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Für den Musiker erfüllt sich ein Lebenstraum

Der Titularorganist der wieder aufgebauten Dresdner Frauenkirche kommt aus Kirchheim. Bezirkskantor Samuel Kummer, 36, wird das Amt am 1. Juli 2005 übernehmen. Für den begeisterten Kirchenmusiker erfüllt sich damit ein Lebenstraum.

RICHARD UMSTADT

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KIRCHHEIM Im Frühsommer erfuhr der Kirchheimer Bezirkskantor aus der Zeitung, dass die Dresdner Frauenkirche einen ersten Organisten (Titularorganist) sucht. Der 36-jährige gebürtige Stuttgarter bewarb sich darauf hin und erhielt eine Einladung von der Findungskommission zu einem Bewerbungsgespräch Ende September in Dresden. Von den insgesamt 38 Bewerbern aus Deutschland, Norwegen und Frankreich hatte die Kommission neun ausgewählt und in die Elbmetropole gebeten. Vier davon wurden in die engere Wahl genommen, darunter Samuel Kummer, aber auch der Dresdner Professor Martin Strohhäcker.

Alle vier Organisten mussten sich im "Endspiel" bewähren. Dies bestand aus einer orgelmusikalischen Begleitung eines Gottesdienstes mit anschließendem Solokonzert in der Dreikönigskirche. Samuel Kummer saß dort am 8. November an der Orgel. Der Kirchheimer Bezirkskantor spielte in seinem Bewerbungskonzert Orgelliteratur aus Barock, Romantik und der Moderne und hatte am Ende des Konzertes über einen Bibeltext aus dem Alten Testament zu improvisieren. Dies war für den talentierten Kirchenmusiker kein Problem, denn in seiner sechsjährigen Kirchheimer Tätigkeit hatte er nicht nur Auslandskonzerte in Nord- und Mittelamerika sowie in den baltischen Ländern gegeben und beim Warschauer Bach-Festival konzertiert. Er komponierte auch und beschäftigte sich intensiv mit Improvisationen auf der Orgel. So gab Kummer zahlreiche Improvisationskonzerte, erinnert sei an dieser Stelle an die Orgelmusik zur Marktzeit oder an das Jahr der Bibel, aber auch an seine improvisierte musikalische anderthalbstündige Untermalung des Stummfilmes "Dr. Faustus" in Aalen.

Nach dem Bewerbungskonzert herrschte im Hause Kummer fünf Wochen Hochspannung. "Ich konnte mich während dieser Zeit dennoch gut auf die Paulusaufführung am ersten Advent konzentrieren", meinte der Bezirkskantor. Am 15. Dezember schließlich flatterte ein Brief aus Dresden auf den Tisch, der mit den Worten begann: "Der Stiftungsrat kann Ihnen die freudige Mitteilung machen, . . .". Offensichtlich hatte der kompetente Kirchenmusiker die Findungskommission überzeugt, der Stiftungsrat schloss sich einhellig deren Urteil an.

