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Freude bei den Gästen: "Der Herrgott muss ein Egerer sein"

Beim sonntäglichen Empfang der Stadt Wendlingen zum Vinzenzifest referierte Wendlingens Bürgermeister Ziegler über 60 Jahre Vertreibung der Egerländer.

GABY KIEDAISCH

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WENDLINGEN Der Herrgott muss ein Egerer sein, war so manches Mal die letzten Tage augenzwinkernd zu hören angesichts des sonnenverwöhnten Vinzenzifests, das am Wochenende und auch noch heute zum 54. Mal zusammen mit dem 31. Egerländer Landestreffen in Wendlingen gefeiert wird.

Statt Wetterkapriolen schien pünktlich zum Auftakt des Vinzenzifests am Freitag die Sonne. Die hielt sich denn auch prompt das gesamte Wochenende, so dass wieder einmal der Festgottesdienst unter freiem Himmel zelebriert werden konnte, diesmal allerdings statt auf dem Marktplatz und unter einem geschützten Schirm, erstmals unter dem schattenspendenden Blätterdach der Platanen auf dem St.-Leu-la-Fôret-Platz.

Begleitet vom Musikverein Unterboihingen war am Sonntagmorgen die Vinzenziprozession mit Pfarrer Paul Magino und Monsignore Josef Malus an der Spitze vom Kirchplatz zum Rathausplatz gestartet, wo sich viele Gläubige zum anschließenden Gottesdienst niederließen. Während bereits frühmorgens viele durch den Vinzenzimarkt schlenderten, erlebten einige tausend Menschen am Nachmittag einen farbenfrohen Trachtenumzug mit Musikkapellen, der auf dem Festplatz endete.

Gedämpfte Klänge volkstümlicher Musik begleiteten auch den traditionellen Empfang der Stadt Wendlingen am Sonntagmorgen. Während im Großen Sitzungssaal Grußworte und ein Vortrag von Bürgermeister Ziegler gehalten wurden, tanzten und musizierten Egerländer Gruppen vor dem Rathaus.

Ohne Ehrengast Zum ersten Mal musste der Empfang auf einen Ehrengast verzichten, nachdem den Ministerpräsidenten gestern die Pflicht zum CDU-Parteitag nach Dortmund gerufen hatte. Günther Oettinger, der Schirmherr des Vinzenzifestes ist, ließ den Gästen ausrichten, dass er gerne nach Wendlingen gekommen wäre.

Als Patenonkel konnte Bürgermeister Ziegler auch ohne Ehrengast eine ganze Reihe von Vertretern aus Politik, Kirche und den Heimat- und Trachtenverbänden begrüßen.

Das Vinzenzifest steht im Zeichen der Erinnerung, eröffnete Landesvorsteher Albert Reich sodann den Grußwortreigen und erinnerte an die Vertreibung und den Wiederbeginn in der neuen Heimat. Wie viele schwäbische Familien war auch der jetzige Bürgermeister von der ungarischen Partnerstadt Dorog, Lörinc Baranyai, von Vertreibung in der Nachkriegszeit betroffen. Als Vierjähriger wurde er mit seiner Familie nach Deutschland abtransportiert, jedoch von den Amerikanern abgewiesen und wieder zurückgeschickt worden. Verwandtschaftliche Beziehungen hat Baranyai allerdings bis heute in den Nürtinger Raum. Aber auch die, die hier geblieben seien, hätten mit der alten Heimat nach wie vor eine enge Verbundenheit, freute sich Lörinc Baranyai anlässlich des Empfangs und hob dabei vor allem die Partnerschaft mit Wendlingen hervor, bei der dem Freundeskreis eine tragende Bedeutung beikomme.

Für Toleranz und gegenseitigen Respekt plädierte Dr. Jan Svoboda in seinem Grußwort. Der Oberbürgermeister lud heute schon alle nach Eger/Cheb ein zur grenzüberschreitenden Landesgartenschau im nächsten Jahr.

