Lokales

Für Notfälle gewappnet sein

Die Umsetzung des Tagesbetreuungsausbaugesetzes sorg-te in der jüngsten Sitzung des Notzinger Gemeinderates für umfangreiche Diskussionen. Mit acht Ja-Stimmen einigte sich die Mehrheit des Gremiums auf das Angebot, bei Bedarf und genügend freien Plätzen Kinder ab zwei Jahren im Kindergarten aufzunehmen.

IRIS HÄFNER

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NOTZINGEN Bedarf besteht zurzeit in Notzingen keiner, Kinder im Alter unter drei Jahren im Kindergarten betreuen zu lassen. Dies ergab eine Umfrage der Gemeinde. Allerdings hat nach Auskunft von Bürgermeister Flogaus eine Mutter gefordert, dass für ein solches Angebot eine eigene Gruppe eingerichtet gehöre. "Diese Mutter hat messerscharf erkannt, dass ein so kleines Kind bei den Älteren total untergeht. Meiner Ansicht nach gehören Kleinkinder entweder zu Mutter oder Vater", stellte Günter Barz seinen Standpunkt nochmals unmissverständlich klar. Schon in der vorherigen Sitzung vertrat er die Ansicht, dass "solch kleine Hosenscheißer" in einem Kindergarten nichts zu suchen haben. Bislang galt in der Bodenbachgemeinde als wichtiges Aufnahmekriterium in den Kindergarten, dass die kleinen Aspiranten "trocken" sind, um den Erzieherinnen Arbeit zu ersparen, die anderweitig sinnvoller eingesetzt werden könnte.

"Ich bin gespaltener Auffassung", gab Jochen Flogaus zu. Er hat die Befürchtung, dass bei einer geänderten Gesetzeslage die Erzieherinnen von heute auf morgen komplettes Neuland betreten müssten, ohne vorher Erfahrung sammeln zu können. "Ich plädiere deshalb dafür, die Kleinkinder bei Bedarf aufzunehmen. Durch die Praxis wird sich zeigen, ob dieses Experiment funktioniert oder nicht", so seine Einschätzung.

Ganz ähnlich sieht es auch Herbert Hiller. "Ob die Kinder schon für den Kindergarten geeignet sind oder nicht, wollen und können wir im Gemeinderat nicht entscheiden. Wenn Eltern dies ihren Kindern zumuten wollen, ist das deren Angelegenheit", sagte er. Zudem will er auch nicht als Fortschrittblockierer dastehen.

Hans-Joachim Heberling sieht in dem Angebot eine Chance, für die Zukunft lernen zu können. "Es gibt Berufe, bei denen man nach drei Jahren raus ist, weil die Entwicklung so schnell läuft", sieht er als einen möglichen Grund, weshalb Eltern ihr Kind schon frühzeitig abgeben. "Der Kindergarten funktioniert doch jetzt bei Drei- und Sechsjährigen in einer Gruppe auch. Das halbe Jahr reißt es auch nicht mehr heraus", so seine Ansicht. Schwierigkeiten sieht er allerdings darin, dass die kleinen Kinder noch nicht sauber sind. "Das ist eine völlig andere Arbeit für die Erzieherinnen als bisher", so sein Argument.

Ganz so dramatisch sieht es Helga Merz nicht. "Wie in der Familie kümmern sich die Großen um die Kleineren. Den gesellschaftflichen Änderungen muss man Rechnung tragen", erklärte sie. Das Angebot müsse in Notzingen bestehen, damit Eltern in Notsituationen darauf zurückgreifen können. "Wer es nicht machen muss, tut es auch nicht", ist Helga Merz überzeugt.

Dem konnte sich Günter Barz nicht anschließen. "Es ist einfach nicht o.k., die Veränderungen auf die Schwächsten abzuladen", sagte er. Wenn die Kinder vier oder gar fünf Jahre im Kindergarten verbringen müssten, würde es ihnen irgendwann langweilig werden. "Es muss eine andere, politische Lösung geben, die dann aber auch Bund und Land entsprechend mittragen", stellte er klar. Auf die Erzieherinnen würden bei der derzeitigen Lösung gewaltige Veränderungen zukommen, da die Kinder zudem in den seltensten Fällen sprechen könnten.

"Der Rechtsanspruch kommt über kurz oder lang. wir sollten deshalb schon im Vorfeld gewappnet sein", so die Überzeugung von Bürgermeister Flogaus. Dieser Meinung konnten sich acht Gemeinderäte anschließen, fünf jedoch waren dagegen, die Gruppen für die Kleinkinder zu öffnen.