Lokales

"Ganz normale Jugendliche wie wir auch"

Ein erfolgreiches Projekt zur Integration junger Spätaussiedler stellte die Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule im Kirchheimer Integrationsausschuss vor: Unter der Überschrift "Soziales Lernen" geben Berufsschüler der Automobilklasse jugendlichen Aussiedlern Computerunterricht.

ANDREAS VOLZKIRCHHEIM Wie wichtig die PC-Kurse für die jungen Spätaussiedler sind, machte der Projektbetreuer Dieter Nietmann den Mitgliedern des Integrationsausschusses mit einem einzigen Satz deutlich: "Viele sehen hier zum ersten Mal einen Computer." In den Kursen erhalten sie Hilfen für die Ausbildungs-, Arbeitsplatz- und Wohnungssuche. Internetrecherche und der Umgang mit E-Mails stehen genauso auf dem "Lehrplan" wie das Verfassen von Lebensläufen, Bewerbungsschreiben und Antworten auf Annoncen.

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Und dabei sind Computer und Internet nicht einmal das Hauptziel des Projekts, sondern übernehmen nur die Mittlerrolle. "Wichtig ist der Kontakt", betont Dieter Nietmann. Allein die Begegnung mit deutschen Jugendlichen leiste schon sehr viel für die Integration junger Spätaussiedler. Nicht zuletzt sähen sie durch diese Unterrichtssituation einmal die Notwendigkeit, die deutsche Sprache anzuwenden auch außerhalb von Sprachkursen. Der Vorteil für die Schüler der Automobilklasse wiederum besteht darin, dass die Kurse bei ihnen für ein erweitertes soziales Bewusstsein sorgen.

Sozialkompetenz werde als Schlüsselqualifikation immer wichtiger, auch in der kaufmännischen Ausbildung an der Schöllkopf-Schule. Nach einem ersten größeren Projekt im vergangenen Jahr, als die Automobilklasse das Marketing für eine Behinderteneinrichtung übernommen hatte, entstand nun der Wunsch, bei der Fortsetzung die sozialen Kontakte stärker in den Vordergrund zu rücken. "Trotz erstem Zurückschrecken im Vorfeld haben die Schüler unsere Projekte im Nachhinein immer bejaht", wusste Nietmann aus Erfahrung zu berichten.

Im konkreten Fall gehe das Konzept bereits auf. Acht Schüler aus der Automobilklasse unterrichten 20 Spätaussiedler alle zwei Wochen in kleinen Gruppen. Wenn jeder Teilnehmer alle acht PC-Grundbausteine hinter sich gebracht hat, ist das Projekt zu Ende. Der Kontakt muss deshalb aber nicht abbrechen. In den gemeinsamen Gesprächen geht es durchaus auch um andere Dinge als Computer, etwa um die Freizeitgestaltung. Dieter Nietmann: "Da entstehen vielleicht nicht gleich Freundschaften, aber es kann sich etwas daraus entwickeln."

Darko Cuijanovic bestätigte diese ersten Erfolge auch aus Schülersicht: "In der Stadt haben wir schon öfter einen unserer ,Schüler' getroffen und unterhalten uns dann auch mit ihm." Wenn sie ihn allerdings nicht kennen würden, kämen sie niemals auf die Idee, ein Gespräch mit dem jungen Spätaussiedler zu führen. Ihren sozialen Horizont konnten Darko Cuijanovic und seine sieben Mitschüler aber auch mit Blick auf den Lehrerberuf bereits erweitern: "Es ist interessant, einmal die Lehrerseite zu sehen, was Lehrer eigentlich bringen müssen oder aushalten."

Große Unterschiede hat der angehende Automobilkaufmann als "Lehrer" bisher in den verschiedenen Altersgruppen ausgemacht. Die älteren "Schüler" seien meistens mit Interesse dabei, und der "Unterricht" funktioniere trotz sprachlicher Barrieren. Bei den Jüngeren überwiege dagegen häufig das Interesse, einfach nur Spaß zu haben, sei es nun am PC oder auch im Internet.

"Wir sind jetzt mittendrin. Bis zum Ende werden beide Seiten profitieren", zeigt sich Darko Cuijanovic überzeugt vom Erfolg des "Sozialen Lernens". Schon jetzt habe das Projekt dazu beigetragen, Vorurteile abzubauen. Etliche seiner Klassenkameraden hätten nämlich nach anfänglichem Enthusiasmus Bedenken gegen das Engagement für die Spätaussiedler entwickelt und seien deshalb auch nicht am Projekt beteiligt. "Aber die Angst und die Kritik an den Russlanddeutschen kann ich im Nachhinein nicht nachvollziehen. Das sind ganz normale Jugendliche wie wir auch nur mit ein paar Problemen mehr."

Einen Teil dieser Probleme benannte Darko Cuijanovic in der Sitzung des Integrationsausschusses: "Sie wohnen alle auf relativ engem Raum im Wohnheim zusammen und sind dort unter sich. Deshalb besteht für sie kein Zwang, nach außen zu gehen." Grundsätzlich sei die Sprache die größte Barriere, die Aussiedler daran hindre, den vertrauten Kreis der Bekannten im Wohnheim zu verlassen und Kontakt mit der Welt außerhalb des Wohnheims aufzunehmen. Dadurch wiederum verschärft sich das Sprachproblem.

Dieter Nietmann beschreibt die jungen Spätaussiedler folgendermaßen: "Bei einem Großteil von ihnen handelt es sich um sehr zurückhaltende und sehr schüchterne Personen auch wenn sie nach außen hin in der Gruppe anders auftreten." Selbst wenn bei vielen der Wunsch nach Integration vorhanden sei, so fehle es ihnen doch häufig an der Überwindung, am Selbstantrieb, um den notwendigen Schritt zu tun.

Diese Einschätzung bestätigte Dieter Kranz vom Jugendmigrationsdienst: "Das ist ganz typisch. Wir müssen die Jugendlichen manchmal auch zum Computerkurs ,hintragen'." Für umso wichtiger hält er das Angebot der Jakob-Friedrich-Schöllkopf-Schule, das die Teilnehmer, die alle "relativ neu hier in Deutschland sind", mit deutschen Jugendlichen in Kontakt bringt.