Lokales

„Freiheit muss man erlernen“

Berndt Seite und Renate Holznagel berichten am Schlossgymnasium bei einer Veranstaltung des Elternbeirats über den Umbruch im Osten

„Geschichte live“ – so lautete das Motto einer Veranstaltung am Kirchheimer Schlossgymnasium. Themen waren der Mauerfall, die deutsche Einheit und das Leben in der DDR. „Live“ erlebt haben dies Dr. Berndt Seite, von 1992 bis 1998 Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, und Renate Holznagel, seit 1998 Erste Vizepräsidentin des Schweriner Landtags. Die beiden CDU-Politiker leisteten in Kirchheim Aufklärungsarbeit in Sachen „Unrechtsstaat DDR“.

Andreas Volz

Kirchheim. Als eine „ganz besondere Zeit“ beschreibt Renate Holznagel die Jahre kurz vor und kurz nach der „Wende“ in der DDR, also die Welt vor 20 Jahren. Nicht nur das eigene Leben, sondern einfach alles habe sich damals schlagartig geändert: „Das war eine prägende Zeit.“ Jeder Zweite habe inzwischen einen neuen Beruf, aber nicht alle hätten es geschafft, damit fertig zu werden. Für Renate Holznagel ist es deshalb ausgesprochen wichtig, „diese Zeit festzuhalten und sie nicht zu vergessen“. Wenn sie die Forderungen aufzählt, die Bürger ihrer Heimatstadt Loitz damals schriftlich aufstellten, geht es auch um die Forderung nach Rechtsstaatlichkeit, nach überparteilicher Justiz und nach der Abschaffung des politischen Strafrechts. Daraufhin findet sie auch 20 Jahre später noch deutliche Worte: „Ich kann es nicht ertragen, wenn man heute diskutiert: War die DDR nun ein Unrechtsstaat oder nicht?“

Sie selbst hätte 1970 ihr Veterinärmedizinstudium beinahe beenden müssen, weil sie eine Resolution der FDJ nicht unterschrieben hatte. Statt zu unterschreiben, hatte sie darauf hingewiesen, „dass wir das Völkerrecht gar nicht kennen“, auf das sich die Resolution bezog. „Das war schon zu viel. Solche Studenten brauchte man nicht“, erinnert sich Renate Holznagel an die drohende Zwangs-Exmatrikulation. Eingesetzt für sie hat sich seinerzeit die Block-CDU, „sonst hätte ich als Rinderzüchterin oder als Melkerin arbeiten können“.

Die politischen Forderungen aus der „Wendezeit“ bezogen sich auch auf einen freien Zugang zu Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen sowie auf eine „ideologiefreie Schule, die es möglich macht, dass die Kinder nicht in zwei Sprachen sprechen müssen – die eine daheim und die andere in der Schule“. Wie sehr der DDR-Staat bis ins Privatleben hinein wirkte, zeigt sich daran, dass die Loitzer 1989 auch Reisefreiheit für alle forderten – „mit eigenem Geld, das etwas wert sein muss“ – oder etwa „freien Zugang zu allen Konsumgütern“.

Die fehlenden Konsumgüter waren nicht der einzige Beleg für die Mangelwirtschaft in der DDR: Unter anderem verlangten die Bürger in Renate Holznagels Heimatstadt auch den Bau einer Kläranlage. „Die DDR war wirtschaftlich am Ende“, konstatierte die heutige Politikerin in Kirchheim. Als Beispiel nannte sie die 24 Dienstwagen, die in ihrem Einzugsbereich für Tierärzte zur Verfügung standen: „Sie hatten ein Durchschnittsalter von 24 Jahren.“ Ersatzteile habe es keine gegeben.

Das ist die eine Seite, die zum Ende des SED-Regimes führte, der Zusammenbruch. Dr. Berndt Seite, der bis zur „Wende“ ebenfalls als Tierarzt in Mecklenburg-Vorpommern tätig war, nennt aber auch den Begriff „Revolution“ und stellt fest: „Was in der DDR passiert ist, hat ganz klare Kriterien einer Revolution.“ Von der „Wende“ hält er nicht viel. Diesen Begriff habe Egon Krenz geprägt. Außerdem fragt er sich: „Was ist eine Wende?“ Seine bildhafte Antwort nimmt philosophische Ausmaße an: „Meine Mutter hat früher Soldatenmäntel gewendet, weil es nichts anderes zum Anziehen gab. Aber das waren danach immer noch Soldatenmäntel.“

