Lokales

Gäste aus Polen "neugierig" auf Deutschland

Sie sind bereits auf der Rückreise nach Polen, im Gepäck viele Eindrücke aus dem Kreis Esslingen und dem Ländle. Die 14 Schülerinnen und Schüler aus dem polnischen Pruszkow bei Warschau und ihre beiden Lehrkräfte haben ein umfangreiches Besuchsprogramm absolviert.

WENDLINGEN Beim Gespräch in der Geschäftsstelle ihrer Gastgeber, dem Kreisjugendring Esslingen (KJR), gab's gutgelaunte Gesichter. Die Jugendlichen beteuerten, dass ihnen Deutschland die Reise Wert war. Dass nicht alles pures Gold war, was da glänzte, räumten die Verantwortlichen auf polnischer wie auf deutscher Seite freimütig ein.

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Die Beziehungen des Kreisjugendrings nach Pruszkow reichen bis Ende der sechziger Jahre zurück, erinnerte sich Kurt Spätling, der Geschäftsführer des KJR. Die Kontakte zu der Schule in Pruszkow sind bei weitem nicht so alt, währen aber auch schon länger als die Partnerschaft, die der Landkreis Esslingen im Frühjahr 2001 offiziell besiegelt hat.

Seit 1995 arbeiten Schüler aus Pruszkow sowie Auszubildende von der Esslinger Friedrich-Ebert-Schule und der Nürtinger Philipp-Matthäus-Hahn-Schule an der Restaurierung eines jüdischen Friedhofs in der polnischen Stadt. Jedes Jahr reist eine Gruppe von Lehrlingen des Bauhandwerks aus Esslingen und Nürtingen nach Pruszkow, um gemeinsam mit ihren polnischen Altersgenossen das Projekt voranzutreiben. Zuletzt waren zehn deutsche Lehrlinge im Mai in Polen. Zum Gegenbesuch kamen die polnischen Jugendlichen nun nach Deutschland.

Gerhard Voß, ehemals im KJR-Vorstand und heute immer noch verantwortlich für die Projektleitung, ist mit den Fortschritten zufrieden: "Wir haben 1995 mit der Entrümplung des Friedhofs und seiner Gebäude begonnen, einen Anbau neu erstellt, das Dach neu gefertigt und nun mit Fliesarbeiten und dem Innenausbau begonnen." In drei Jahren will man fertig sein, dann soll das Gebäude für Dokumentationen nutzbar sein.

"Die deutschen Jugendlichen, meist in Ausbildungen als Maurer, Zimmerleute, Flaschner oder Stukkateure, profitieren von den Arbeiten, weil sie Erlerntes in die Praxis umsetzen können", sagt Voß über das Projekt. Dem Pfarrer und Lehrer ist aber viel mehr noch der Aspekt der Völkerverständigung und die Auseinandersetzung mit Geschichte wichtig.

Doch eben mit der Begegnung zwischen den Jugendlichen scheint es in letzter Zeit etwas zu hapern. Als Ursache sehen die Verantwortlichen beider Seiten einen Wechsel im Profil der Schule in Pruszkow, wie die Lehrerin Beata Pawlak erklärt: "Früher war die berufliche Schule noch eher praktisch orientiert, jetzt hat sich wegen einer veränderten Nachfrage der Schwerpunkt auf Ausbildungsgänge zur Mittleren Reife und zum Abitur hin verlagert." Die Berufsausbildung werde nun größtenteils von den Betrieben übernommen.

Die in Deutschland verheiratete Schwester der Lehrerin, Renata Weber, hat die Jugendlichen als Dolmetscherin begleitet und weiß um die Probleme: "Die Deutschen gehen professionell an die Arbeiten heran, während den polnischen Jugendlichen nicht viel mehr übrig bleibt, als die Hecken zu schneiden." Dass unter diesen Bedingungen auch die Verständigung nach der Arbeit leidet, wundert nicht.

Auch Voß ist damit nicht zufrieden, das Projekt an sich sieht er aber nicht in Frage gestellt. Spätling beton: "An solchen inhaltlichen Projekten wollen wir trotz Budgetierung und Sparzwang auch in Zukunft keine Abstriche machen." Immer noch existierende Vorurteile mit solchen Besuchen und Gegenbesuchen abzubauen, ist dem Geschäftsführer des Kreisjugendrings wichtig. Spätling sieht allerdings auch die Notwendigkeit, das Konzept der Begegnung zu überarbeiten. Wertvolle Erfahrungen bleiben für die Schüler auf beiden Seiten dennoch hängen. Voß zitierte einen der deutschen Lehrlinge, den 17-jährigen Stefan: "Polen war eine Erfahrung fürs Leben, ich habe viel über die Menschen und das Land erfahren und bin als Deutscher gut aufgenommen worden." Eine polnische Altersgenossin meinte: "Die Verständigung funktionierte trotz Sprachbarrieren."

nz