Lokales

Fußangeln kurz vor dem Ziel

Bissingen favorisiert Richtfunk für Ochsenwang – Bürger wollen keine weiteren Antennen

Weil die Telekom, der „rosa Riese“, das Albdörflein Ochsenwang links liegen lässt, sucht die Gemeinde verzweifelt nach einer anderen Lösung, die schnelle Datenautobahn DSL nach „oben“ zu bringen. Richtfunk der Firma Overturn Technologies wäre solch eine preisgünstige, rasch zu verwirklichende Variante. Doch wie sich in jüngster Ratssitzung herausgestellt hat, wollen die Ochsenwanger weder zusätzliche Antennen an ihren Häusern noch Funkmasten in der Landschaft.

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richard umstadt

Bissingen. Bissingens Bürgermeister Wolfgang Kümmerle setzte auf Transparenz durch Information und erntete bei den rund 90 Ochsenwanger Zuhörern Unverständnis, Frustration und Verärgerung. Denn erst am Ende des sich über rund drei Stunden hinziehenden Tagesordnungspunktes „Breitbandversorgung Ortsteil Ochsenwang“ kristallisierte sich heraus, dass aufgrund einer Ausschreibung das Rennen für die Gemeinde bereits gelaufen ist. Sowohl die Verwaltung als auch die Clearingstelle Baden-Württemberg und die Breitbandberatung Baden-Württemberg favorisieren den AvioDSL-Richtfunk-Anbieter Overturn Technologies aus Langenbach bei Freising, mit 19 790 Euro preisgünstigster Bieter. Das Ergebnis bindet laut EU-Recht und Förderrichtlinien den Bissinger Gemeinderat bei seiner Vergabe. Würden Bürgervertreter und Verwaltung Overturn Technologies den Auftrag erteilen, könnten sie mit maximal 7 600 Euro Fördergelder rechnen.

Laut Richard Kulzer und Andreas Westermaier, den Vertretern des Richtfunk-Anbieters, müssten in der Nähe der Ziegelhütte auf den Gereut eine etwa drei Meter hohe Antenne gesetzt und auf dem Bühl oder am Flutlichtmast bei der Ochsenwanger Schule ein weiterer „Spiegel“ angebracht werden. Eine AvioDSL- Antenne wäre auch an den Häusern der Kunden zu installieren, das Internetkabel ins Innere zu führen und ins Avio-Netzteil zu stecken. So müsste sich beispielsweise in einem Fünf-Familien-Haus jeder Haushalt seine eigene Antenne aufs Dach setzen.

„Wir können innerhalb von drei Monaten anschließen“, versicherte Richard Kulzer den Ochsenwangern. Die im Angebot von Overturn beschriebene Leistung beträgt 6 MegaBit/s, wobei Kulzer eine jährliche Verfügbarkeit von 98,5 Prozent vertraglich zusicherte. Der Vertrag komme erst dann zustande, wenn der Kunde an die schnelle Datenautobahn angeschlossen sei und im Internet nach Herzenslust und ohne Einbußen surfen könne.

Allein, die Mehrzahl der potenziellen Ochsenwanger Internetkunden misstraut offensichtlich einer Verbindung via Richtfunk und liebäugelt immer noch mit dem Breitbandkabel. Eine schnelle DSL-Verbindung auf die Alb per Kabel bot die Firma mvox aus Garching der Gemeinde an. Das bundesweit agierende Unternehmen entwickelte dem Gründungsmitglied Libor Studnicka zufolge eine eigene neue Übertragungstechnik, die es ermöglicht, auch bei Leitungslängen von rund zehn Kilometer noch DSL zu bekommen. Sie ist funkunabhängig, denn sie nutzt die bereits vorhandenen Telefonleitungen. Dabei bot Studnicka zwei Varianten an: Die erste Angebotsvariante bringt 1 bis 2 MBit/s und kostet die Gemeinde 25 000 Euro, die zweite – nicht im Angebot enthalten – leistet 6 MBit/s und wäre doppelt so teuer. Letzteres ist theoretisch möglich, weil Telekom seit 2009 Mitbewerbern Zugang zu ihrem Schaltverteiler vor Ort gewähren muss. „Dann können wir mehr als 1 MBit anbieten, vorausgesetzt, Telekom macht mit“, wies Libor Studnicka auf Erfahrungen in der Praxis hin.

Auf die Frage des Ochsenwanger Ratsmitglieds Andreas Allmendinger, ob denn Funkmasten im Landschaftsschutzgebiet Gereut genehmigt würden, ging Bürgermeister Kümmerle von einer Befreiung durch die Untere Naturschutzbehörde aus. Mit der Stadt Weilheim spreche er seit einem Jahr immer wieder über das Thema Breitbandversorgung von Hepsisau und den Anschluss Ochsenwangs, antwortete er auf Gemeinderat Joachim Maszurims Frage. Ursprünglich war daran gedacht, ein Breitbandkabel von der Abzweigung der Landesstraße zwischen Weilheim und Neidlingen in die Zipfelbachgemeinde zu führen. Und zwar in einem Geh- und Radweg, den das Land bauen soll. Doch zurzeit bewege sich nichts. Nachdem der rosa Riese ihm die kalte Schulter zeigte, wollte Bissingens Verwaltungschef nicht länger auf den rosa Riesen und auf „weitere Wenns und Abers“ warten. Er plädierte dafür, die Eduard-Mörike-Gemeinde rasch per Avio DSL-Richtfunk anzuschließen. „Ansonsten müssten Sie neu ausschreiben und die Zuschüsse wären weg“, sagte Dr. Waldemar Weiß von der Breitbandberatung. Er hatte die Ausschreibungsergebnisse fachlich bewertet. Außerdem wies er auf verschärfte Förderrichtlinien für 2010 hin. Sie würden eine zeitnahe DSL-Anbindung Ochsenwangs erheblich verzögern.

Sollte die Untere Naturschutzbehörde allerdings ihren Segen zu einem Richtfunkmasten im Landschaftsschutzgebiet um Ochsenwang versagen, so wären Richtfunkanbieter wie Overturn, eifel-net oder die Telekom mit einem Schlag aus dem Rennen und es müsste tatsächlich neu ausgeschrieben werden. Die Verwaltung sagte deshalb zu, diese Frage umgehend mit dem Landratsamt zu klären. Auch mvox erhielt seine Hausaufgabe. Die Firma soll das Netz prüfen. „Das hätten Sie doch vorher klären können“, wetterte ein erboster Ochsenwanger. „Jetzt sitzen wir schon drei Stunden hier und sind immer noch nicht weiter gekommen.“ Diese Attacke trieb Gemeinderat Rainer Merkle die Zornesröte ins Gesicht: „Die Verwaltung hat den günstigsten Bieter, der auch die größte Leistung bringt, vorgestellt. Der zweite Bieter kostet 50 000 Euro oder noch mehr und dieses Geld hat die Gemeinde nicht. Wenn wir neu ausschreiben müssen, kann eine Lösung drei Jahre dauern“, verteidigte Merkle das Vorgehen der Kommune. Ähnlich sah es auch ein Bürger im Saal: „Wenn wir das zerreden, haben wir in ein paar Jahren erst recht nichts.“

Dennoch ist das Thema noch nicht entscheidungsreif. „Wir wollen Ochsenwang nichts aufzwingen“, beruhigte der Schultes. Deshalb sondieren nächste Woche die drei Ochsenwanger Gemeinderäte die Meinungen der Internetinteressierten aus dem Mörike-Ort und vertreten diese am 23. März bei der entscheidenden Ratssitzung.