Die demokratischen Parteien sieht Berndt Seite als die Sieger der Wahlen nach dem Zusammenbruch der SED. Und auf eines legt der frühere Ministerpräsident besonderen Wert: „Wir, die Ostdeutschen, sind dem Grundgesetz beigetreten. Es ist nicht so, dass uns das übergestülpt wurde.“ Die Mär vom Überstülpen sei den Ostdeutschen nur eingeredet worden. Und die nachträgliche Verherrlichung der DDR ist für Berndt Seite ebenfalls unerträglich. Aber er hat eine Erklärung dafür, wie es dazu kommen kann. Großväter, die sich einst aktiv am System beteiligt haben, könnten ihren Enkeln heute ja nichts anderes erzählen als ein beschwichtigendes: „Das war eigentlich alles gar nicht so schlimm.“

Was Berndt Seite jetzt immer wieder hören muss, das sind Geschichten von Menschen, die sich mit dem System arrangiert hatten und die auf ihre Weise bequem darin leben konnten. In seiner Biografie, die unter dem Titel „Schneeengel frieren nicht“ erschienen ist, beschreibt Berndt Seite dieses Arrangieren auch als eigene Option für sich. In der Passage, in der er davon berichtet, wie er sich 1974 unter Zuraten seiner Frau dazu entschlossen hat, für die Landessynode zu kandidieren, heißt es als Gegenargument (in der 3. Person): „Warum sollte er sein ruhiges Leben aufgeben? Es schwamm sich gut im Schwarm der kleinen Fische, die überlebten, wenn sie sich nicht zu nahe an die Großen heranwagten.“

Dies sei die Mentalität, die eine Diktatur eben hervorbringe: „Wir haben in Ostdeutschland ein großes, mentales Freiheitsdefizit. Freiheit muss man erlernen. Viele Leute wissen nicht, dass sie für ihr eigenes Leben zuständig sind.“ Fördern und fordern, das sei der einzig richtige Ansatz: „Wer gefördert und alimentiert werden will, der muss auch bereit sein, selbst etwas zu tun.“

Aber seine Mitbürger hätten nur wenig eigenes Engagement gezeigt, als es um die Rettung ihrer Betriebe ging: „Die Arbeiter sind nach Hause gegangen und haben immer nur auf den Investor gewartet.“ Dabei sei so mancher Investor aus dem Westen nur ein zweit- oder drittklassiger gewesen, der im Westen gar keine Chance mehr gehabt, dafür aber im Osten Subventionen einkassiert habe. – Aber auch im öffentlichen Dienst fehlte es an Menschen, die Verantwortung übernehmen wollten: Als Berndt Seite 1990 Landrat im Kreis Röbel geworden war, suchte er händeringend neue Schulleiter, weil die alten politisch belastet waren: „Ich habe nur Absagen bekommen, vor allem von meinen Freunden aus dem neuen Forum. Die wollten alle nur den Stellvertreter machen.“

In der Politik gab es dasselbe Problem, wie Renate Holznagel berichtet: „Ich habe Leute angesprochen, dass sie sich engagieren sollen, wenn sie etwas verändern wollen. Aber viele haben sich nicht getraut.“ Die Aufbau­arbeit war allerdings auch alles andere als einfach: „Als wir aus dem Rat des Kreises plötzlich ein Landratsamt bilden sollten, haben wir viel Unterstützung und Beratung aus Schleswig-Holstein bekommen. Wir wussten ja so vieles nicht, waren aber auf einmal in der Verantwortung.“ Berndt Seite ging es ebenso: Innerhalb von zwei Jahren wurde er vom Tierarzt zum Landrat, zum Generalsekretär der Landes-CDU und schließlich zum Ministerpräsidenten. Ob er das alles heute wieder machen würde, weiß er nicht: „Ich kenne viele, die nach vier Jahren nicht mehr wiedergewählt wurden, aber schon alle Brücken abgebrochen hatten.“

Was im Rückblick besonders spannend ist, das ist die Frage, warum die Revolution und der Umbruch in der DDR friedlich und ohne Blutvergießen gelungen sind. Für Renate Holznagel ist es ein „göttliches Wunder“. Dass es auch anders hätte ablaufen können, schildert Berndt Seite in seinem Buch, wenn er über eine Demon­stration in seinem Heimatort schreibt: „Die Nachricht verbreitete sich in der Stadt wie ein Lauffeuer: In den gelben Gliederbussen, die am Vorabend am Marktplatz vorbeigefahren waren, hatten schwer bewaffnete Polizisten gelegen, bereit zum Angriff.“

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