Lokales

Fußball bringt Freude ins Leben

Warum viele Tore auf der richtigen Seite antidepressive Wirkung haben

Das Sommermärchen von 2006 erlebt derzeit eine Renaissance. Die Fußball-WM im fernen Südafrika versetzt die Region um die Teck in Festlaune. Längst ist klar: Fußball ist mehr als ein Spiel. Für manch einen bringt König Fußball die Freude zurück ins Leben, und das nicht nur während der WM-Wochen. Das bestätigt Dr. Hans Dannert, Facharzt für Psychiatrie im Klinikum Kirchheim-Nürtingen sowie im MVZ Kirchheim.

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Irene Strifler

Der Sommer ist da, die deutsche Elf steht im Viertelfinale: Hat der Fußball entscheidenden Einfluss auf die Stimmung im Land?

DR. DANNERT: Selbstverständlich! Schauen Sie sich einfach nur um: Die Leute strahlen, gute Laune ist spürbar. Das war schon nach dem Australienspiel so und selbst das Serbienspiel konnte der guten Grundstimmung nur einen kleinen Dämpfer versetzen. Fußball ist derzeit auch ein gutes Thema, über das man bestens ins Gespräch kommt, selbst mit wildfremden Menschen.

Stellen Sie einen Zusammenhang zwischen der Gemütslage Ihrer Patienten und den WM-Ergebnissen fest?

DR. DANNERT: Ja, vor allem bei Menschen mit leichten Erkrankungen ist ein positiver Effekt zu bemerken, also dann, wenn die Depression nicht so stark ausgeprägt ist. In den Depressionsgruppen ist Fußball daher momentan ein großes Thema.

Wirkt sich die bislang gute Arbeit von Jogis Jungs auch auf Ihre persönliche Stimmung aus?

DR. DANNERT: Unbedingt! Bei mir ist da ein deutlicher Einfluss zu spüren, weil ich selbst ein eingefleischter Fußballfan bin und viel mit meinem Sohn auf der Straße kicke.

Zurück zu den Patienten: Reduziert eine erfolgreiche Fußball-WM die Zahl der Depressionen?

DR. DANNERT: Da muss man unterscheiden: Bei einer mittelschweren bis schweren Depression haben selbst grandiose Fußballspiele wohl keinen Effekt. Das Thema Fußball benutzen wir daher durchaus auch als diagnostisches Instrument, denn Freudlosigkeit und Rückzug sind ein Kennzeichen schwerer Depressionen. Ein Beispiel aus der Praxis: Ein junger Patient, der vor vier Jahren kein WM-Spiel ausgelassen hat, hat mir erzählt, dass er heuer nur die erste Halbzeit des Australienspiels angeschaut hat und dann ins Bett gegangen ist. Dieses Verhalten ist sehr aussagekräftig.

Wie nachhaltig kann die positive Wirkung von Fußball sein?

DR. DANNERT: Eine rundum gelungene WM-Erfahrung kann bei leichteren Fällen tatsächlich den Durchbruch bedeuten: Man hat dann mal wieder erlebt, was es bedeutet, sich richtig zu freuen. Das ist was wert.

Stecken darin auch Gefahren, drohen beispielsweise manische Phasen in der Euphorie?

DR. DANNERT: Schwer zu sagen, denn in manischen Phasen kommen die Menschen ja normalerweise nicht Hilfe suchend zu uns. Grundsätzlich können mit großer Euphorie schon manische Züge einhergehen, das kennt man ja beispielsweise in Situationen akuter Verliebtheit. Das hat gefährliche und gute Seiten: Wenn man euphorisch ist und diese Begeisterung auszuleben versteht, kann das auf jeden Fall eine Chance sein.

Wie wichtig ist das kollektive Erleben der WM?

DR. DANNERT: Ganz wichtig. Gemeinsame Freude wirkt verstärkend. Wir Menschen sind soziale Wesen. Das ist ja ein Grundzug der Depression: Wer depressiv ist, zieht sich zurück, das verstärkt dann wieder die Depression und so weiter. Public Viewing hat ganz klar einen antidepressiven Effekt. Das gilt natürlich auch für andere Großveranstaltungen wie zum Beispiel den Kölner Karneval. So gesehen, kann man nur jedem raten, zum Public Viewing zu gehen.

Und wie halten Sie‘s?

DR. DANNERT: Mal so, mal so. Das Australienspiel habe ich in Gesellschaft beim Anlagensee in Tübingen gesehen, das war ein klasse Erlebnis. Aber manche Spiele schaue ich auch zu Hause im Fernseher an.

Ihr Tipp fürs Viertelfinale Deutschland gegen Argentinien?

DR. DANNERT: 3:2 für Deutschland!

Und wer wird Weltmeister?

DR. DANNERT: Deutschland! – Naja, vielleicht auch Spanien oder Argentinien, die spielen wirklich auch tollen Fußball.