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"Ganztagesschule wäre so beschlossene Sache"

"Morgenstund hat Gold im Mund". In den Schulkonferenzen, die den Unterrichtsbeginn individuell festlegen, hatte das Sprichwort seither viele Anhänger. Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger sorgt nun mit seinem Anstoß, die Schulglocke zum Auftakt eine halbe oder gar eine ganze Stunde später läuten zu lassen, auch in den Schulen in Kirchheim und Umgebung für Diskussion.

ANKE KIRSAMMER

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KIRCHHEIM Aufgeschlossen steht der Schulleiter des Ludwig-Uhland-Gymnasiums, Dr. Andreas Jetter, dem Ansinnen des Ministerpräsidenten gegenüber. Er beabsichtigt deshalb, das Thema beim nächsten Treffen der Kirchheimer Schulleiter vorzubringen. Vorstellbar wäre für ihn, den morgendlichen Startschuss von 7.30 auf 8 Uhr zu verschieben. Wegen des Öffentlichen Personennahverkehrs müsste eine Vereinheitlichung auch mit den Haupt- und Realschulen angestrebt werden. "Besonders schwer wiegen für mich Argumente der Lernpsychologie", erklärt Dr. Jetter. "Die plädiert nämlich ebenfalls für einen späteren Unterrichtsbeginn." Dem Schulleiter zufolge sind die Schüler von der zweiten bis zur vierten Unterrichtsstunde am fittesten. Derzeit müssen Gymnasiasten aus Ochsenwang oder Schopfloch zwischen 5.30 und 6 Uhr aus den Federn, wenn sie zur ersten Stunde im Klassenzimmer sitzen sollen.

Ob Kinder morgens aufnahmefähig sind, hängt für Siegfried Lutz, Schulleiter am Kirchheimer Schlossgymnasium, in erster Linie davon ab, wann sie abends ins Bett gehen. Prinzipiell begrüßt er den Vorschlag, mit dem Unterricht später zu beginnen, gibt jedoch zu bedenken, dass der Schulschluss sich damit weiter nach hinten verlagert, was sich wiederum auf außerschulische Aktivitäten beispielsweise in Sportvereinen oder Musikschulen auswirkt. Für wichtig hält er auch, Überlegungen hinsichtlich der Strukturierung des Stundenplans anzustellen. "Wir brauchen einen sinnvollen Wechsel von Spannung und Entspannung für die Schüler."

"Wir wähnen uns jetzt bereits auf einer Insel der Glückseligen", meint der Rektor der Grund- und Hauptschule Jesingen, Hans Gregor. Weil der Bus aus Ohmden erst das Schlossgymnasium bedient und anschließend die Schüler in Jesingen absetzt, ertönt die Schulglocke in dem Kirchheimer Stadtteil zur ersten Stunde erst um 7.50 Uhr. Vor allem für die Abc-Schützen hält Gregor einen allzufrühen Unterrichtsstart insbesondere in den Wintermonaten nicht für zumutbar. "Wir haben deshalb strikt darauf geachtet, dass die Erst- und Zweitklässler nicht vor 8.40 Uhr beginnen", betont Gregor. Dass längst nicht alle Eltern erst nach 8 Uhr zur Arbeit gehen, wie Oettinger annimmt, zeigt unter anderem der gute Besuch der Kernzeitenbetreuung vor Unterrichtsbeginn. Für die eigene Schule sieht der Rektor momentan zwar keinen Handlungsbedarf, prinzipiell könnte er einem späteren Unterrichtsbeginn aber durchaus etwas abgewinnen und blickt dabei auch über den Tellerrand hinaus: "In Finnland, dem PISA-Musterknaben, fangen die Schulen sogar erst um 9 Uhr an."

"Im Sommer empfinde ich einen frühen Unterrichtsbeginn als sehr angenehm", gibt Günther Bosch, Rektor der Dettinger Grund- und Hauptschule, zu bedenken. Auch der späte Beginn der Sommerferien im August spricht seiner Ansicht nach für einen zeitigen Beginn am Morgen in der wärmeren Jahreszeit. Durchaus vorstellbar wäre für Bosch allerdings auch ein mit mehr Lehrern verbundener "Eingangskorridor" bis 8.30 beziehungsweise 9 Uhr.

Für nicht zu Ende gedacht hält der Rektor der Realschule in Oberlenningen, Klaus Erlenmaier, den Vorstoß Oettingers. "Damit wäre die Ganztagesschule beschlossene Sache, ohne dass man sagt, dass man sie will", sagt der Pädagoge, an dessen Schule voraussichtlich zum Schuljahr 2007/2008 ein Ganztagesbetrieb angeboten wird. Haben Realschüler im Schnitt anderthalb bis zwei Mal pro Woche Nachmittagsunterricht, so kämen allein durch einen um eine Stunde verschobenen Unterrichtsbeginn zwei weitere Nachmittage hinzu, gibt Erlenmaier zu bedenken. Beantwortet werden müsse auch, wie die Betreuung für die Kinder aussehe, deren Eltern früh aus dem Haus gehen. Der Vergleich mit dem europäischen Ausland hinkt Erlenmaier zufolge: "Andere Länder fangen morgens nicht nur später an; sie haben auch eine andere Stundentafel." Bei einem unveränderten Stundenplan von 38 Stunden käme danach so mancher G-8-Schüler abends nicht vor 18 Uhr aus der Schule raus.

Auch der Kirchheimer Gesamtelternbeiratsvorsitzende Heinz Deeg denkt in erster Linie an die Pennäler des Turbo-Gymnasiums. "Die hätten keinen freien Nachmittag mehr". Den Vorstoß des Ministerpräsidenten hält Deeg deshalb für einen Schnellschuss. Auch sticht für ihn das Argument des gemeinsamen Familienfrühstücks nicht. "Die meisten Berufstätigen fangen morgens doch nach wie vor um 7 Uhr an."

Für Diskussionen sorgt das Thema selbstverständlich auch unter den Schülern. Von einer Verschiebung in den Nachmittag hält Johannes Faller, Schülersprecher am Ludwig-Uhland-Gymnasium, nicht allzuviel. Schon jetzt hat der Zwölftklässler an vier Nachmittagen Unterricht.

Und wie sieht es mit dem vielbeschworenen Biorhythmus der Schüler aus? "Wenn man danach ginge, bekäme man keine Klasse zusammen, weil sich der von Mensch zu Mensch unterscheidet", meint Dr. Karl-Heinz Schick vom kinder- und jugendärztlichen Dienst im Esslinger Gesundheitsamt. Und schließlich lasse sich der Biorhythmus auch verschieben etwa durch ein früheres Zu-Bett-Gehen am Abend.