Lokales

Frei von Konventionen

KIRCHHEIM Mit einer rasanten musikalisch-kabarettistischen Performance startete Brigitta Altermann vom Theater Wilde Mischung aus Berlin am Freitagabend durch. Mit ihrem Solo-Programm "die Lust der Klara Fall" vitalisiert die grandiose

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BRIGITTE GERSTENBERGER

Entertainerin und virtuose Multimusikerin seit vielen Jahren die Zuschauer. Im wilden Süden, rund um die Landeshauptstadt, ist Altermann längst keine Unbekannte mehr. Somit war es also nur eine Frage der Zeit, ihr freches Plädoyer für Leidenschaft und für alle, die älter werden und noch nicht an Frühvergreisung leiden, auch in Kirchheim zu vernehmen. Passende Gelegenheit boten nun die Frauenkulturtage, bei denen der vhs-Kulturring im Spitalkeller dieses furiose Solo für Frau, Klavier und immer wieder ein paar Takte Chopin präsentierte.

Eine berauschende Frau, nicht nur am Flügel, "im besten Alter gerade mal 70 Jahre und eine blendende Figur, life is life", das ist Klara Fall, die im Begriff ist auszuwandern zum langjährigen Freund Hernandez, "nach Kuba oder Mexiko, ist ja auch egal". Zuweilen schon etwas tüdelig und vergesslich, packt Altermann ein und beherzt aus. Zum Beispiel über die Sexualität, denn "Alter ist auch diesbezüglich nichts anderes als Trainingsvorsprung, vor allem wenn man weiß zu trainieren". Und während sie den Koffer packt, "leicht muss er sein, denn Leben ist laufen und leichter laufen ist leichter leben", lässt sie ihr aufregendes Pianistinnen-Leben Revue passieren. Dabei versprüht die anregende Dame lustvoll Tipps, die wir alle gerne hören, und das mit einer Souveränität, die wir gerne hätten. Ein selbstbestimmtes Leben frei von Konventionen, bei dem zuweilen Brechts "unwürdige Greisin" durchzuschimmern schien.

Und so wandelt Altermann alias Klara Fall, die Genüsse des Lebens auskostend, rauchend, Schokolade kauend und kubanische Cocktails schlürfend, selbstbewusst über die Bühne. "Es ist doch völlig egal, wo ich sterbe, ja auch wie und wann. Wichtig, wirklich wichtig ist doch allein, dass ich bis zum Tod tatsächlich lebe". Pointenreich denkt die Klavierspielerin über das karge Elternhaus nach, eine altphilologische, puritanische Wüste, umgeben von wilhelminischen Vogelscheuchen geifernde und Kaffee trinkende Freundinnen der Mutter. Sie findet sich im Berlin der 30er-Jahre wieder, lernt Liebe und Leidenschaft, Niederlagen und den Faschismus kennen. Nach dem Krieg findet sie zwischen Schutt und Asche den von voluminösen Meerjungfrauen umrahmten Konzertflügel Görings. Mit selbigem begibt sie sich als Bordpianistin auf große Fahrt Richtung Karibik.

Ein wortgewaltiges Programm, bei dem die Pianistin und Weltreisende federleicht und kunstfertig zwischen eigenen Kompositionen und Werken von Beethoven und dem sowjetischen Komponisten Chatschaturian hin und her switchte. Eine Vorstellung, bei der der geneigte Zuhörer zuweilen mit scharfzüngigen Rollentexten lawinenartig überschüttet wurde weniger ist manchmal mehr und so kam die Pause für die Entertainerin wie für die Zuhörerschaft zum passenden Zeitpunkt. Danach nahm das zahlreich erschienene Publikum wieder lustvoll die gereichten Bonmots auf. Das amüsante Wortspielvergnügen stammt aus der Feder von Lilly Walden, der Theaterpartnerin von Brigitta Altermann. "Das ungesündeste ist die Langeweile:

Sie macht krank, verkalkt, dumm und nicht einmal richtig glücklich. Fressen Sie, saufen Sie, hungern Sie, schmachten Sie, unternehmen Sie was vor allem lachen Sie laut und immer im falschen Moment".

Ein klarer Fall also für Brigitta Altermann, die als wilde Pianistin und mutige Muntermacherin die Jungen alt aussehen ließ. Da wurde dem begeisterten Publikum frei Haus eine satirische Verjüngungskur geliefert ein unterhaltsamer Abend, bei dem das Auditorium immer zum richtigen Zeitpunkt herzhaft lachte.