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Frühbarocker Zierfachwerkbau ruht auf Quadern der Michaeliskirche

BISSINGEN Der frühbarocke Zierfachwerkbau in der Bissinger Vorderen Straße hat seit drei Jahren als Sitz des Bürgermeisters ausgedient. Der amtiert jetzt genau gegenüber und blickt ab und an sinnierend auf das verlassene Kleinod. Dort gehen weder Ärzte noch Patienten ein und aus, kein Wirtshausschild "Im

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RICHARD UMSTADT

Ratskeller" prangt über der Tür, und auch Architekten brüten in den alten Räumen nicht über neuen Plänen. Es steht leer. Doch was soll mit dem rund 350 Jahre alten Bissinger Schmuckstück geschehen? Darüber zerbrechen sich immer noch Verwaltung und Bürgervertreter die Köpfe.

Im 13. Jahrhundert stand im heutigen Bissinger Pfarrgarten die Michaeliskirche. Das unbenutzte Gotteshaus musste nach dem großen Brand im Jahre 1665 als "Steinbruch" herhalten, unter anderem auch für das damals neue Rathaus. Allerdings sitzen die "Kirchenquader" nur im Untergeschoss des alten Gebäudes. Das Obergeschoss wurde als Fachwerkkonstruktion erstellt.

In seiner Gesamtkonzeption ist der Fachwerkbau eine verkleinerte und vereinfachte Nachbildung des Bad Uracher Rathauses. Über der Eingangstür ist in das Balkenwerk zur Erinnerung an den tatkräftigen Bürgermeister Georg Graupner die Jahreszahl der Erbauung eingeschnitzt "Den VI. Apr. A.O. MDCLXVIII unter dem Schultheißen Georg Graupner" lautet die Inschrift. Das Rathaus war anstelle des früheren Gebäudes entstanden, das am 2. Juli 1665 einem verheerenden Brand zum Opfer gefallen war. Vor allem der Tatkraft des Schultheißen Graupner hatten die Bissinger die Hilfe von vielen Städten und des Fürsten zu verdanken. Es war ihm deshalb möglich, den Ort innerhalb weniger Jahre wieder aufzubauen. 1669 stand auch das Rathaus wieder.

Wie der Inschrift eines Bühnenbalkens zu entnehmen ist, wurde das Alte Rathaus 1804 renoviert. Bei dieser Renovierung wurde die noch von Graupner stammende Säulenhalle an der Vorderfront ummauert und das Fachwerk durch einen Verputz verdeckt. Erst im Jahre 1938 legten die Arbeiter das schöne Fachwerk auf der Giebelseite wieder frei und gaben dem markanten Bissinger Gebäude das alte Aussehen zurück. Die restlichen Fachwerkwände ließ die Gemeinde unter Bürgermeister Arnold Weber zur 300-Jahresfeier im April 1969 aus dem Putz herausarbeiten.

Reichten die Räumlichkeiten in den 60er Jahren für den Schultheißen plus drei Mitarbeiter noch aus, so wuchs sowohl die Zahl der im Rathaus Beschäftigten als auch die Fülle der Aufgaben und Akten gewaltig an, die Räumlichkeiten konnten jedoch nicht dementsprechend ausgeweitet werden. Außerdem hatte auch im Bissinger Bürgermeisteramt längst der Computer Einzug gehalten.

Wie ein vom Gemeinderat in Auftrag gegebenes Bedarfsgutachten herausfand, fehlte es an einem Kopier- und Lagerraum, Sozialraum, an einem Trauzimmer, einem Archiv und einer Registratur. Auch müssten die Räumlichkeiten, den Aufgaben entsprechend, neu eingeteilt werden. Bürgermeister Kümmerle plädierte 1997 für ein Gesamtkonzept und für die doppelte Anzahl der Amtsstuben. Das Dilemma war offensichtlich: Der alte Fachwerkbau war nur durch viel Geld umzubauen und selbst dann wäre das Raumangebot nicht ausreichend gewesen. Außerdem stand der Ausbau des Dachgeschosses aus denkmalschützerischen Gründen nicht zur Debatte. Deshalb träumte der Verwaltungschef von einem neuen, modernen, funktional aufgeteilten Rathaus, das ins Ortsbild passt.

In einer Klausurtagung im Juli 1998 setzte sich der Gemeinderat mit einem Rathausumbau, aber auch mit des Bürgermeisters Traum vom Neubau auseinander. Eine Grundsatzentscheidung trafen die Bürgervertreter aber erst ein Jahr später. Wolfgang Kümmerles Traum sollte in Erfüllung gehen. Damals geschätzte Kosten: 3,7 Millionen Mark. Im letzten Jahr des 20. Jahrhunderts wurde nicht nur das Fachwerk saniert, der neugewählte Gemeinderat beauftragte auch die Stadtentwicklung Südwest STEG, den Architektenwettbewerb vorzubereiten. Im Juli 2000 war klar: Das Stuttgarter Ingenieurbüro Otto & Hüfftlein-Otto hatte das Rennen gemacht. Doch vor dem Bau des neuen Verwaltungsgebäudes nach den Plänen des ersten Preisträgers wollten die Bürgervertreter mit dem Rotstift über die Pläne gehen, denn die geschätzten Kosten in Höhe von 5,5 Millionen Mark waren dem Gremium zu hoch. Erst als das Land 2001 insgesamt rund 1,5 Millionen Mark zusicherte, und auch der Verkauf der Neckarwerke-Aktien für einen "warmen Geldregen" sorgte, sahen die Bissinger ihr neues Verwaltungsgebäude "in trockenen Tüchern".

Im Februar 2002 rollten die Bagger an, Ende Juli ließ Zimmermeister Merkle das leere Weinglas unter dem Richtbaum zerschellen und am 27. Juni 2003 übernahm Bürgermeister Wolfgang Kümmerle den Schlüssel für seine neue Wirkungsstätte aus den Händen des Architektenehepaars Ursula Hüfftlein-Otto und Maximilian Otto. Das Bissinger Jahrhundertbauwerk es kostete letztendlich 2,7 Millionen Euro war vollbracht.

Seither blickt der Verwaltungschef immer wieder durch die Fensterfront hinüber auf das frühbarocke Zierfachwerk. Seit drei Jahren warten die alten Räume auf neues Leben. Zwar klopften vor zwei Jahren zwölf Neugierige beim Bürgermeister an. Doch zogen sie nach dem Motto "außer Spesen nichts gewesen" wieder ab. Zum einen denkt die Gemeinde an eine Erbpacht, was für potenzielle Käufer uninteressant ist, zum anderen hätte ein zukünftiger Inhaber für einen Umbau viel Geld in die Hand nehmen und sich außerdem vom Denkmalamt noch auf die Finger schauen lassen müssen. Da sind Mieträume in modernen Gebäudekomplexen günstiger zu erhalten.

Der Wiederbelebungsversuch des alten Fachwerkrathauses geht nun in die zweite Runde. Gemeinderat und Verwaltung zerbrechen sich einmal mehr den Kopf darüber, was mit Bissingens Schmuckstück geschehen könnte. Vielleicht doch eine Ortsbücherei im ersten Stock? Das wiederum würde den Bau eines Treppenhauses und eines Aufzuges am rückwärtigen Gebäudeteil bedeuten. Die Kosten dafür werden auf rund 150 000 Euro geschätzt. Viel Geld in Zeiten leerer Kassen, zumal in der Seegemeinde noch andere Investitionen anstehen.