Lokales

Fortuna, Occasio und Felix auf der Suche nach dem Glück

"Wer wünscht sich und anderen nicht Glück?" Mit diesen Worten leitete Doris Bopp, Vorsitzende des Kreislandfrauenverbandes Nürtingen, den Nachmittag in der Festhalle Auf dem Berg in Frickenhausen ein. Sie leitete damit auf das Schwerpunktthema hin und stimmte die zahlreich erschienenen Landfrauen auf einen interessanten Vortrag ein, der in der vorweihnachtlichen Zeit ein wenig zum Innehalten einlud.

SYLVIA GIERLICHS

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FRICKENHAUSEN Zunächst jedoch erinnerte Doris Bopp die Teilnehmerinnen an das bereits begonnene Bildungsprogramm des Verbandes, das im Winterhalbjahr 2005/2006 unter dem Motto "Sozialer Mut tut allen gut" steht. "Für uns Frauen bedeutet dies: Wir mischen uns ein, wir gestalten mit", meinte Bopp. Sie rief die Landfrauen dazu auf, sich weiterhin in den Vereinen und Gemeinden zu engagieren, auch wenn es manchmal sehr viel Mühe koste.

Ein Projekt lag Doris Bopp besonders am Herzen. Anschaulich berichtete sie von einer Bildungsreise, die der Landesverband im September nach Kenia unternommen hatte. Dort erlebte sie hautnah, welche Bedeutung die Entwicklungsarbeit für die Einheimischen hat. Sie rief die Mitglieder des Kreisverbandes Nürtingen dazu auf, die Adventsaktion für Afrika "Landfrauen unterstützen Landfrauen" mitzutragen. "Gemeinsam mit den Frauen in Kenia wollen wir ganz im Sinne unseres Leitthemas ,Zukunft gestalten Demokratie entfalten' ein Zeichen setzen", erklärte Bopp. "Frauen haben Power. Ein Beweis dafür sind die Landfrauen aus dem Kreis Nürtingen", begrüßte Bürgermeister Bernd Kuhn die Anwesenden. Kurz stellte er die Gemeinde Frickenhausen vor und machte Appetit auf eine Erkundung der "Tälesmetropole".

Der Landfrauenverein Notzingen-Wellingen stimmte dann auf den Vortrag von Dr. Clemens Dirscherl ein, der die verschiedenen Aspekte des Glückes beleuchtete. "Ich will Ihnen nicht das Gedöns davon erzählen, wie toll es bei den Landfrauen ist das weiß eh jeder", stieg der Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks in Württemberg denn auch gleich in das Thema ein. Er erinnerte mit einem Zitat von Hermann Hesse daran, dass man Glück nicht einsperren könne und dafür verantwortlich sei, sorgsam damit umzugehen. Das Sehnen nach Glück gehöre zur religiösen Kultur der Menschen, meinte Dirscherl und machte seine Zuhörerinnen mit fünf Glücksvorstellungen bekannt, die aus der griechisch-römischen Philosophie stammen, sich aber wunderbar auf die heutige Zeit übertragen lassen. Die Schicksalsgöttin Fortuna sei, so Dirscherl, seit Jahrtausenden Objekt der Anbetung. Mit zunehmender Technologisierung wolle der Mensch sich jedoch aus der Schicksalsgläubigkeit befreien und selbst seines Glückes Schmied sein.

Der neue Trend zur Individualisierung zeige dies, vor allem auch in den USA, deutlich. Dort sei das Recht auf Glück sogar in der Verfassung verankert und hat das Leitbild "vom Tellerwäscher zum Millionär" geprägt. Die Gestalt der Prosperitas, die Wohlstand, Reichtum und Wachstum verkörpere, lasse hingegen die Frage aufkommen, ob die Menschen ihr Glück auch zu schätzen wissen. "Sind wir glücklicher mit all den materiellen Besitztümern?", fragte Dirscherl und wies auf Untersuchungen von Psychologen hin, die einen Anstieg von neurotischen, depressiven Defekten bei Kindern zeigten.

Von stillen Glücksmomenten und der Suche nach dem Liebesglück Beatitudo, die Glückliche, stehe vor allem für das in sich ruhende Glück. Immer schon suchten Menschen dieses Glück in der Kontemplation. Heute gingen Manager auf der Suche nach Glück häufig in Klöster, wendeten sich der Spiritualität zu. Das Innehalten bei einer Tasse Tee, gerade in der nun beginnenden Adventszeit, aber auch die Schönheit der Natur verschaffe dem Menschen stille Glücksmomente, bei denen er die Seele baumeln lassen könne.

Felicitas und Felix repräsentieren in Clemens Dirscherls Ausführungen die Suche nach dem Liebesglück, das immer mehr Menschen beschäftige. "Vielleicht", meinte Dirscherl, "haben wir ein wenig die Bodenhaftung verloren und unsere Ansprüche, gelenkt durch Kitschromane, sind zu hoch." Die Scheidungsrate zeige jedoch, dass Menschen immer häufiger dazu tendierten, bei ersten Problemen die Flucht zu ergreifen. Man suche nicht mehr die Verantwortung füreinander. Erschreckend sei, so Dirscherl, dass die Zweisamkeit von Mensch zu Mensch immer häufiger durch Zweisamkeit von Mensch zu Tier oder vom Mensch zu sich selbst ersetzt werde. Der Mensch empfinde sich selbst als Nabel der Welt. Die dadurch entstehende Einsamkeit könne letztlich zu psychischen Defiziten führen.

Als letzte Glücksgestalt nannte Dirscherl die Occasio, die das Glück des Mitnehmens verkörpere. Sprichwörter wie "Mehr Glück als Verstand" oder "Das Glück fällt einem in den Schoß" passten in dieses Bild, doch, fragte Dirscherl, geschehe dieses Mitnehmen denn auch ohne Nachdenken, ohne Skrupel? Manager beispielsweise, die noch schnell eine Abfindung mitnähmen, erweckten häufig diesen Eindruck. Oft wisse der Mensch jedoch, dass er etwas Unrechtes tue und müsse sich daher entlastende Momente verschaffen. So werde denn das "erbeutete" Geld gespendet, um das Gewissen zu beruhigen.

Clemens Dirscherl gab zu, dass man sich das eine oder andere Glück der fünf Glücksvorstellungen ersehne. Er gab jedoch zu bedenken, dass es nicht das Lebensziel sein könne, "besoffen vor Glück durchs Leben zu laufen". Viel eher solle man die kleinen Glücksmomente als Ausgleich für schwere Zeiten genießen. Mit diesen Worten beendete Dirscherl sein lebhaft vorgetragenes Referat und überließ das Rednerpult Margret Mauthe, die ein selbst verfasstes Gedicht vortrug und dafür herzlichen Applaus erntete.

Die Schlussworte sprach schließlich die Ortsvorsitzende des Landfrauenvereins Frickenhausen-Linsenhofen, Irene Hauff. Das Leitthema "Auf der Suche nach Glück", meinte Hauff, solle zum Nachdenken bewegen, da Glück so viele Facetten habe, dass Kleinigkeiten oft nicht mehr wahrgenommen würden. Dank sprach sie der Gemeinde aus, die den Landfrauen die Festhalle kostenlos überlassen habe, was angesichts der allerorten leeren Kassen nicht als selbstverständlich angesehen werden könne. Als schönen Abschluss des gelungenen Nachmittags sangen alle gemeinsam das Landfrauenlied und machten sich, nach ihrer Reise durch die Philosophie des Glücks, auf den Heimweg.