"Mein Kindheitstraum war es immer, Organist an einer großen, vielseitigen Orgel zu werden", erinnerte sich Samuel Kummer. Dieser frühe Wunsch geht nun in Erfüllung. Doch nicht nur der, denn es sei sein Lebenstraum gewesen, an der Feinabstimmung einer solchen Orgel beteiligt zu werden, und dies wird ab Juli in Dresden der Fall sein. Bekanntlich gab es in der Fachwelt seit Jahren einen großen Disput, welche Orgel denn in der wiederaufgebauten bedeutenden Dresdner Frauenkirche erklingen solle, die originalgetreue Kopie der vormaligen Orgel des bekannten sächsischen Orgelbauers Gottfried Silbermann oder ein Instrument, das von seinem Klang eine Synthese der Silbermann-Orgel und einer französischen symphonischen Orgel bildet. Die Orgelexperten spalteten sich in zwei Lager: die eine Seite plädierte für ein stilreines Silbermann-Instrument, die andere Seite argumentierte für die klangliche Synthese. Schließlich schlug das Zünglein an der Waage zugunsten der vom Klangreichtum breiter angelegten französisch symphonischen Orgel mit stilmännischen Elementen aus. "Ein Orgelbauer, der Ohren hat, bekommt das hin", ist sich Samuel Kummer sicher und denkt, dass der bedeutende Auftrag aus Dresden bei Daniel Kern aus Straßburg in den richtigen Händen ist. Die "Königin der Instrumente" mit den rund 4 000 bis 5 000 Pfeifen wird von dem Elsässer Meister ab Juli in der Dresdner Frauenkirche aufgebaut und der neue Titularorganist wird dann bei den Intonationsarbeiten mit von der Partie sein. "Ich bin optimistisch, dass es eine schöne Orgel wird", sagte Samuel Kummer, der sich schon jetzt darauf freut, auf dem Instrument die ganze Palette der Orgelliteratur vom Frühbarock bis zur Moderne spielen zu können. Der Bezirkskantor setzte sich mit allen Stilen auseinander und ist nicht nur im Barock beheimatet, weshalb er persönlich auch nicht für eine stilreine Barockorgel plädiert. Kummer weiß, nach einem so langen Orgelstreit sind die Erwartungen an das neue Instrument hoch.

Der Kirchheimer Bezirkskantor entstammt einem Pfarrershaus. "Wir sind viel durchs Hohenlohische gezogen", erzählte er. Nach seinem Studium an der Stuttgarter Musikhochschule absolvierte er ein Praktikum bei der Bezirkskantorin in Heidenheim, bevor er selbst in der Teckstadt zum Bezirkskantor ernannt wurde. Und jetzt der Sprung nach Dresden. "Wir haben uns in den sechs Jahren hier in Kirchheim intensiv eingelebt und lassen viele Freunde zurück", sagte Samuel Kummer, dem gestern seine Chormitglieder mit einem lachenden und einem weinenden Auge zu seiner neuen Stelle als erster Organist der wiederaufgebauten Frauenkirche gratulierten. Jetzt wird Dresden die neue Heimat der fünfköpfigen Kantorsfamilie. "Ich hab' in meiner Kirchheimer Zeit sehr viel in der Chorarbeit gelernt und bin hineingewachsen", erklärte Samuel Kummer, für den es wichtig ist, trotz aller Routine immer wieder neue Ideen zu kreieren und die Menschen für die Musik zu begeistern. Dies ist auch in der Frauenkirche sein Ansinnen. Dort trägt er die Verantwortung "für alles, was mit Orgel zu tun hat". Er will Organisten zu Konzertreihen einladen und internationale Orgel-Festivals veranstalten. Ihm schwebt vor, alle vier Jahre in Dresden einen Orgelwettbewerb zu veranstalten. "Die Voraussetzungen hierfür sind ideal und auch das Ambiente stimmt", schwärmt der Kirchenmusiker. In Abstimmung mit dem Stiftungsrat denkt er auch an Gastkonzerte internationaler Ensembles, Chöre und Orchester. Hinzu kommt die mit Kantor Matthias Grünert gemeinsame Ausgestaltung zahlreicher Festgottesdienste und die Oratorienaufführungen. Für Samuel Kummer stellt dies alles eine organisatorische Herausforderung dar, die gemeistert werden will, denn "die Welt blickt auf diese Kirche". Der neue Titularorganist weiß, dass er der Dresdner Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit gerecht werden muss. Für den engagierten Kirchenmusiker jedoch eher ein Grund zur Freude, denn zur Panik.

Das Einweihungskonzert der neuen Orgel der Dresdner Frauenkirche findet übrigens am 30. Oktober 2005 statt. Ein Tag, an dem Samuel Kummer sicher alle Register ziehen wird.