Lokales

Für den Erhalt der Streuobstkultur

Obst- und Gartenbauvereine: Probleme mit schlechten Preise und fehlenden Nachfolgern

Die Zukunft der Streuobstwiesen – und damit die Zukunft einer einzigartigen Kulturlandschaft – steht auf wackeligen Beinen. Dem Einsatz für den Erhalt der Streuobstwiesen gilt deshalb stärker denn je das Augenmerk der Obst- und Gartenbauvereine. Deren Kreisverband zog bei seiner Jahreshauptversammlung in Nürtingen Bilanz.

Nicole Mohn

Nürtingen. Die Sorge steht Joachim Kälberer ins Gesicht geschrieben. Noch stehen rund 800 000 Streuobstbäume im Kreisgebiet. Und trotz der Hagelschäden und des ungünstigen Witterungsverlaufs brachten es die Obstbauern im Gebiet der 34 Mitgliedsvereine immerhin auf 80 000 Tonnen Streuobst – knapp zehn Prozent der Menge, die deutschlandweit 2008 geerntet wurde. Doch die Zahlen sind seit Jahren rückläufig: „Es gibt immer mehr Probleme, Nachfolger zu akquirieren“, berichtet Altdorfs Bürgermeister, der seit 2007 Vorsitzender des Kreisverbands der Obst- und Gartenbauvereine Nürtingen ist.

Und nicht nur das: Wer seine Wiese umtreibt, tut das schon lange nicht mehr des Geldes wegen, sondern aus Liebe zur Natur. Vor allem im vergangenen Jahr bekamen die Obstbauern schlechte Preise für ihre Ernte: Zwischen vier und sechs Euro erzielten sie im Schnitt gerade einmal. Martin Weber, Vorsitzender des Arbeitskreises Obstbau, der für den im Wahlkampf befindlichen Fachberater des Landkreises Albrecht Schützinger über Witterungsverlauf und Erntequoten berichtete, forderte die Einführung eines Mindestpreises von zehn Euro pro Doppelzentner: „Das ist ein Rohstoffpreis von nur 14 Cent pro einem Liter Apfelsaft.“

„Das Bewirtschaften der Grundstücke ist seit Jahren ein Verlustgeschäft“, sagt auch Manfred Speidel. Nur trügen die Besitzer die Verluste selbst und gingen nicht zum Staat, spielte der Vorsitzende des Nürtinger Obst- und Gartenbauvereins mit Blick auf das milliardenschwere Banken-Rettungspaket an.

Schon ein Bruchteil der Summe könnte bei der Aufgabe, die Streuobstwiesen am Albtrauf zu erhalten, hilfreich sein. Allerdings: Auf Mittel aus Berlin kann der Kreisverband in seiner Arbeit kaum setzen. Unterstützung gibt es da schon eher aus Brüssel. Chancen bieten zum Beispiel der Fördertopf für das Biosphärengebiet und Überlegungen zur Ausweitung des Plenumprojekts „Ebbes guads“.

Doch Kälberer hat noch andere Ideen: Er brachte am Freitag erneut ein kreisweites Aufpreismodell nach Böblinger Vorbild ins Gespräch. Doch beim Landratsamt und Kreischef Heinz Eininger ist die Resonanz dazu bislang eher verhalten. „Wir möchten bestehende Projekte nicht beeinträchtigen“, erklärte Monika Klaus, beim Landwirtschaftsamt in Nürtingen für das Sachgebiet Produktion und Ernährung und damit auch für die Obstbauern zuständig, in Vertretung des Landrats. Man stelle aber Überlegungen an, wie man eine gute Lösung zustande bringe.

Hier heißt es also noch dicke Bretter bohren – wenn auch sonst die Zusammenarbeit gut sei, wie beide Seiten am Freitag betonten. Indes hofft Kälberer, dass eine eventuelle Wahl Schützingers zum Bürgermeister in Hochdorf keine Einschnitte bei der Stelle des Fachberaters nach sich zieht. „Wir brauchen die Fachberaterstelle auf Dauer“, betonte er. Die Aus- und Weiterbildung der Fachwarte sowie die Beratung allein auf Verbands- und Vereinsebene zu zoomen, sei nicht möglich, weist Kälberer darauf hin, dass Ehrenamt an seine Grenzen stößt.

Es gab aber auch viel Positives zu berichten: So brachte der Kreisverband beispielsweise einen Flyer he­raus, der für viel positive Resonanz sorgte. Äußerst gelungen sei auch die Werbeaktion im Freilichtmuseum gewesen, betonte Kälberer. Auch im Bemühen, das Wissen in den Vereinen weiterzutragen, hat der Kreisverband wieder einiges bewirken können: Sowohl bei der Fachwartausbildung als auch in den beiden Fortbildungskursen zählte der Kreisverband jeweils zwischen 50 und 70 Teilnehmer.

Das Wirken der Obst- und Gartenbauer bleibt nicht unbemerkt: Sowohl der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Hennrich als auch Nürtingens Oberbürgermeister Otmar Heirich und Monika Klaus in Vertretung des Landrates würdigten die Verdienste des Kreisverbandes als auch seiner Mitgliedsvereine: „Sie sind die Speerspitze beim Erhalt des Streuobstbaus in der Region“, bedankte sich Nürtingens Stadtchef in seinem Grußwort. Allerdings machte die Versammlung auch wieder einmal deutlich: Ohne die Unterstützung aus der Politik steht das viel beschworene Ehrenamt bei dieser Aufgabe auf verlorenem Posten.

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