Lokales

„Flickschusterei“ bei Bildungspolitik beklagt

Anhörung der SPD-Kreistagsfraktion zur Zukunftsfähigkeit der Schulen

Im Mittelpunkt der Anhörung, zu der die SPD-Kreistagsfraktion ins Quadrium nach Wernau eingeladen hatte, stand die Zukunftsfähigkeit der Schulen im Landkreis. Fast drei Stunden lang beschäftigte sich die zehnköpfige Runde auf dem Podium mit Fragen der Bildungspolitik.

Anzeige

Andreas Kaier

Wernau. Die Diskussion spiegelte hauptsächlich jene Themen wider, die seit vielen Monaten die Landespolitik beschäftigen. Beleuchtet wurden beispielsweise die Rolle der Hauptschulen, die Folgen des drei­gliedrigen Schulsystems, die Strukturierung der Ganztagsschulen und die Frage nach einer besseren Förderung der Kinder. Am Ende der Diskussion stand der Wunsch von Sonja Spohn, Fraktionschefin der SPD-Kreistagsfraktion, nach einer „Bildungsreform, die den Namen auch verdient“. Spohn, die den Abend gemeinsam mit ihrem Fraktionskollegen Wolf Seitz moderierte, bemängelte ein fehlendes bildungspolitisches Gesamtkonzept und bezeichnete die Reformansätze der Landesregierung als „Flickschusterei“.

Günther Klein, Leitender Schulamtsdirektor des Landkreises, verteidigte die Bildungspolitik des Landes. „Die Reformen weisen in die richtige Richtung“, sagte er. An den meisten Schulen werde eine „kompetente und gute Arbeit“ geleistet. Klein räumte allerdings auch ein, „dass es Bereiche gibt, wo wir nicht zufrieden sein können“. Als Beispiel nannte er den Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg.

Zu einer anderen Einschätzung kam die SPD-Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer. „Wenn PISA und andere Studien den Schulen Mittelmäßigkeit bescheinigen, dann ist unser Schulsystem nicht zukunftsfähig“, sagte sie. Es gebe zu wenig Möglichkeiten, Kinder gezielt zu fördern. Bregenzer kritisierte die „viel zu frühe Selektion“, zu große Klassen und den erheblichen Unterrichtsausfall an den Schulen. Die SPD kämpfe für die Ganztagsschule und die sechsjährige Grundschule.

Kreishandwerksmeister Manfred Scharpf unterstrich die Forderung des baden-württembergischen Handwerkstags, das dreigliedrige Schulsystem zu reformieren. Er verwies darauf, dass 20 Prozent der Hauptschüler nicht ausbildungsfähig seien. Waldemar Futter, Rektor der Friedrich-Ebert-Schule, bemängelte, dass die Berufsschulen in der gesamten Bildungsdiskussion kein Thema seien. Keine internationale Vergleichsstudie berücksichtige die berufliche Bildung. Zudem sei die Bezahlung der Berufsschullehrer skandalös.

Richard Kramartschik äußerte den Wunsch nach einer „wirklichen Gesamtschule“. Allerdings geht der frühere Esslinger Schulleiter davon aus, dass dieser Wunsch aufgrund der gesellschaftlichen Realität nicht umsetzbar ist. „Die Eltern von Gymnasiasten wollen keine Gesamtschule“, betonte er. Um den Blick der Lehrer auf die gesellschaftliche Realität zu schärfen, regte Kramartschik ein mehrmonatiges Betriebspraktikum für Lehrer an.

Der Vorsitzende des Gesamtelternbeirats, Peter Dannenhauer, bezeichnete die Schulen als „funktions- aber nur bedingt als zukunftsfähig“. Eine zukunftsfähige Schule habe mit individueller Förderung zu tun, betonte Dannenhauer und forderte unter anderem die sechsjährige Grundschule. Norbert Baur von der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) bemängelte viel zu große Klassen und die Trennung der Schüler nach der vierten Klasse. Baur verwies auf den internationalen Standard, wonach Kinder in anderen Ländern sechs bis neun Jahre gemeinsam unterrichtet würden. Für die Abiturientin Eva Werner, die als Schülervertreterin auf dem Podium saß, ist die frühe Selektion ein wichtiger Grund dafür, dass nur 9,5 Prozent der Kinder mit Migrationshintergrund ein Gymnasium besuchen.