hat in diesem Jahr in seiner eigenen Hausfassade 49 Zwergfledermäuse beherbergt. Woher er die Zahl so genau kennt? Ganz einfach: "Sobald es einigermaßen dunkel ist, fliegen sie los. Die kommen alle nacheinander raus." Der aufmerksame Beobachter muss also nur Augen und Ohren anstrengen und genügend Geduld aufbringen, um jedes einzelne Exemplar beim Start zum nächtlichen Beuteflug korrekt zu zählen. Wer sich auskennt, kann sogar die Aufregung im Fledermauslager hautnah miterleben: "Da geht es ganz schön hektisch zu. Wenn die hinten zwitschern und drängeln, hört man das mit bloßem Ohr", zeigt Heinz Schöttner auf, dass auch den Fledermäusen die eine oder andere menschliche Verhaltensweise nicht fremd ist.

In ihrer Gefräßigkeit unterscheiden sich die Fledermäuse allerdings mehr als deutlich von den Menschen. "Die Beute einer Nacht entspricht fast dem eigenen Körpergewicht", weiß Gerhard Bauer. Im Lauf eines Sommers fressen Fledermäuse ein halbes bis ein ganzes Kilogramm Insekten, was mengenmäßig einer viertel bis einer halben Million Tiere entspreche. Heinz Schöttner sieht darin einen entscheidenden Vorteil, den die Menschen aus einer Fledermauskolonie in ihrer Nähe ziehen können: "Die Leute müssen froh sein, wenn sie Fledermäuse haben. Ums Haus rum haben sie dadurch einen kostenlosen Insektenvertilger." Was den Dreck betrifft, den die Tiere hinterlassen, macht der Dettinger Fledermausfreund auch dabei noch aus der Not eine Tugend: "Das ist schnell zusammengekehrt. Wer den Kot, der aus Insektenresten besteht, ins Gießwasser gibt, bekommt einen hervorragenden Pflanzendünger." Ob Zwergfledermaus, die ihre Quartiere häufig wechselt und meist nach wenigen Wochen wieder verschwindet, oder Zugtiere wie der Große und der Kleine Abendsegler, den beiden Naturschützern sind alle Arten recht auch wenn Gerhard Bauer einen ausgemachten Liebling hat: das Braune Langohr, wegen der namengebenden überproportional langen Ohren.

Die NABU-Ortsgruppe finanziert Fledermauskästen, die von Fachfirmen aus Holzbeton hergestellt werden. 111 dieser Kästen hat Gerhard Bauer auf Dettinger Markung aufgehängt. Bei der alljährlichen Kontrolle notiert er genau, ob die Kästen bewohnt sind und gegebenenfalls von wem. Oft erlaubt lediglich der Kot Rückschlüsse über ausgeflogene Fledermäuse. In etlichen Fällen nisten sich auch Vögel, Siebenschläfer oder Hornissen ein. Gerhard Bauer hat damit kein Problem: "Die Hauptsache ist, dass ein Kasten besetzt ist, egal von wem." Umgekehrt hat er auch schon genügend Fledermäuse in Vogelnistkästen entdeckt.

Heinz Schöttner und Gerhard Bauer machen sich dafür stark, dass den Fledermäusen Quartiere im Dachgebälk geöffnet werden, möglichst auch in Kirchen, wo die Kolonien ungestört im immer gleichen Dämmerzustand den Tag verschlafen können. Als Winterquartier dienen den ziehenden heimischen Fledermäusen hauptsächlich die Höhlen der Schwäbischen Alb. Nur weil die Tiere dann ihre Körperfunktionen einschließlich der Temperatur auf ein absolutes Minimum herunterfahren, können sie so lange ohne Nahrung auskommen. Jede Störung würde für Unruhe sorgen. Die Tiere müssen ihren Kreislauf dann wieder hochfahren. Das kostet so viel Energie, dass sie mehrere Störungen in einem einzigen Winter nicht überleben würden. Das ist ein wichtiger Grund, warum die Höhlen zwischen 1. November und 30. April für menschliches Publikum geschlossen sind. Aber darunter sollte das Image der Fledermäuse nicht auch noch zusätzlich leiden.

INFOWer Fledermäuse bei ihrer nächtlichen Jagd erleben will, kann sich unter den Telefonnummern 0 70 21/5 60 70 oder 0 70 21/86 50 05 an Heinz Schöttner beziehungsweise an Gerhard Bauer wenden. Im Frühjahr oder im Spätsommer bieten sie Führungen an. Auch bei sonstigen Fragen rund um das Thema "Fledermäuse" stehen die beiden Dettinger NABU-Mitglieder gerne zur Verfügung.