Lokales

Flüchtlingselend in der Traumlandschaft

Kristina Oberle aus Brucken leistet einen einjährigen Freiwilligendienst in der Gedenkstätte Rivesaltes

Lenningen. Nach dem Abitur geht es erst einmal in die große, weite Welt. Das ist das Programm vieler junger Menschen. Auch Kristina Oberle aus

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Andreas Volz

Brucken hat sich im September aufgemacht, um im Ausland neue Erfahrungen zu sammeln. Im Unterschied zu manchen anderen ist sie aber ein ganzes Jahr lang fort – und das keinesfalls auf Urlaubsreise: Über die Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) ist sie nach Perpignan gegangen und leistet dort einen einjährigen Freiwilligendienst. Perpignan ist die Hauptstadt des französischen Départements Pyrénées-Orientales, und die Pyrenäen sind gewissermaßen auch der Grund, warum Kristina Oberle in Perpignan einer sinnvollen Arbeit im Sinne der ASF nachgehen kann.

Die Pyrenäen bilden die Grenze zwischen Frankreich und Spanien, und im Februar 1939 flüchteten viele Spanier über diese Gebirgsgrenze nach Frankreich. Der Spanische Bürgerkrieg neigte sich dem Ende zu, Barcelona als eine der letzten Bastionen der Republikaner war bereits an die Nationalisten um Franco gefallen. Die Republikaner sahen ihr letztes Heil folglich in der Flucht. Diese Flucht bezeichneten sie als „retirada“. Das bedeutet soviel wie „Rückzug“, obwohl es de facto eher ein „Auszug“ war. „Die retirada ist derzeit das alles beherrschende Thema im Département. Das ist jetzt genau 70 Jahre her“, sagt Kristina Oberle, die gerade einen einwöchigen „Heimaturlaub“ hinter sich gebracht hat.

Innerhalb von drei Monaten seien rund eine halbe Million Menschen aus Katalonien über die Pyrenäen gekommen – „mit nix“. Das heißt, manche hatten Erbstücke dabei, Standuhren zum Beispiel. Das sieht Kristina Oberle immer wieder auf zeitgenössischen Fotos. Andere Bilder zeigen Menschenmassen an der Grenze. Frankreich habe den Ansturm damals zunächst unterschätzt und dann die Grenze für eine längere Zeit einfach dicht gemacht. Als die Flüchtlinge schließlich doch ins Land gelassen wurden, bekamen sie ein provisorisches Lager am Strand zugewiesen. Eine Standuhr war dort in den Zelten sicher kein allzu nützliches Utensil.

Was sich aus heutiger Sicht wie Traumurlaub anhören mag – direkt am Strand an der südfranzösischen Mittelmeerküste mit Blick auf den schneebedeckten Canigou, den „heiligen Berg“ der Katalanen –, war damals alles andere als idyllisch. Für Unbehagen sorgt dort nämlich regelmäßig die „Tramontane“, ein heftiger bis eisiger Wind. Hinzu kamen Nahrungsmangel, Beschäftigungslosigkeit und die fehlende Perspektive.

Nach ungefähr einem Jahr Lagerprovisorium am Strand wurde schließlich das vorhandene Camp in Rivesaltes ausgebaut. Kurz zuvor, im Jahr 1938, war es als Militärlager für französische Truppen errichtet worden, die in Nordafrika zum Einsatz kamen. Nun diente das Lager aber größtenteils zur Unterbringung der spanischen Bürgerkriegsflüchtlinge sowie anderer „étrangers indésirables“ – unerwünschter ausländischer Personen also, für die notdürftige Behausungen bereitgestellt wurden.

Ab 1940 kamen viele dieser „étrangers indésirables“ aus Baden und aus dem Saarland. Sie waren nach Gurs an der Atlantikseite der Pyrenäen deportiert worden. Viele kamen von dort aus nach Rivesaltes. Einer davon war Paul Niedermann. Mit 13 Jahren kam er mit seiner Familie in das Lager. Gemeinsam mit seinem Bruder hielt er sich anschließend an vielen verschiedenen Orten versteckt, mit Unterstützung einer jüdischen Untergrundorganisation, die sich die Hilfe für Kinder zur Aufgabe gemacht hatte. Sein Bruder kam dank dieser Hilfe in die USA, Paul Niedermann selbst gelangte in die Schweiz. Die Eltern dagegen wurden von Südfrankreich aus nach Auschwitz deportiert und kamen dort ums Leben.

