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"Frühförderstellen sparen langfristig Geld"

Mehr als einmal wähnten sich die Mitarbeiter auf einer Baustelle. Doch jetzt sind umfangreiche Umbau- und Sanierungsarbeiten beendet, haben Sozialpädiatrisches Zentrum (SPZ) an den Städtischen Kliniken Esslingen und Interdisziplinäre Frühförderstelle (IFS) des Landkreises in der Kinderklinik ihre jeweiligen neuen und renovierten Räume gefunden.

ELISABETH SCHAAL

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KREIS ESSLINGEN Vor gut zwei Jahren nahm das SPZ seine Arbeit auf. Hatte der Leiter, der 43-jährige Nico Breitbach-Faller, damals noch in bescheidenem Rahmen mit dreieinhalb Personalstellen begonnen, sind nun neun Mitarbeiter beschäftigt: Zwei Fachärzte für Kinder- und Jugendmedizin, Psychologen, Psychotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden, Krankengymnasten und Heilpädagogen. Ambulant betreut werden in dem im Erdgeschoss der Esslinger Kinderklinik angesiedelten Zentrum junge Patienten bis zum 18. Lebensjahr mit körperlichen, geistigen oder seelischen Entwicklungsstörungen. Das können sowohl Kinder mit Down-Syndrom als auch junge Patienten mit spastischen Lähmungen, Epilepsien, Muskelschwäche oder mit dem Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom sein. Auch die Nachsorge von Hochrisikokindern, zum Beispiel Frühchen, läuft im SPZ. Dessen großer Vorteil: Alle medizinisch-technischen Möglichkeiten der Kinderklinik, der Kinderradiologie sowie der gesamten Städtischen Kliniken können auf kurzem Weg genutzt werden. Nico Breitbach-Faller, promovierter Facharzt für Kinderheilkunde, betont allerdings, dass Sozialpädiatrie in den Kinderarztpraxen stattfinde: "Wir wollen diese Kollegen natürlich in keinem Fall ausbooten. Nur wenn die nötige Behandlung ihre Möglichkeiten übersteigt, können sie ihre jungen Patienten an uns überweisen."

Das ist im Übrigen Voraussetzung für eine Behandlung. Das SPZ-Team arbeitet mit Einrichtungen wie Frühförderstellen zusammen, hilft auch bei der Vermittlung eines Kindes in einen integrativen Kindergarten oder stellt zusammen mit Schulräten und Schulpädagogen die Weichen, wenn es um die Einschulfähigkeit geht: Regel- oder doch besser Sprachheilschule?

Die vom Landkreis getragene IFS belegt nun ebenfalls neue Räume im Erdgeschoss der Kinderklinik, wo siebereits seit sieben Jahren angesiedelt ist und nicht zuletzt dank der räumlichen Nähe "eine gute und enge Kooperation mit den Abteilungen der Kinderklinik pflegt", sagt der zuständige Sachgebietsleiter Keil. Die mit drei Personalstellen ausgestattete IFS bietet pädagogische und therapeutische Hilfen an für Familien mit einem behinderten oder entwicklungsauffälligen Kind. Gibt es allerdings schwerwiegende Probleme, wird das Kind ans SPZ überwiesen. Die IFS-Mitarbeiter kommen im Gegensatz zu den SPZ-Kollegen auch zu den Familien nach Hause. Und Eltern können die Frühförderstelle direkt aufsuchen.

Parallel zum SPZ hatte das baden-württembergische Sozialministerium die Einrichtung einer Psychosomatischen Tagesklinik mit zehn Behandlungsplätzen für Jugendliche (überwiegend bei Ess-Störungen) genehmigt. Für Ekkehard Gaus, den Chefarzt der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin, ein "wichtiger Baustein": Das teilstationäre Angebot schließt die Lücke zwischen stationärer und ambulanter Behandlung.

Im Beisein von Landrat Heinz Eininger und Oberbürgermeister Jürgen Zieger werden die neu gestalteten Bereiche einem Fachpublikum mit einem Tag der offenen Tür und einem Symposium am heutigen Freitagmittag vorgestellt.

Abgeleitet von bundesweiten Erhebungen benötigen im Landkreis Esslingen an die 4200 Kinder bis zum Alter von sechs Jahren eine zusätzliche Förderung. Fachleute gehen davon aus, dass pro Jahrgang etwa sieben Prozent der Kinder eine Behinderung haben und bei 13 Prozent eine Teilleistungsstörung vorliegt. Kinder, die sprachlich, motorisch oder im Verhalten auffallen, haben ein etwa dreifach höheres Risiko, den Schul- oder Berufsabschluss nicht zu schaffen. Es drohen Langzeit-Arbeitslosigkeit, im schlimmsten Fall ein Abgleiten in die Kriminalität. Nico Breitbach-Faller: "Sozialpädiatrische Zentren und andere Frühfördereinrichtungen sparen langfristig gesehen viel Geld." Im Esslinger SPZ wurden im vergangenen Jahr etwa 920 Patienten betreut. Tendenz steigend: "In diesem Jahr werden wir voraussichtlich rund 1150 Patienten behandeln können", bilanziert Michael Schuler, stellvertretender Verwaltungsdirektor der Kliniken.