Lokales

"Gastarbeiter" sollen Namen und Gesicht bekommen

Der Kirchheimer Bund der Selbstständigen (BDS) hat erstmals einen Wirtschaftspreis für Schüler ausgeschrieben. Zu den Gewinnern gehören Natalie Pfau und Victoria Filip aus Klasse zwölf der Kirchheimer Ludwig-Uhland-Gymnasiums. Sie haben eine 50-seitige Power-Point-Präsentation erstellt und legen in einer Projektbeschreibung ihr Thema "50 Jahre Gastarbeiter und Integration in Kirchheim" dar:

KIRCHHEIM Es dauerte nicht sehr lange, bis wir uns auf das Thema geeinigt hatten, denn wir wählten "50 Jahre Gastarbeiter und Integration in Kirchheim" aufgrund zweier Aspekte: Da wir leider im Geschichtsunterricht nur wenig über die Vergangenheit Kirchheims gesprochen hatten, wollten wir uns nun auf eigene Faust die Vergangenheit aneignen. Zudem fanden anlässlich des Jubiläums "50 Jahre Gastarbeiter und Integration in Kirchheim" im vergangenen Jahr in Kirchheim zahlreiche Veranstaltungen zu dem Thema statt. Zum anderen entstammen wir beide Familien mit Migrationshintergrund. Aus Berichten und Erzählungen von Eltern und Großeltern wussten wir um viele Hintergründe und Alltagssituationen, die eine Familie durchlebt, bis sie endlich am Ziel ist.

Anzeige

So recherchierten wir zunächst einmal in der Familie. Natalies Großeltern kamen mit ihrer Mutter Maria de los Angeles im Juni 1966 nach Deutschland. Die dreiköpfige Familie stammte aus Nordspanien. Victorias Großeltern der einen Seite stammen aus Donauschwaben, die andere Großmutter ist Sudetendeutsche. Es war beeindruckend zu hören, was die eigene Familie alles durchleben musste und sehr ergreifend zu sehen, welche Erinnerungen die Großeltern und Eltern an jene Zeit hatten.

Dann kamen die allgemeinen Fakten. Da im vergangenen Jahr das Jubiläum "50 Jahre Gastarbeiter in Kirchheim" gefeiert wurde, gab es in diesem Rahmen eine Ausstellung " . . . und es kamen Menschen" im Rathaus. Die Ausstellung gab einen guten Überblick über das Leben dreier Gastarbeitergenerationen und hob mehrere Einzelschicksale hervor. Zudem wurden wir eingeladen, einer Veranstaltung mit Justizminister Dr. Ulrich Goll zum Thema Integration beizuwohnen. Um die beiden Komponenten Arbeitsintegration und Sozialintegration zu verdeutlichen, waren je vier damalige Arbeitnehmer und Arbeitgeber aus der Region Kirchheim eingeladen, die ihre persönliche Geschichte erzählten. Das nächste Ereignis, an dem wir uns beteiligten, war eine Podiumsdiskussion im Jugendhaus "Linde".

Nach dieser Integrationsreihe der Stadt Kirchheim begannen wir zu recherchieren: Wir durchforsteten die Stadtbücherei und schrieben an die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, die uns eine hilfreiche Broschüre zum Thema Migration schickte. Wir surften im Internet und wurden dort ebenfalls fündig.

Nachdem wir uns über das Thema einen Überblick geschaffen hatten, versuchten wir uns auch in die Kulturen der Gastarbeiter einzuarbeiten. Da wir beide uns schon in der spanischen Lebensart gut auskannten, wählten wir die türkische Kultur aus und versuchten, einen Einblick in den Islam zu erlangen. Dadurch verstanden wir manche Probleme der Immigranten besser, denn der Zusammenprall der Kulturen war uns nun bewusster und erklärbarer.

Wichtig war uns auch, in der Politik nachzuverfolgen, was in der Gegenwart zu diesem Thema geschah. Deshalb legten wir auch einige Zeitungsartikel des Teckboten bei, die zeigen, wie wichtig und aktuell das Thema immer noch ist.

Da wir uns auf die Integration der Gastarbeiter in Kirchheim spezialisieren wollten, beschafften wir uns zudem das Buch "Gastarbeiter in Kirchheim unter Teck, 50 Jahre Arbeitsmigration" von Renate Hirsch. In diesem Buch erzählen wieder einige Kirchheimer, die aus dem Ausland in den 60er und 70er Jahren kamen, von ihren Erlebnissen.

Es ist natürlich schade, dass wir die gesamten Geschichten, die wir in den vergangenen Monaten kennengelernt hatten sei es persönlich erzählt oder in Büchern gelesen nicht alle präsentieren konnten. Aber wir wollten einen Überblick über die 50 Jahre liefern, der zeigen soll, wie im Allgemeinen die Einwanderung ablief und welche Probleme und Rahmenbedingungen es gab. Ein besonderes Anliegen war uns, dass trotz der sachlichen Darstellung die Einzelschicksale am Rande erwähnt und nicht vergessen werden, damit "der Gastarbeiter" einen Namen und ein Gesicht bekommt.

Unser Wunsch war es, die Erwartungen der ehemaligen Gastarbeiter zu erfüllen, damit wir die Ereignisse nicht falsch überliefern, dass wir dieses wichtige Kapitel am Leben erhalten und noch mal durch viele Informationen ins Bewusstsein rufen oder jungen Menschen wie uns diesen wichtigen Bestandteil der Kirchheimer Geschichte bewusst zu machen.

Leider konnten wir auch nach intensiver Arbeit und Auseinandersetzung mit diesem Thema keine schlüssigen Lösungsvorschläge entwickeln, die beispielsweise das Problem der mangelnden Bildung vieler Kinder mit Migrationshintergrund lösen können. Wir versuchen deshalb weiterhin, in diesem Thema "am Ball zu bleiben" und mitzudenken, hoffen aber, dass die schlauen Köpfe in den Integrationsausschüssen oder in der Politik geeignete Integrationsmodelle entwickeln werden und sie dann auch in die Realität umsetzen.

Als Fazit unserer Arbeit lässt sich sagen, dass wir beide das Thema nun mit anderen Augen sehen, da wir dank verschiedener Quellen gelernt haben, wie wichtig Gastarbeiter für Deutschland, Baden-Württemberg und auch Kirchheim waren. Neben der wirtschaftlichen Bedeutung lernten wir verstärkt die kulturelle Bereicherung der Menschen zu schätzen und begegnen diesen Personen mit einem enormen Respekt. Während der Bearbeitung dieses Themas wurde uns bewusst, wie wichtig Toleranz und das Aufeinanderzugehen der Kulturen ist und dieser Aspekt erschien uns vor allem jetzt, in Zeiten der Globalisierung, sehr wichtig.