Lokales

Fünf Tage lang Architektur, Geschichte und Kunst

Anfang November machten sich zwei Busse aus dem Lenninger Tal auf, Berlin zu erkunden. Unter Leitung der Familie der Pfarrerin Oberle starteten etwa 90 Mitreisende in Brucken, um fünf Tage lang Architektur, Geschichte, Kunst und Begegnungen in der Bundeshauptstadt zu erleben.

LENNINGEN Am Anreisetag stand im abendlichen Berlin zunächst ein Besuch der Schlosskirche zu Wittenberg an, an deren Hauptportal Martin Luther der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen anbrachte und damit den Stein der Reformation ins Rollen brachte. Als Ort der letzten Ruhestätte der Reformatoren Luther und Melanchthon wird die Schlosskirche bis heute von vielen Menschen besucht.

Anzeige

Der zweite Reisetag stand unter dem Motto "Das multikulturelle Berlin". Nach einer spannenden Stadtrundfahrt mit zwei Stadtführern in zwei Bussen stand um 12 Uhr ein Mittagessen im Schöneberger Rathaus, dem ehemaligen Sitz des Regierenden Bürgermeisters von West-Berlin, auf dem Programm. Nach einer kurzen Mittagspause wurde die mächtige Reisegruppe vor die erste sozial-gesellschaftliche Herausforderung gestellt. Der Kreuzberger Multikulti-Kiez erlaubte am Beispiel der Martha-Gemeinde einen kleinen Einblick in das gesellschaftliche Miteinander einer Stadt, in der zwischen fünf und zehn Prozent Christen leben und die damit eine ähnliche diasporale Situation erfahren wie die Vertreter anderer Religionen in diesem Stadtteil. Der mit dem Spitznamen "Klein-Istanbul" versehene Stadtteil beschreibt kurz und knapp die religiös-ethnische Situation und macht deutlich, dass ein christliches Gemeindeleben, wie etwa in Württemberg nicht möglich ist, man also Wege finden muss, die auf das Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen abgestimmt sind. So gestaltet die Martha-Gemeinde neue Wege, die in großen Teilen Württembergs undenkbar wären: Gottesdienste und Veranstaltungen, die von Christen, Muslimen und Vertretern anderer Religionen gemeinsam gefeiert werden. Dabei betonte Pfarrerin Monika Mathias, dass es nicht darum geht, andere missionieren zu wollen, sondern darum, wie man ein respektvolles und friedliches Miteinander gestalten kann. Dabei verzeichnet die Gemeinde durchaus große Erfolge. 70 Jugendliche aus verschiedenen Religionen pro Treffen seien keine Seltenheit, so Pfarrerin Mathias. Manche Objekte der Martha-Gemeinde, wie etwa die Gongs und Tamtams, gefielen manchen Lenningern so gut, dass sie sie am liebsten gleich ins Lenninger Tal importiert hätten.

Dem Kreuzberger Umfeld entsprechend gab es im Anschluss ein Abendessen in einem türkischen Restaurant, das für viele Mitreisende eine neue positive Erfahrung darstellte, wenngleich sie vor allem deutsche Spezialitäten vorgesetzt bekamen. Der Abend klang für die meisten mit einem Besuch des Berliner Cabarettheaters "Distel" aus.

Der nächste Tag war dem "jüdischen Berlin" gewidmet. Nach einem kurzen Spaziergang durch das jüdische Viertel wurde das Denkmal für die ermordeten Juden Europas besichtigt, das im nächsten Jahr offiziell eingeweiht wird. Es enthält neben zigtausenden Steinmonumenten auch eine unterirdische Gedenk-, Forschungs- und Begegnungsstätte. Um 11.30 Uhr lud die "Landesvertretung Baden-Württemberg beim Bund" zu einer kurzen Informationsveranstaltung mit anschließendem Mittagessen und Gruppenfoto ein, bis es um 14 Uhr zum Sicherheitscheck am Jüdischen Museum weiterging. Das "Jüdische Museum", das ursprünglich nur als Unterabteilung eines großen Ganzen geplant war, wurde vom amerikanischen Architekten Daniel Libeskind entworfen, der mittlerweile weltberühmt wurde als der Architekt, der den Zuschlag für den Bau des neuen "World Trade Centers" mit seinem gigantischen "Freedom Tower" erhielt.

