Lokales

Führen lernen mit Pferden

WERNAU Ein Mann hält ein Pferd am Seil: Das sieht einfach aus. Doch immer wieder macht das Pferd einen Schritt vorwärts, weicht der Führer zurück. "Die ist rotzfrech", bemerkt er, der in Kleinponystute Gretel eine "liebe Kleine" erwartet hatte. Dieser Widerstand ist für ihn jedoch eine wichtige Erfahrung. Denn er nimmt am Seminar "Führen lernen mit Pferden" teil.

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Gretel ist klein und kreativ. Wird das Pferd nicht ständig beschäftigt, wird es übermütig. Richtig behandelt, bringt es volle Leistung. Der Stoiker Bingo ist weder empfindlich noch schreckhaft, braucht jedoch eine starke Hand sonst macht er, was er will. Und Pappel braucht viel Überzeugungskunst, denn er kann unkooperativ sein. Nein, das sind nicht Mitarbeiter einer Firma, sondern Pferde Gretel eine fünf Jahre alte Kleinponystute, Bingo ein zwölf Jahre alter Ponywallach und Pappel eine 18 Jahre alte Warmblutstute.

Mitarbeiten durften die drei beim Seminar der Landvolkshochschule Wernau. In der Reithalle des Reit- und Fahrvereins Wernau trainierten Beraterin Karin Walz aus Stuttgart und Pferdeexpertin Roswitha Pfeffer aus Langenargen das Führen von Menschen und Pferden.

"Das Pferd sagt dem Menschen, wohin es geht", kommentierte Roswitha Pfeffer das Vorrücken des Pferdes. Dabei sollte es genau umgekehrt sein. Sie gab deutliche Hinweise zur Körpersprache: Wenn der Führer oder die Führerin nicht entschieden dastehe, merke dies ein Pferd sofort. Klar, dass Pappel probiert, ob nicht sie der Chef sein kann. "Von Anfang an konsequent sein", riet die Trainerin den Seminarteilnehmern.

Seit zehn Jahren arbeitet Pfeffer als Pferdetrainerin. Da ihre Tochter inzwischen den Reitstall mit 40 Boxen übernommen hat, kann sie nun auswärts Seminare geben. "Das Pferd ist wie ein Spiegel von uns selbst", ist sie überzeugt, "man erkennt an ihm seine eigene Körpersprache". Dass sie heute Führungskräfte trainiert, kam durch die Erfahrung mit von ihr im Verhalten korrigierten Pferden: "Bei mir klappte es mit dem Pferd. Bei anderen, die scheinbar dasselbe machten, klappte es nicht." Dabei setzt Pfeffer auf ein Belohnungssystem: Schon kleine Schritte des Pferdes zurück sollten mit einer Pause belohnt werden. Und immer das Verhältnis wahren: Für einen Schritt vorwärts dürfe man das Pferd nicht sechs zurückschicken. Wenn es zwicke, müsse es auch mal zehn Schritte zurück.

Eine kleine Gruppe war es, die da ihren Worten lauschte und die Pferde führte: Neben Siegfried Roth als Leiter der Landvolkshochschule waren ein Maschinenbauingenieur, ein Immobilienmakler, eine Unternehmensberaterin, eine Diplompädagogin und eine Verwaltungsfachangestellte dabei.

Nach einer theoretischen Einführung hatten sie am Tag zuvor ihren eigenen Führungsstil analysiert, nach dem Vormittag mit den Pferden kam der Transfer ihrer Erfahrungen und ihres Verhaltens in den Berufsalltag. Die Bezüge zu zwischenmenschlichen Beziehungen waren deutlicher als vermutet: Umgang mit Nähe und Distanz, eindeutige Kommunikation durch Stimme und Körperhaltung, souveränes Auftreten. "Das Pferd muss dem Führer vertrauen, dass er alles sieht, auch Gefahren. Dann kaut es entspannt oder gähnt. Zweifelt es dagegen an dessen Führungsqualitäten, wird es unruhig", erläuterte Roswitha Pfeffer. Bei Karin Walz hörte sich das dann so an: "Hat ein Mitarbeiter das Gefühl, der Chef führt nicht richtig, muss er das kompensieren und übernimmt Teile von dessen Funktion. Dann geht viel Energie für Abgrenzungen verloren." Sie plädierte für einen kooperativen Führungsstil, aber: "Es geht auch nicht immer nur mit Eideidei."

Weitere Führungsseminare mit Pferden sind bereits geplant, gemeinsam mit einer Industrie- und Handelskammer und in einer Benediktinerpropstei in Österreich. Die Landvolkshochschule Wernau denkt ebenfalls an eine Wiederholung des Angebots.

ez

INFOWer sich näher für diese Art von Arbeit mit Pferden interessiert, kann sich im Internet unter www.karin-walz.de oder www.reitstall-pfeffer.de informieren.