Lokales

Ganz Deutschland feiert

Ganz Deutschland feiert die Fußballweltmeisterschaft, Kirchheim feiert natürlich auch die Fußballweltmeisterschaft aber auch das Haft- und Hokafescht. Man feiert und freut sich und ist glücklich über den Sieg einer Mannschaft, die nun weiterkommt. Aber sind wir alle so glücklich? Da gibt es ein Märchen, das wir alle kennen, mit dem Titel: Hans im Glück. Wer es liest, glaubt zunächst, der Titel sei ironisch gemeint. Was nämlich mit Hans in diesem Märchen geschieht, würden wir nicht Glück sondern eher Pech nennen. Als Lohn für sieben Jahre treuen Dienst hat Hans einen großen Klumpen Gold bekommen.

Auf dem Weg nach Hause aber schwätzt ein Reiter das Gold ab und gibt Hans zum Tausch sein Pferd. Es dauert nicht lange, und Hans hat bei einem Bauern sein Pferd gegen eine Kuh eingehandelt. Bei einem Müller tauscht er die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein schließlich gegen eine Gans. Ein Scherenschleifer listet ihm die Gans gegen seinen Wetzstein ab. Hans schleppt sich nun mit dem schweren Stein ab, und als er schwitzend und müde an einem Bach rastet, fällt ihm dieser auf Nimmerwiedersehen ins Wasser. Und die Erzählung schließt mit dem Satz: "Mit leichtem Herzen und frei von aller Last sprang er nun fort, bis er daheim bei seiner Mutter war."

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Dieser Satz offenbart den eigentlichen Sinn dieses Märchens. Äußerlich gesehen, macht Hans jedes Mal einen schlechteren Tausch. Sein Besitz wird von Mal zu Mal weniger und wertloser, bis er nichts mehr in Händen hat. Andererseits wird Hans von Mal zu Mal fröhlicher. Im Grunde empfindet er seinen Besitz als Last und fragt sich, warum er sich damit abschleppen soll. Je mehr Hans sich seines Eigentums entledigt oder besser gesagt: dessen entledigt wird um so mehr tritt zutage, dass seine Fröhlichkeit, seine Freiheit und sein Glück auf ganz anderen Fundamenten ruhen als auf Besitz, Leistung und Erfolg.

Mir scheint, dass Hans im Glück einen großen Bruder hat: Franz von Assisi. Das Leben dieses weit über das Christentum hinaus bekannten Heiligen, der sich mit einer atemberaubenden Radikalität von allem Besitz losgelöst hatte, kündet von einer Freude und Freiheit, die uns manchmal fehlt. Vielleicht lässt sich die Freude und die Freiheit des Hans im Glück und des Franz von Assisi dadurch erklären, dass ihr Leben irgendwo anders verankert war. Die klammern sich nicht ängstlich nur an materielle Dinge. Sie sind nicht besorgt darum, dass jemand ihnen etwas wegnehmen könnte. Sie sind Menschen geworden, die auch verschenken können, weil sie selbst alles als Geschenk betrachten. Beide stehen wie Kinder mit staunenden Augen und offenem Herzen der Welt gegenüber und das ist ihnen möglich, weil sie einen Sinn des Lebens kennen, der von Gott getragen ist.

Sie finden ihr Glück zusammen mit anderen Menschen. Im gemeinsamen Tun aber auch im gemeinsamen Feiern. Dies ist eine Erfahrung, die auch uns im Leben weiterhelfen kann: Durch die Bindung an Gott verliert der Mensch keineswegs seine Freiheit, sondern gewinnt eine ganz neue Freiheit. Durch die Bindung an Gott verliert der Mensch keineswegs die Welt aus den Augen, sondern er gewinnt ein neues Verhältnis zur Welt. Die Bindung an Gott macht den Menschen keineswegs untauglich für die Welt, er gewinnt vielmehr einen schärferen Blick für das Wesentliche und das Unwesentliche, für das Wahre und für das Falsche, so wie Hans, der endlich seinen Stein los wird.

Seit über 2000 Jahren schlagen uns die Psalmisten vor, das Glück in einer richtigen Selbsteinschätzung und unter dem Blick Gottes zu finden. So wünschen wir den Fußballmannschaften Glück und uns allen die Freude an den Spielen und am Sonntag beim Haft- und Hokafescht.

Winfried Hierlemann

Pfarrer der Katholischen

Kirchengemeinde Maria Königin