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Funktioniert Landwirtschaft und Naturschutz?

Nicht erstmals zu Gast im Naturschutzzentrum Schopflocher Alb waren Naturschützer und Landwirte, um gemeinsam Lösungen zu finden, die ein erfolgreiches Nebeneinander von Naturschutz und Landwirtschaft ermöglichen.

RUDOLF STÄBLER

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LENNINGEN Matthias Berg, Erster Landesbeamter beim Landkreis Esslingen, machte nach der Begrüßung klar, dass die Lage der Landwirte, aber auch die der Naturschützer nicht einfach sei. So wolle man den Diskussionsabend auch nicht überfordern. Nahezu hellseherische Fähigkeiten bewies Berg mit seiner Aussage, "wir werden eventuell keine Ergebnisse erzielen, aber vielleicht doch neue Erkenntnisse gewinnen."

Der Vertreter der Landkreisbehörde erinnerte daran, dass die Diskussionsforen im Naturschutzzentrum mittlerweile zur guten Tradition geworden seien. Die Anregung, ein Thema öffentlich kontrovers zu diskutieren, kam vor einigen Jahren aus dem Beirat des Naturschutzzentrums. So wurden seit 2001 die Themen Naturpark, Wasserkraftnutzung, Landschaftsverbrauch und Freizeitsport diskutiert. Ziel der Veranstaltungen ist ein offener Informations- und Meinungsaustausch zwischen Vertretern unterschiedlicher Interessengruppen, Fachleuten, Betroffenen und Interessierten.

"Erfolgreicher Naturschutz erfordert eine funktionierende landwirtschaftliche Infrastruktur." Dieser Satz steht in den Leitlinien der Naturschutzpolitik in Baden-Württemberg. Berg sah dies vor dem wenig ermunternden Hintergrund, dass in Baden Württemberg jährlich drei Prozent der landwirtschaftlichen Betriebe ausscheiden, "theoretisch wären wir in 33 Jahren bei null." Vor diesem Hintergrund müsse man sich schon Gedanken machen, wie das mit der Landwirtschaft auch hier im Kreis Esslingen weitergehen soll. So steht auf der einen Seite das Recht des Landwirts auf Berufsausübung und Broterwerb. Dazu gehöre natürlich auch eine intensive Düngung und Anwendung von Spritzmitteln. Auf der anderen Seite stehen Natur und Naturschutz mit immer länger werdenden Listen von aussterbenden Tieren und Pflanzen und immer neuen Schutzgebieten.

Die Seite der Landwirte vertrat bei diesem Forum der Bissinger Hans Ederle, Mitglied im Vorstand des Kreisbauernverbandes Esslingen. Für seinen Betrieb könne er eine Kostendeckung lediglich mit den Ausgleichsabgaben der EU erzielen. Einen Weiterbestand des Hofes sah er nur dann für möglich an, wenn die Landwirte wieder Perspektiven erhalten würden. Hervorragendes Obst oder Qualitätsfleisch seien beim Verbraucher kaum gefragt, da natürlich die Qualität einen entsprechenden Preis habe. "Wenn hier der Verbraucher nicht umdenkt, stirbt die Landwirtschaft". So gebe es im Kreis immer mehr Nebenerwerbslandwirte und ansonsten seien nur noch Dienstleistungen von den Bauern gefragt. "Wir Landwirte stehen mit dem Rücken zur Wand", war sein Fazit.

Dr. Gerhard Bronner, stellvertretender Vorsitzender des Landesnaturschutzverbandes sah die Aufgabe der Landwirte nicht nur darin, Nahrungsmittel zu produzieren, sondern auch einen Beitrag für Naturschutz und auch den Fremdenverkehr zu leisten. Gleichzeitig stellte er die Ausweisung weiterer Schutzgebiete in den Raum, und dass von den Naturschützern auch noch Flächen an Bächen und Flüssen eingefordert werden. "Die brauchen wieder mehr Platz."

Cornelia Kästle vom Regierungspräsidium, Abteilung Landwirtschaft, warf die Frage auf, ob die Landwirtschaft als Flächennutzer auch den Naturschutz nutzen kann. Landeskonservator Reinhard Wolf bezeichnete die Region als eine der schönsten Gegenden in Baden-Württemberg. "Und diese Gegend ist durch die Landwirtschaft geschaffen worden." Allerdings warnte er vor den schleichenden Veränderungen, die nicht wahrgenommen werden, da der Wandel über Jahrzehnte gehe. So sind seit hundert Jahren die Wacholderheiden um 75 Prozent zurückgegangen und "fast keiner hat es gemerkt." Den Forumsteilnehmern schrieb er ins Stammbuch, dass die Landwirtschaft gefördert werden müsse, denn ohne diese könne nichts erhalten werden. So fördere man zum Beispiel Großmärkte und der heimatliche Markt verkümmere.

In der anschließenden ausführlichen Diskussion kamen auch die Bürgermeister Haußmann, Schlecht und Kümmerle zu Wort. Deren Vorschlag zur besseren Pflege der Streuobstwiesen war, das Baurecht für die Hobbylandwirte etwas zu lockern. Mit einer kleinen Geschirrhütte auf den betreffenden Grundstücken könne man auch wieder die jüngere Generation zur Pflege der Bäume auf die Wiese bringen. Die Unterhaltung und Pflege der Streuobstwiesen sollte dabei auch mit "etwas Geld" unterstützt werden. Die "Altpfleger" sterben nämlich weg, war sich die "Schultesriege" einig.

Abschließend sah sich Matthias Berg bestätigt ein Konsenz war nicht erreicht, "aber vielleicht wurden Lösungswege aufgezeigt."