Heute engagiert sich Paul Niedermann als Zeitzeuge, um an das Schicksal seiner Generation zu erinnern, bevor alles vergessen ist. Er selbst hat sich der Erinnerung erst gestellt, als er vor über 20 Jahren im Prozess gegen Klaus Barbie, den „Schlächter von Lyon“ aussagen musste. „Dabei hat er alles noch einmal durchlebt“, erzählt Kristina Ober­le. Wie wichtig es für Paul Niedermann war, das Schweigen zu brechen, belegt die Tatsache, dass er keine Albträume mehr hat, seit er über die Vergangenheit spricht und viele junge Menschen daran teilhaben lässt.

Die Gedenkstätte des Lagers von Rivesaltes arbeitet eng mit Paul Niedermann zusammen. Getragen wird diese Gedenkstätte vom Conseil Général in Perpignan, von der Département-Verwaltung also. Im Rahmen ihres Freiwilligendiensts ist Kristina Oberle zuständig für Führungen im Lager, für die Presseschau und in gewisser Weise auch für die internationale Öffentlichkeitsarbeit. Als kürzlich ein BBC-Radioteam die Gedenkstätte besuchte, um für eine Radioreportage zu recherchieren, kam es der französischen Behörde sehr gelegen, den Engländern eine kompetente Person zur Verfügung stellen zu können, die nicht nur weiß, worum es geht, sondern darüber hinaus auch noch Englisch spricht.

Ihre Führungen durch das Lager macht Kristina Oberle auf Französisch. Meistens sind es Schulklassen, die sie über das Gelände führt, manchmal auch Einzelpersonen. Hin und wieder kommen sogar spanische Klassen über die Grenze. Um diese Schüler später einmal sprachlich kompetent betreuen zu können, besucht Kristina Oberle nebenbei auch Spanischkurse in Perpignan.

Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Geschichte des Lagers übrigens noch lange nicht zu Ende: Danach diente es als Lager für deutsche Kriegsgefangene und französische Kollaborateure. In dieser Zeit war die Sterblichkeit am höchsten, berichtet Kristina Oberle. Ab 1948 war Rivesaltes wieder ein französisches Militärcamp, bis es durch den Algerienkrieg abermals eine neue Nutzung bekam: als Unterkunft für „Harkis“, für Algerier also, die mit den Franzosen zusammengearbeitet hatten. Bis 1970 blieben die letzten Harkis in Rivesaltes. Danach waren in dem Lager Personen untergebracht, die auf ihre Abschiebung warteten. Erst im Dezember 2007 wurde für diese Menschen ein neues Lager in der Nähe errichtet.

Ein Teil des Camps wird heute immer noch von französischem Militär genutzt. Weitere Teile der riesigen Anlage sind dem Verfall preisgegeben. Einen kleinen Teil des gesamten Camps, „îlot F“ – das „Inselchen“ mit dem Buchstaben F – hat die Département-Verwaltung gekauft, um dort eine Gedenkstätte einzurichten. Die Pläne sind vielversprechend: Ein Dokumentationszentrum soll halb in die Erde eingegraben werden. Die Baracken selbst sollen zwar nicht restauriert, aber doch erhalten werden. Für das gesamte Projekt sind 20 Millionen Euro veranschlagt. Welchen Anteil daran das Département tragen soll, welchen der französische Staat, darüber streiten sich die Geister. Die Tramontane wird also noch viel Wind in die Pyrénées-Orientales blasen, bevor die ganz große Lösung verwirklicht wird. Das Gedenken selbst ist aber unabhängig davon möglich, und um dieses Gedenken hochzuhalten, dafür sind Zeitzeugen wie Paul Niedermann nötig, aber auch junge Freiwillige wie Kristina Oberle.