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Funkenflug aus dem Bregaglia-Tal

KIRCHHEIM Man nehme vier erste Preisträger aus dem Bundeswettbewerb "Jugend musiziert", schicke sie ins schweizerische Bergell zu einem Intensivkurs und fertig ist das Meisterquartett. Jeder, der das jüngste Kulturring-Konzert miterlebt

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GERHARD FINK

hat, würde einer so schlichten "Gründungslegende" keinen Glauben schenken: Die Zusammenführung von vier kompetenten Instrumentalisten ist gewiss eine unverzichtbare Voraussetzung, aber längst noch keine Garantie für erfülltes Quartettspiel.

Da darf für solistische Eitelkeit und Profilierungssucht kein Platz sein, stattdessen ist die Freude am Musizieren in der Balance unerlässlich, die Fähigkeit, Führungsarbeit zu leisten und sich dann selbstverständlich wieder zurückzunehmen. Und zu alledem muss auch rein menschlich die Chemie stimmen. Timo und Angelo de Leo, Simona Mateescu und Janina Ruh haben in acht Monaten Probenarbeit jedenfalls einen Grad der Verschmelzung erreicht, der Staunen erweckt und zu den schönsten Hoffnungen berechtigt.

Bereits das spannungsgeladene Allegro con brio aus Beethovens Quartett F-Dur op.18 Nr. 1 machte deutlich, dass die jungen Leute nicht bei einer "artigen" Text-Exegese stehen bleiben: Beethovens wilder Einbruch in die klassisch geordnete Quartettlandschaft des ausgehenden 18. Jahrhunderts wird mit energischem Zugriff nachvollzogen, das enorme Wandlungspotenzial des beherrschenden Kopfmotivs mit viel Sinn für Dramaturgie aufgezeigt.

Der musikantische Zug in Dvoraks berühmtem "amerikanischen" Quartett, der Schuss "Exotik", der ihm beigemengt ist, prädestiniert dieses Spätwerk auch für die Wiedergabe durch junge Spieler. Nicht selbstverständlich freilich ist, mit welcher Empfindsamkeit das Bregaglia-Quartett die emotionalen Tiefen dieser auch vom Heimweh diktierten Musik auslotete. Timo de Leo nutzt überdies das leichte Übergewicht des Primoparts trefflich, um die Klangfülle seines herrlichen Instruments zur Geltung zu bringen.

Das Mirakel des Abends aber vollzog sich nach der Pause: Was sich im Kopfsatz von Haydns G-Dur-Quartett aus op. 64 wunderbar gelassen, sorgfältig in der Phrasierung, tonlich makelloses musiziert ankündigte, wurde im abschließenden Quartett D-Dur KV 575 zur Offenbarung: Endzeitlicher Mozart ohne Schnörkel, ganz konzentriert auf die geistreiche Konversation der vier Instrumentalisten.

Da gibt es keine beherrschenden rhythmischen Schubkräfte, keine vordergründige Emotionalität. Selbst der Hauptsatz ist im Grunde monothematisch angelegt und verzichtet auf eine echte Durchführung. Ein Mozart des Ebenmaßes, der geistvollen Eleganz und apollinischer Schönheit, den man gemeinhin erst Ensembles zutraut, die zumindest in der "Graue-Schläfen-Phase" angelangt sind.

Die Perfektion, mit der die jungen Virtuosen Geist und Materie dieses "Preußischen Quartetts" zur Geltung brachten, macht einfach sprachlos. Vor wenigen Wochen gab es für diese Darbietung den 1. Landespreis "Jugend musiziert", gekoppelt mit der Höchstpunktzahl 25 und garniert mit dem Förderpreis des Sparkassenverbandes.

Die Kirchheimer Konzertbesucher hätten im Rundsaal des Schlosses sicher noch einen Punkt dazugegeben als Ausdruck dafür, dass man sich ein "Noch besser" in der Alterklasse von 14 bis 19 Jahren ganz einfach nicht mehr vorstellen kann.