Lokales

Für die jungen Zuschauer verreisen Jim Knopf und Lukas nach Lummerland

AICHTAL-GRÖTZINGEN Wenn es einen gestressten schwäbischen Bauunternehmer namens Schäufele nebst zickiger Gattin nach Kastilien verschlägt, dann denkt man nicht gerade an eine der berühmtesten Geschichten der Weltliteratur und ihren tragikomischen Helden Don Quijote. Helmut Schorlemmer schon: Der Regisseur inszeniert den Klassiker nach Miguel de Cervantes' Romanvorlage für das Ensemble des Naturtheaters Grötzingen, wie er selbst sagt, als "Abenteuerurlaub" für den Unternehmer mit Burnout-Syndrom. Am Samstagabend feiert diese ungewöhnliche Adaption von "Don Quijote von der Mancha" Premiere auf der Freilichtbühne am Grötzinger Galgenberg. Nicht weniger abenteuerlich wird es für die jungen und jung gebliebenen Fans: Für sie bringt die Amateurbühne "Jim Knopf, Lukas der Lokomotivführer und die Wilde 13" auf die Bühne.

Anzeige

NICOLE MOHN

Don Quijote? Das ist doch der mit den Windmühlen. Viel mehr, gibt Barbara Koch, künstlerische Leiterin des Theaters, gestern bei einem Pressegespräch im Grötzinger Spielerheim zu, habe auch sie vom berühmten Werk Cervantes' nicht gewusst, als vor rund einem Jahr bei der Suche nach dem nächsten Stück die Entscheidung auf den Ritter von der traurigen Gestalt fiel. Auch Gastregisseur Schorlemmer, der schon "D'Artagnan und die drei Musketiere" und "Casanova" auf dem Galgenberg inszenierte, vertiefte sich zunächst in den Roman. Eine "Geschichte mit nahezu biblischen Ausmaßen", die sich in Reinform nicht im Theater spielen lasse. In seiner Bühnenfassung versucht er deshalb, die bekannten Elemente der Geschichte auf die Bühne zu bringen. "Da ist Sancho, der treue Knappe mit seiner Bauernschläue, das Ross Rosinante und natürlich die schöne Dulcinea", sagt er.

Gepackt hat er den Klassiker in eine moderne Rahmenhandlung. Da ist der schwäbische Bauunternehmer Schäufele (Werner Bez), der auf einem Selbsterfahrungstrip mit seiner Gattin Elsbeth (Sandra Severin) quer durch Spanien reist und eben in jenem Argamasilla de Alba landet, in dem Don Quijote geboren sein soll. Bestrebt, den Tourismus anzukurbeln und so das heruntergekommene Dorf wieder etwas aufzupolieren, bieten die Bewohner dem Gast aus Deutschland an, in die Rolle des berühmten Ritters zu schlüpfen. Und dabei lassen sie sich einiges einfallen.

Begeistert hat Schorlemmer an der Geschichte Cervantes' vor allem, dass der Held seine Träume lebt. "Jeder von uns trägt doch, wenn er ehrlich ist, in seinem Herzen den Wunsch mit sich herum, ab und an jemand anderes zu sein", sagt er. "Don Quijote" sei ein Stück, in dem sich jeder wiedererkennen könne. Das nicht platte Comedy oder das rein Tragische zeigt, sondern das Leben mit all seinen lustigen und nachdenklich stimmenden Seiten. Dazu gibt es ganz in der Tradition der Grötzinger Freilichtbühne Musik und Flamencotanz.

Von den heißen Ebenen Kastiliens geht es nach Lummerland, wo Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer, auf der Lokomotive Emma ihre Runden drehen. Barbara Koch hat sich in diesem Jahr für die Inszenierung des Kinderstücks entschieden und sich mit Michael Endes Geschichte rund um das Findelkind und seine Freunde ebenso einen Klassiker unter den deutschen Kinderbüchern ausgesucht. Dass man mit dem Stück, das die Augsburger Puppenkiste einst bekannt machte, einen Titel habe, der "ziehe", war für die Regisseurin allerdings nur ein schöner Nebeneffekt: "Schön ist, dass die Kinder hier nicht nur Statisten sind, sondern eine der vielen kleinen Rollen besetzen können", sagt sie.

Nach drei Jahren mit dem Erwachsenen-Ensemble hat sie sich auf die Arbeit mit den Kindern besonders gefreut, wie sie zugibt: "Kinder gehen viel unbefangener an die Rollen heran", ist ihre Erfahrung. Und so genießt sie die Zeit mit ihren rund 30 Darstellern derzeit nach Kräften. Mit dem zehnjährigen Falk Speier fand sich dieses Mal ein sehr junger Hauptdarsteller. Bei ihm macht die ganze Familie mit: Der Vater baute sogar Emma, die wackere Lokomotive, unter deren Blechkleid sich ein Aufsitzmäher versteckt.

Ohnehin sind die Bühnenbauten, Kostüme und Requisiten in diesem Jahr so aufwendig wie noch nie. Neben Windmühle und Kaiserpalast entwarfen die Bühnenbauer um Günter Klock eine große Drehbühne, um Jim Knopfs und Lukas' Reisen mit Emma zu illustrieren. Rund 500 Stunden saßen auch Kostümbildnerin Helga Puth und ihr Team an den Nähmaschinen, um die bunten, fantasievollen Kostüme von Chinesen, Piraten und Drachen zu schneidern.

Der Spielplan für das Kinder- als auch das Erwachsenenstück ist 2005 wieder dicht gepackt: Nach den Premieren für Don Quijote am Samstag, 11. Juni, 20.30 Uhr, und Jim Knopf am Sonntag, 12. Juni, 15 Uhr, wird am Galgenberg wieder zehn Wochen lang Theater gespielt. Insgesamt sind pro Stück wieder 16 Vorstellungen angesetzt. Schon jetzt sind die Mittwochnachmittag-Termine für Schulen und Kindergärten nahezu ausgebucht, sagt Sandra Severin, zuständig fürs Marketing beim Naturtheater.

So sind die Theaterleute von Grötzingen recht optimistisch, in diesem Jahr die 20 000-Zuschauer-Marke wieder zu knacken. "Unser Ziel sind 22 222 Zuschauer", verrät Sandra Severin. Näheres zur Spielzeit erfährt der Interessierte unter www.naturtheater-groetzingen.de oder unter Telefon (0 71 27) 5 03 80.