Im Mittelpunkt des Empfangs stand der Vortrag von Bürgermeister Frank Ziegler, der über 60 Jahre Vertreibung der Egerländer referierte. Bevor er aber damit beginnen konnte, wurde Ziegler von Albert Reich geoutet: der Landesvorsteher der Egerländer gratulierte dem Bürgermeister zu dessen 40. Geburtstag, den er just an diesem Tage begang, und überreichte ihm ein besonderes, längst vergriffenes Buchpräsent über das Egerland.

Bürgermeister Ziegler, selbst Egerländer Nachfahre, blickte in seinem Referat zunächst auf 800 Jahre Deutsche im Egerland zurück. Sie hatten dort über Jahrhunderte eine Heimat gefunden. Die Gesamtbevölkerung bestand zu fast 100 Prozent aus Deutschen. Wegen seines zahlenmäßigen Gewichts nahm das Egerland, auch nachdem es Teil der ersten Tschechoslowakischen Republik geworden war, 1918/1919, ebenso ethnographisch eine Sonderstellung ein, was zu erheblichen Spannungen geführt hatte.

Dennoch, so Ziegler, hätten Deutsche und Tschechen über Jahrhunderte friedlich und sogar freundschaftlich im Sudetenland gelebt. Zwischen 1940 und 1945 verschärfte sich die Situation für die deutsche wie ungarische Bevölkerung durch die so genannten Benesch-Dekrete. Sie waren verantwortlich für die Entrechtung, Enteignung und Vertreibung auch der Egerländer. Vor drei Jahren hat das tschechische Parlament ihre Wirksamkeit für erloschen erklärt, mit einer Ausnahme: die Rechts- und Eigentumsverhältnisse sind nach wie vor nicht anzuzweifeln, unantastbar und unveränderlich. Laut Zieglers Äußerungen ist dies vor dem Hintergrund zu sehen, dass eine völlige Distanzierung von den Dekreten, die Entschädigungsansprüche von Vertriebenen auf verlorenes Eigentum ermuntern könne. Ziegler forderte die tschechische Regierung auf, diesen Zwiespalt zu beseitigen. Die Dekrete seien rassistisch, menschenrechtswidrig und ohne jedes Beispiel. Für einen endgültigen sudetendeutsch-tschechischen Ausgleich sei ihre vollständige Aufhebung der notwendige Schritt.

Keine Entschädigung Zur Eigentumsfrage sagte Ziegler: Die meisten Sudetendeutschen wollen von den Tschechen nichts außer die Anerkennung erlittenen Leids. Dass man sich bei all den offenen Fragen auch bei der Begrifflichkeit schwer tut, wenn Vertreibung gemeint ist, darauf ging Bürgermeister Frank Ziegler in seinem Referat ebenfalls ein. Während auf tschechischer Seite überwiegend von Abschub, Transfer oder Aussiedlung die Rede ist, unterscheidet die deutsch-tschechische Historikerkommission zwei Begriffe, je nachdem um welchen zeitlichen Abschnitt es geht: vom 8. Mai 1945 bis zum Ende der Postdamer Konferenz wird als Vertreibung bezeichnet, danach der Begriff Transfer genannt. Wieder anders formuliert es die 1997 verabschiedete tschechisch-deutsche Erklärung: Im tschechischen Text sei die Rede von Nachkriegsflucht, von Vertreibung und Zwangsaussiedlung, im deutschen Text von Flucht, Vertreibung und zwangsweiser Aussiedlung nach Kriegsende. Längst haben die Vertriebenen im Bundesgebiet eine neue Heimat gefunden. Dies zeige sich gerade auch an den großartigen Leistungen, die sie vollbracht haben, würdigte Ziegler ihre Ausdauer und Energie, die sie zum Aufbau des Landes und in der Stadt Wendlingen beigetragen haben.

Dass die Vertreibung eine Folge des Unrechts war, das die Nationalsozialisten zuvor anderen angetan hatten und das in deutschem Namen geschehen war, mindert das Leid der Betroffenen nicht, beendete Der Wendlinger Bürgermeister Frank Ziegler seinen Vortrag.