Lokales

„Früher gehörte Engagement dazu“

Trachtenvereine, Liederkränze und Kleintierzüchter müssen um ihr Überleben kämpfen

Vereine prägen gerade im ländlichen Raum das kulturelle Leben, sorgen für wohnortnahe Sportangebote, pflegen die Natur und kümmern sich darum, dass die Dörfer lebenswert bleiben. Doch viele haben enorme Nachwuchsprobleme. Professor Dr. Michael Stricker von der Fachhochschule Bielefeld glaubt: „Das liegt an den Vereinen selbst.“

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Antje Dörr

Kreis Esslingen. „Es ist ewig schad“, sagt Rolf Schöpf und schüttelt den Kopf. Vor dem 72-jährigen Gutenberger liegt die Conradin-Kreutzer-Tafel für 150 Jahre Chorgesang. Die hat der Liederkranz Gutenberg, dessen Vorsitzender Rolf Schöpf bis zuletzt war, noch feierlich überreicht bekommen. Die Auszeichnung für 200 Jahre wird es nicht mehr geben. Der Verein hat seine Aktivitäten bis auf Weiteres stillgelegt. Das jüngste Mitglied zählte 50 Jahre, Nachwuchs war nicht in Sicht und der Dirigent glänzte häufig durch Abwesenheit. „Da haben viele gesagt: Da machen wir nicht mehr mit“, erinnert sich Rolf Schöpf, der mit 16 Jahren in den Gesangverein eingetreten ist. Jetzt fährt er zum Singen ins acht Kilometer entfernte Brucken. Mal schauen, wie lange es den Chor noch gibt.

„Vereine sind im ländlichen Raum die Träger der Kultur“ – solche oder ähnliche Sätze hört man häufig von Politikern, die damit das Engagement der Ehrenamtlichen würdigen wollen. Aber den Trägern der Kultur geht es nicht gut – und das nicht erst seit gestern. Liest man derzeit Berichte über Jahreshauptversammlungen, findet man fast überall die gleichen Sätze über schwindende Mitgliederzahlen, schlecht besuchte Sitzungen und Überalterung. Und selbst jene Vereine, die nicht mit Nachwuchsproblemen kämpfen, haben häufig ihre liebe Mühe, die Vorstandsämter zu besetzen, die die Vereinsstruktur nun mal mit sich bringt.

Professor Dr. Michael Stricker, der an der Fachhochschule Bielefeld eine Professur für Sozialmanagement innehat, glaubt zu wissen, warum: „Das liegt an den Vereinen selbst.“ Seine These: Die Organisationen müssen flexibler werden und gezielter nach Ehrenamtlichen suchen, wenn es sie in 100 Jahren auch noch geben soll. „Früher gehörte es zum guten Ton, sich im Verein zu engagieren“, sagt Michael Stricker. Heute müssten sich die Trachtenvereine, Liederkränze und Kleintierzüchter aktiv um Nachwuchs bemühen, anstatt darauf zu warten, dass sich die Vorstandskandidaten bei ihnen meldeten.

„Junge Leute engagieren sich, wenn es in ihre Lebensplanung passt“

Auch in anderen Fragen bleibe den Vereinen nichts anderes übrig, als sich stärker auf potenzielle Kandidaten zuzubewegen. „Wenn der Verein von mir erwartet, dass ich jeden Mittwochabend um 18 Uhr da stehe, dann kann ich das nicht leisten“, sagt Michael Stricker, der selbst als Präsident des Arbeiter-Samariter-Bunds (ASB) Nordrhein-Westfalen ehrenamtlich aktiv ist. Viele Menschen seien beruflich zu stark eingebunden. Häufige Jobwechsel erschwerten kontinuierliches ehrenamtliches Engagement. Auch hier sieht Michael Stricker die Vereine in der Pflicht. Seiner Meinung nach müssten die davon wegkommen, die Vorstandschaft als Lebensaufgabe anzusehen. „Wenn es einer für vier Jahre macht, ist das doch auch schon was“, findet er. Dass junge Menschen heute per se weniger bereit sind, sich im Verein zu betätigen, glaubt der Wissenschaftler nicht. „Die engagieren sich schon, aber nur, wenn es in ihre Lebensplanung passt.“ Totale Aufopferung sei nicht mehr angesagt.

Auch Professor Dr. Paul-Stefan Roß, Leiter des Studiengangs Soziale Dienste der Jugend-, Familien- und Sozialhilfe an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg, glaubt nicht, dass Jugendliche und junge Erwachsene sich heute weniger engagieren als früher. „In der aktuellen Freiwilligensurvey kann man nachlesen, dass das Engagement stabil bleibt“, sagt er. Gleichzeitig sei nicht von der Hand zu weisen, dass manche Vereine Nachwuchssorgen hätten. Ein Problem sieht er in dem Trend, der oft mit dem Begriff Individualisierung überschrieben wird. „Die Tendenz geht zu nicht so viel Bindung und nicht so viel Verantwortung“, weiß der Wissenschaftler. Das passe eben nicht zu den Vereinen. Außerdem seien die Lebensrealitäten heute viel unübersichtlicher als früher. Lange Anfahrtswege zum Arbeitsplatz, häufige Wohnortwechsel, Arbeit auf Montage – all das erschwere kontinuierliches Engagement. Die Organisationen müssten sich jedoch auf den gesellschaftlichen Wandel einstellen. Eine Lösung könnte es sein, wichtige Posten auf mehreren Schultern zu verteilen.

Als weitere Überlebensstrategie nennt Paul-Stefan Roß die Professionalisierung der Vereine. Größere Organisationen stellten beispielsweise Personal ein, um den Service zu verbessern oder gliederten dem Sportverein ein Fitnessstudio mit kundenfreundlicheren Öffnungszeiten an. Solche Maßnahmen könnten allerdings interne Probleme mit sich bringen, weiß der Wissenschaftler. „Die Ehrenamtlichen fragen sich berechtigterweise: Wieso bekommt der Geld und wir nicht?“