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Ganze Wände werden in die Lüfte gehoben

Fünfhundert Jahre nach seiner Erbauung soll ein denkmalgeschütztes Bauernhaus aus dem Albflecken Aichelau im Freilichtmuseum Beuren eine neue Heimat finden. Stück für Stück wird das alte Material abgebaut, restauriert und neu zusammengefügt.

ANNEGRET KAPP

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BEUREN Nicht Berge, aber immerhin Häuser zu versetzen, ist der Job von Karl Schmauder, der im Freilichtmuseum des Landkreises Esslingen in Beuren für die Bautätigkeiten zuständig ist. Dass kann spektakulär genug sein, wenn wie derzeit in Pfronstetten-Aichelau im Kreis Reutlingen der Baukran ganze Wände in die Lüfte hebt und zum Abtransport verlädt.

Ebenso aufwändig sind aber die umfangreichen Vorarbeiten, die an dem Aichelauer Bauernhaus bereits vor einem Jahr begannen. Eine dentochronologische Untersuchung der Balken gab Aufschluss über das Baujahr: vermutlich 1509. Fotografisch und mit Hilfe eines neuartigen 3-D-Laser-Scanners wurde der Zustand des alten Gebäudes dokumentiert und eine Schadenskartierung vorgenommen. Dielenbretter, Dachziegel und Sparren wurden einzeln ausgebaut. Schließlich erhielten die Fachwerkelemente, an einem Stück bestimmt sind, eine sichere Verpackung aus Planen und Verschalungen. Dadurch kann die originale Gefachfüllung aus Haselrutengeflecht und Lehm samt der darüber liegenden Schichten bis hin zur Tapete mit ins Museum geschafft werden.

Der Fachwerkverbund, im Volksmund "Grettamacherwand" genannt, hält selbst nach fünfhundert Jahren noch so fest zusammen, dass sogar die sieben Tonnen schwere Seitenwand unzerteilt ihre Reise antreten konnte. Dabei ist viel Präzision nötig, verrät Karl Schmauder: Nur wenn man die Wand genau im richtigen Winkel aus den Zapfen hebelt und seitlich wegkippt, gelingt das Manöver. Problematischer gestaltet sich die so genannte "Großteiltranslozierung" bei den massiven Mauern aus Steinen, die damals die Erbauer von Äckern und Wiesen zusammengeklaubt hatten. Auf einige besonders baufällige Mauerstücke müssen die Museumsleute ganz verzichten. Die sorgfältigste Verpackung wäre in diesen Fällen keine Garantie dafür, dass das Transportgut nicht unterwegs auseinanderbröckelt und die Bauarbeiter in Gefahr bringt.

Vier Wochen soll es noch dauern, bis alle überirdischen Teile des Gebäudes aus Aichelau verschwunden sind. Ihr Winterquartier erhalten sie bei der Spezialfirma Jako aus Rot an der Rot, die neben dem Abbau auch die nötigen Restaurierungsmaßnahmen vornimmt. Spannung kommt dann im Frühjahr wieder auf, wenn der Gewölbekeller mit Hilfe einer Betonfassung transportfähig gemacht und als größtes Einzelstück nach Beuren gebracht wird. Nach einer weiteren Reise quer über die Alb sollen sich die jetzt geretteten Stücke dort schließlich wie die Klötzchen eines Baukastens wieder zu einem Ganzen zusammenfügen.

Bis die Besucher des Freilichtmuseums den Neuzugang restauriert und eingerichtet in Augenschein nehmen können, dürften aber noch ein paar Jahre ins Land gehen. Bremsender Faktor ist die Finanzlage. Je nach dem, wie viel Geld im Museumshaushalt jedes Jahr für die abschließenden Arbeiten zur Verfügung steht, könnte die für den Saisonstart 2009 angedachte Einweihung sich noch verschieben. Einen langen Atem und gute Argumente brauchten die Retter dieses typischen Albhauses schon, bis ein kräftiger Landeszuschusses die auf 900 000 Euro veranschlagte Umsiedlung nun endlich ermöglichte.

Die Idee, das Gebäude nach Beuren zu holen, stammt noch aus den neunziger Jahren des letzen Jahrhunderts. Sie liegt der Museumsleiterin Steffi Cornelius umso mehr am Herzen, als das zum Anwesen gehörige Ausgedinghaus bereits seit vorigem Jahr in Beuren steht. Wenn jener Altenteil und das Haupthaus erst wieder dicht beieinander stehen, sollen die Besucher nachvollziehen können, in welch drangvoller Enge Bauernfamilien auf der Alb in früheren Jahrhunderten wohnten.

Das nachgeholte, spätmittelalterliche Fachwerkhaus ist aber auch aus baulicher Hinsicht interessant. Als "gestelztes Eindachhaus" repräsentiert es eine typische Bauform der Schwäbischen Alb mit jahrhundertelanger Tradition. In solchen Gebäuden lagen die Wohnräume der Familie im Obergeschoss über einem Wirtschaftsteil, oft dem Stall. Auf diese Weise heizte das Vieh im Winter praktisch die Stube mit. Das Bauernhaus aus Aichelau besitzt im Erdgeschoss außerdem eine Werkstätte. Mit welchem Handwerk die Bewohner sich darin einst ein Zubrot verdienten, wollen die Beurener Wissenschaftler noch erforschen. Obwohl man sich im Freilichtmuseum über den Neuzugang freut, gilt das Häuser-Versetzen den Denkmalpflegern nur als zweitbeste Lösung. Denn, so bedauert Karl Schmauder, das Dorfbild verliert auf diese Weise seine charakteristische Prägung. Ideal wäre es, die Gebäude vor Ort der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Aber welcher Tourist fände schon den Weg in den Albflecken Aichelau, auf den kein Straßenschild hinweist und auf dessen Straßen man mehr tote Katzen zu Gesicht bekommt als lebende Bewohner? Frei nach dem Propheten könnte man also sagen: Wenn kein Museum in das Baudenkmal kommt, muss das Baudenkmal eben ins Museum kommen.