Lokales

"Ganz London steht unter dem Zeichen des Schreckens"

Auch wenn seine Identität bis heute ungeklärt ist, erinnert man sich an seinen Namen immer noch mit einem Schaudern: Jack the Ripper. Mit den von ihm verübten Morden im Londoner East End versetzte er im Herbst des Jahres 1888 zunächst Großbritannien, danach halb Europa in Aufruhr. Auch in Kirchheim nahm man dank des Teckboten Notiz vom "Ripper" wenn auch nur in zwei eher kleinen Meldungen.

PETER EIDEMÜLLER

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KIRCHHEIM Aldgate, Spitalfields, Whitechapel das Londoner East End ist Ende des 19. Jahrhunderts keine Vorzeigegegend. Abgase durch die rapide wachsende Industrie und zahllose Heizungskamine machen die Gegend nördlich der Themse besonders anfällig für Smog. Zudem gilt das East End zu dieser Zeit als sozialer Brennpunkt, nachdem es seit Beginn der 1880er-Jahre immer wieder zu Gewaltausbrüchen gekommen war. Die Mischung aus sozial benachteiligten Engländern, die für Hungerlöhne in den Docks arbeiten, jüdischen Emigranten, die Schutz vor Verfolgung in Osteuropa suchen sowie russischen und deutschen Verbrechern, die sich in London der Verhaftung in ihren Heimatländern entziehen, macht das East End zum soziokulturellen Pulverfass.

Inmitten dieses Brennpunkts beginnt im Spätsommer 1888 eine Mordserie an Frauen, die bis heute weitestgehend ungklärt ist und Anlass zu den wildesten Spekulationen hinsichtlich des Täters lieferte seit den Morden wurden mehr als 70 Personen (darunter auch Frauen) durch Schriftsteller, Geschichtsforscher und Amateure verdächtigt, die Taten begangen zu haben und der wohl berühmteste Serien-Killer aller Zeiten gewesen zu sein: Jack the Ripper.

Neben seiner Identität ist bis heute auch unklar, wie viele Opfer tatsächlich auf das Konto des Rippers gehen. Am weitesten verbreitet ist eine Liste, die von fünf Opfern ausgeht. Allerdings gab es bis in die 1890er-Jahre eine Vielzahl weiterer ungeklärter Frauen-Morde in London, die jedoch schlechter dokumentiert sind als die "Anerkannten Fünf", wie die offizielle Opferliste genannt wird.

Demnach begann der Schrecken am 31. August mit dem Mord an Mary Ann Nichols, gefolgt von den gewaltsamen Toden von Annie Chapman (8. September), Cathy Eddowes und Liz Stride (beide am 30. September) sowie Mary Jane Kelly (9. November). Da zwischen diesen Taten jedoch auch andere Gewaltverbrechen an Frauen stattfanden, tat sich die Polizei schwer, die Morde Jack the Rippers von denen anderer Täter zu unterscheiden. Kein Wunder also, dass am 26. September im Teckboten zu lesen war: "In den letzten Wochen sind in London nicht weniger als 5 Morde an Frauenzimmern, vermutlich durch einen und denselben Verbrecher, verübt worden, ohne daß es bis dato der Polizei gelungen ist, desselben habhaft zu werden."

Das einzige, dessen die Polizei habhaft wurde, war das Pseudonym des Täters: Der Name "Jack the Ripper" stammt aus einem anonymen Brief, der während der Mordserie an eine Nachrichtenagentur geschrieben wurde und in dem der Verfasser vorgab, der Täter zu sein. Von selbigem fehlte allerdings ebenso jede Spur wie ein Motiv für die Morde. Auffallend war, dass die Opfer allesamt ihren Lebensunterhalt durch Gelegenheitsprostitution bestritten und in den Elendsvierteln des East Ends umgebracht wurden.

Dort sorgte die Mordserie angesichts der brutalen Vorgehensweise des Rippers für beispielloses Entsetzen. Vor allem der Mord an Mary Jane Kelly löste eine regelrechte Panik in Whitechapel aus und sorgte für entsprechendes mediales Echo: "Ganz London steht unter dem Zeichen des Schreckens. Im Ostende wurde gestern wieder eine Frau ermordet. Die Ermordete hieß Jane Kelly; sie wird als ein großes und auffallend schönes Frauenzimmer geschildert", meldete der Teckbote am 14. November. "Man fand ihre Leiche entsetzlich zugerichtet (die Feder sträubt sich, die Mitteilungen der englischen Blätter über diese grausamen Verstümmelungen wiederzugeben) in dem von ihr bewohnten Zimmer. Kelly wurde im Gegensatz zu den anderen vier Opfern nicht auf offener Straße, sondern in ihrer eigenen Wohnung in der Dorset Street ermordet von wem, darüber konnte damals wie heute nur spekuliert werden: "Der Mörder war unerkannt und unverfolgt entkommen, niemand hatte ihn gesehen, niemand einen Schrei gehört. Die Polzei sucht seine Spur jetzt mit Bluthunden zu verfolgen ein zweifelhaftes Unternehmen. Bemerksenswert ist, daß der Mörder der Leiche beide Ohren und die Nase abgeschnitten hat, wie er vor kurzem ankündigte."

Mit dieser Bemerkung deutete der Autor dieser Meldung auf einen Brief des mutmaßlichen Täters hin, der im Nachhinein allerdings bereits auf den 25. September 1888 datiert wurde. In diesem sogenannten "Dear Boss"-Brief, der an den Chef einer englischen Nachrichtenagentur geschickt wurde, versprach der Absender, dass er "der Dame die Ohren abschneiden" werde. Wie sich in späteren Jahren nach Veröffentlichung der polizeilichen Ermittlungsdaten zeigte, geschah dies allerdings bereits am 30. September, als der Mörder der Leiche Cathy Eddowes die Ohren abschnitt. Nichtsdestotrotz markierte der Mord an Mary Kelly den Höhepunkt in der Hysterie um Jack the Ripper: "Die Aufregung in Whitechapel ist mit Worten nicht zu schildern", hieß es im Teckboten nach der Tat, die wie die anderen auch bis heute ungesühnt ist: Wer Jack the Ripper war, konnte nie geklärt werden. Seine Taten sind und waren allerdings Bestandteil zahlloser Filme (zuletzt 2003 mit Johnny Depp in "From Hell"), Bücher und ganzer Internet-Foren.

Eine höchst beachtenswerte Informationsseite zu diesem Thema findet sich im globalen Dorf unter www.jacktheripper.de.