Lokales

Freund, Helfer und Seelendoktor

Ärzte und Polizisten, Bahnangestellte und Pfarrer haben morgen etwas gemeinsam: Sie müssen auch an Heiligabend ran.

ALEXANDRA BOGER

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KIRCHHEIM Während die meisten Kirchheimer morgen beim Weihnachtslieder singen und Geschenke auspacken sind, gibt es Menschen, die dafür sorgen, dass alles andere neben "Bredle" und Kerzenschein seinen gewohnten Gang geht. In vielen Betrieben und Einrichtungen muss jedes Jahr zum 24. Dezember dieser "Schwarze Peter" vergeben werden.

Erwin Hochdorfer beispielsweise beginnt seinen Dienst in der Kirchheimer Polizeiwache morgen um 13 Uhr und beendet ihn um 20 Uhr. Er weiß, wenn er eine Stunde später zu Hause sein wird, ist das Meiste vom Heiligen Abend vorbei. Ein Computer entwirft schon jetzt die Dienstpläne für das nächste Jahr, doch achten die Kollegen untereinander darauf, dass Beamte mit kleinen Kindern an Heiligabend zuhause sein können: "Es findet sich immer jemand, dem es nicht so wichtig ist, ob er Dienst macht. Über die Jahre spielt sich das ein", meint der Polizeibeamte. Seine Kinder sind schon etwas älter. Etwa 10 bis 15 Mal hat er den Weihnachtsdienst geschoben, und mittlerweile ist es für ihn beinahe ein Arbeitstag wie jeder andere. Etwas besinnliche Stimmung verströmt der große Weihnachtsbaum in der Wache, doch hat Erwin Hochdorfer in seinem Job vornehmlich mit weniger weihnachtlichen Begebenheiten zu tun: Viele Einsätze an diesem Abend gibt es bei Familien, bei denen der Haus- und Weihnachtssegen schief hängt: "Oft sind es Familienstreitigkeiten. Da meinen die Menschen, an solchen Tagen zusammensitzen zu müssen, da fließt Alkohol und dann brechen die Emotionen aus."

Hin und wieder wird die Polizei von Menschen gerufen, die über die Feiertage allein sind und dann vermeintliche Einbrecher hören, aber oft nur jemanden zum Reden brauchen. Die gute Tat ist für Erwin Hochdorfer selbstverständlich: "Wenn man Zeit hat, ist man auch Seelendoktor und leiht den Menschen ein Ohr."

Um 22.20 Uhr fährt morgen der letzte Zug von Kirchheim nach Wendlingen. Zu diesem Zeitpunkt wird Melanie Rütz seit etwa 10 Stunden im Dienst sein und in zehn Minuten Feierabend im wahrsten Sinne des Wortes machen dürfen. Die Fahrdienstleiterin stellt die Weichen am Kirchheimer Bahnhof. Die Eltern der 29-Jährigen leben zu weit weg, um sie zu besuchen. Heiligabend feiert sie nicht wirklich. In der Zentrale stehen ein kleiner Christbaum und ein paar Duftkerzen, mehr Weihnachtsstimmung braucht sie nicht. Schon öfter hat die junge Frau Weihnachten auf dem Bahnhof verbracht und weiß, dass kaum etwas los sein wird: "Vor allem die letzten Züge werden wenig genutzt. Auf den Bahnsteigen sind vornehmlich Menschen aus anderen Kulturkreisen unterwegs, die Weihnachten nicht feiern." Im Kopf ist sie bei ihrer Familie, doch abgesehen davon meint sie: "Ich kenn's nicht anders, und ich würd's auch nicht anders haben wollen."

Dr. Sven Mörk ist Chirurg am Kirchheimer Krankenhaus und hat morgen die Tagesschicht erwischt. Er wird von 8.30 bis 20.30 Uhr bereit sein müssen, zum Skalpell zu greifen. Auch wenn er am späten Abend frei hat, ist die "Bescherungszeit" vorbei, und die Frage nach dem Weihnachtsessen konnte er auch noch nicht klären: "Für das Steak mit Gorgonzola-Soße ist es zu spät". Zuhause wartet auf den 31-jährigen Arzt seine Frau. Das Paar plant den Weihnachtsabend gemütlich auf dem Sofa und verlegt die Bescherung auf den nächsten Tag. "Ich weiß seit eineinhalb Monaten, dass ich arbeiten muss und hab' mich damit arrangiert. Schlimmer wär es, wenn ich 24 Stunden am Stück Schicht hätte." Seine Weihnachtsgeschenke hat er besorgt, und somit bleiben als einzige undefinierbare Stressvariable die Krankheitsfälle. Weihnachten ist die Zeit der Gallenkoliken: Der Festschmaus-Klassiker mit Gans, Rotkraut und Knödel birgt so manches Risiko.

Hochkonjunktur zu Weihnachten haben auch und vor allem die Kirchen. Pfarrer Josef Würzer hatte seine Gemeinde in Göppingen und lebt seit fünf Jahren in Kirchheim, wo er hin und wieder Vertretungen in der katholischen Gesamtkirchengemeinde übernimmt. Er erinnert sich: "In 14 Tagen 20 Gottesdienste und zehnerlei Predigten gab es schon 'mal. Man hat sich auch darum kümmern müssen, wie der Baum aussieht und die Krippe." Für ihn ist der Gottesdienst ein Fest, "und ein Fest macht nunmal Arbeit." Josef Würzer sieht in manchen Berufen einen weihnachtlichen Aspekt verkörpert, so beispielsweise in denen, zu deren Metier die Gastfreundschaft und das "Da sein" für Kranke und Alte gehört. Er differenziert zwischen weihnachtlichen Arbeiten, die Sinn machen und denen, die auf das Geschäft ausgerichtet sind an Weihnachten das Auto zu waschen oder auf dem Bau zu arbeiten, fällt aus seinem Raster. Auch bei der Feier im Familienkreis ist für ihn nicht per se der weihnachtliche Sinn gegeben: "Manchmal macht man es zu egoistisch und romantisch, wenn man sich nur mit sich selbst beschäftigt." Um es auf den theologischen Punkt zu bringen, sieht er das Ganze aus der Sicht des Weihnachts-Evangeliums: "Indem Gott uns seinen Sohn schickt, überlässt er uns nicht uns selbst. Darin lebt und arbeitet er auch für uns er hätt's auch einfacher haben können."