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Fremdsprache findet ihren Niederschlag in der "thorn savanna"

LENNINGEN "The yellow area is the Wüschte Sahara", sagt ein Siebtklässler in der Realschule Lenningen, als er erklären soll, warum auf der Afrikakarte eine bestimmte Fläche im

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ANDREAS VOLZ

Norden gelb markiert ist. Obwohl ihm seine Lehrerin Silke Philipp erklärt, dass er das Wort "desert" eigentlich schon kennen müsste, kreidet sie ihm die vergessene Vokabel nicht übermäßig an. Im Gegenteil, er hat getan, was von ihm verlangt wird: eine richtige Antwort gegeben und dabei möglichst viel Englisch gesprochen. Schließlich sitzt er gerade nicht im Englisch-, sondern im Erdkundeunterricht.

Dass Afrika und die Region zwischen der Sahara und dem tropischen Regenwald gestern Thema einer Erdkundestunde waren, ist an und für sich nichts Besonderes. Ungewöhnlich ist es dagegen, wenn diese Region in einem Klassenzimmer in Oberlenningen nicht "die Savanne" heißt, sondern "the savanna". Warum das so ist, lässt sich mit dem Zauberwort "bilingualer Unterricht" begründen. Die Lenninger Schule gehört nämlich zu den fünf Realschulen im Landkreis Esslingen, die "Sachfachunterricht" in einer Fremdsprache anbieten in diesem Fall eben Erdkunde auf Englisch.

Nun lässt sich einwenden, dass der Unterschied zwischen "Savanne" und "savanna" nicht sonderlich groß ist und dass auch die Begriffe "wet savanna" sowie "dry savanna" ohne größere Probleme als "Feuchtsavanne" beziehungsweise "Trockensavanne" einzudeutschen sind. Schwieriger wird es aber schon bei der "thorn savanna", die im deutschen Sprachgebrauch "Dornenstrauchsavanne" heißt. Und selbst wer überdurchschnittliche Englischkenntnisse vorzuweisen hat, könnte bei der Übersetzung von "Niederschlag" oder "Hirse" ziemlich ins Straucheln kommen, denn weder "precipitation" noch "millet" gehören gemeinhin zum Grundwortschatz.

"Der Mehrsprachigkeit kommt in Europa immer größere Bedeutung zu", begründet Schulleiter Klaus Erlenmaier die Tatsache, dass der bilinguale Unterricht an der Karl-Erhard-Scheufelen-Realschule schon seit fünf Jahren fester Bestandteil des Schulprofils ist. Den Vorteil des bilingualen Erdkundeunterrichts sieht er darin, dass die Fremdsprache Kommunikationsmittel ist, also ein Mittel zum Zweck und nicht wie im reinen Fremdsprachenunterricht Selbstzweck. In diesem Urteil bestärkt ihn die zuständige Schulrätin Heidi Braun-Denzinger: "Im Englischunterricht gibt es viel an Wortschatz und Grammatik zu vermitteln, sodass oft zu wenig Zeit bleibt, um das Gelernte auch im Gespräch einzuprägen. Beim bilingualen Unterricht hat man zusätzliche Zeit mit Realsituation."

Besonders im Fach Erdkunde mit seinen überwiegend globalen Themen biete sich Englisch als Unterrichtssprache an. Dennoch gilt der Grundsatz, dass die Schüler trotz bilingualen Erdkundeunterrichts in der Lage sein müssen, sich auch in ihrer Muttersprache angemessen über das Thema zu unterhalten: "Der Fachanspruch bleibt in gleicher Weise aufrechterhalten", betont Rektor Erlenmaier und tritt damit möglichen Befürchtungen entgegen, durch den Gebrauch der Fremdsprache könnte einiges an Inhalten auf der Strecke bleiben.

Die Geografie gehört bei den Siebtklässlern zum Fächerverbund EWG (Erdkunde, Wirtschaftskunde, Gemeinschaftskunde). Die Lehrerin Silke Philipp erklärt, dass sie innerhalb des Fächerverbunds alle erdkundlichen Themen auf Englisch abhandelt, die wirtschaftskundlichen teilweise auch. "Bei Gemeinschaftskunde wäre es aber nicht sinnvoll, den deutschen Rechtsstaat auf Englisch zu erklären."

Klaus Erlenmaier macht noch auf eine wichtige Einschränkung zur Organisation des fremdsprachlichen Fachunterrichts aufmerksam: "Es gibt auch Schulen, die bilingualen Unterricht für ganze Klassen anbieten. Wir machen das aber nur für besonders interessierte und sprachbegabte Schüler, die sich freiwillig dafür melden." Die Entscheidung für oder gegen den englischsprachigen Erdkundeunterricht fällt frühzeitig und gilt dann mindestens ein Schulhalbjahr lang. Alle Klassen einer Stufe haben zum gleichen Zeitpunkt Erdkunde und teilen sich auf der Unterrichtssprache entsprechend.

Für Silke Philipp ist es wichtig, dass die Schüler im bilingualen Unterricht Spaß an der Fremdsprache haben: "Sie müssen mehr Einsatz bringen, es kommen viele neue Wörter hinzu. Aber ich mache keinen zusätzlichen Englischunterricht und erkläre auch keine Grammatik." Natürlich werden die gröbsten Schnitzer verbessert und Vokabelhilfen erteilt. Ansonsten jedoch soll die Kommunikation möglichst ungestört und fachorientiert verlaufen.

Die mündliche Sprachgewandtheit steht ja auch im eigentlichen Fremdsprachenunterricht zunehmend im Vordergrund. So müssen die Zehntklässler an den Realschulen ihre Englischkenntnisse mittlerweile in der "Eurokom"-Prüfung unter Beweis stellen, wo es um Hörverstehen, die Präsentation eines Themas sowie um kommunikative und situative Aufgaben geht. Wer von Klasse 7 an am englischsprachigen Erdkundeunterricht teilgenommen hat, ist dabei klar im Vorteil, wie Schulleiter Erlenmaier bereits festgestellt hat: "Die holen sich alle ihr Präsentationsthema aus dem bilingualen Unterricht." Es kann sich also lohnen, in der siebten Klasse beim Stichwort "thorn savanna" die Ohren zu spitzen.