Die Architektur des Museums-Gebäudes wie auch der Ausstellung selbst ist beeindruckend. Libeskind verzichtet in dem Gebäude gänzlich auf rechte Winkel, Ausstellungsräume stehen bewusst leer. Eindrucksvoll ist auch der "Garten des Exils", in dem ähnlich dem Holocaust-Mahnmal mit Wegen durchzogene Steinblöcke aneinandergereiht wurden. Durch die Verlagerung des Raumes auf andere Ebenen ist man kaum in der Lage, den Garten ohne Schwindelanfall oder Kollision mit einem Stein zu durchschreiten. Das Bewusstsein wird völlig in die Irre geführt, der Besucher lässt sich von der schiefen Scheinwelt blenden.

Die Führung durch das Museum verband jüdische Traditionen und jüdisches Leben auf der einen Seite und jüdische Architektur auf der anderen Seite. Dabei wurden auch kulturelle Vermischungen wie das jüdische Chanukka- und das christliche Weihnachtsfest zu "Weihnukka" anschaulich dargestellt.

Das "politische Berlin", das am vierten Tag auf dem Programm stand, begann zunächst mit einem Orgelkonzertchen mit vorausgehender Führung durch den Berliner Dom, das Domkantor Tobias Brommann mit viel Sachverstand und Humor durchführte. Das "jüdische Berlin" wirkte noch bis weit in den Tag hinein: Nach der Domführung gab es eine Führung durch die Open-Air-Ausstellung "Topografie des Terrors", alternativ eine Besichtigung des Mauermuseums "Haus am Checkpoint Charlie". Die "Topografie des Terrors" und das anschließende Gedenken an der nationalen Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Plötzensee, bei der zum Gedächtnis an die Opfer des nationalsozialistischen Terrors ein Kranz niedergelegt wurde, bildete wohl den eindrücklichsten wie auch erschütterndsten Teil der Reise. So unmittelbar mit den nationalsozialistischen Verbrechen und deren Opfern wurden wohl die wenigsten Reiseteilnehmer bisher konfrontiert.

Am Nachmittag stand das Reichstagsgebäude auf dem Programm. Nach Sicherheitscheck und Mantelabgabe durfte die Reisegruppe auf der Tribüne des Plenarsaales einer Einführung in Architektur und Aufgaben des Bundestages lauschen. Auch in diesem Gebäude begegnet einem die Geschichte an jeder Ecke. An einigen Wänden kann man bis heute die Graffities russischer Soldaten aus den letzten Wochen des Zweiten Weltkrieges bewundern. In der anschließenden Diskussionsrunde mit den Bundestagsabgeordneten des hiesigen Wahlkreises, Dr. Uschi Eid (Bündnis 90/Die Grünen) und Michael Hennrich (CDU), hatten alle die Möglichkeit, ihren Abgeordneten direkt Fragen zu stellen. Rainer Arnold (SPD), der als Dritter im Bunde ebenfalls an der Diskussion teilnehmen wollte, musste sich leider entschuldigen lassen.

Der fünfte Reisetag war dem "missionarisch-diakonischen Berlin" gewidmet. Das Hauptziel des Tages war der Besuch des "Zentrums Lehrter Straße". Unter dem Motto "Zwischen Knast und Kanzleramt", das nicht nur eine geografische Ortung erlaubt, sondern auch eine sozial-diakonische Einordnung zulässt, lauschten die Zuhörer einem Vortrag darüber, wie sozial an den Rand geratene Menschen, die eben noch mitten im Leben standen, wieder in die "Gesellschaft" reintegriert werden können. Und das nicht nur durch materielle Hilfe in Form von Lebensmitteln oder einer Schlafgelegenheit, sondern in fortgeschrittenem Integrations-Stadium auch durch Computerkurse und ähnliches. Neben all diesen Highlights wollte es sich eine kleine Gruppe von Elizabeth-Fans nicht nehmen lassen, vor dem Hotel Adlon der Queen zu huldigen, was tatsächlich mit einem königlichen Wink "Ihrer Majestät" und Prinz Philipp belohnt wurde. Die Rückfahrt fand ihren Höhepunkt in einer Führung und anschließendem "Wort in den Tag" im Merseburger Dom. Die letzte Etappe der Reise fand am späten Abend im heimischen Brucken ihr glückliches Ende.

jw